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Die Geschichte von Euseus – Teil 2 – Kapitel 11

Ich war auf dem Weg zu einem Jungen namens Agur, elf oder zwölf Jahre alt, den ich von seiner Besessenheit befreien sollte. Der Frühling begann – er kam schon im Februar. Der Duft der Blüten lag bereits in der Luft und regte meine Gedanken an. Die Reise würde bald vor uns liegen … Die Mutter von Agur fragte mich:
– „Soll ich lieber gehen?“
– „Ja, das wäre besser.“
Was dann geschah, war eine äußerst überraschende Begegnung. Sie veränderte mein bereits bestehendes Verständnis von Besessenheit, erweiterte den Horizont des Themas an sich erheblich und veranlasste mich, immer weitere Fragen über die Welt zu stellen, in die ich von meiner geliebten Mutter hineingeboren wurde. Ich habe vielleicht nicht die Worte und Begriffe der damaligen Zeit, um dieses Wunder zu beschreiben (was mir damals wie ein Wunder vorkam), aber ich werde es versuchen …
Ich fragte den Jungen, der als einziger in der Gemeinde einen Dämon besaß:
– „Agur, was kannst du mir sagen? Was ist anders geworden im Vergleich zu früher?“
– „Euseus, ich halte mich jetzt nicht immer zurück. Oft noch werde ich wütend, schreie meine Mutter an und mache mir dann Sorgen. Aus heiterem Himmel beginne ich mit meinem Vater zu streiten, als ob mich jemand schubsen würde: ´Sag ihm das…´ Ich halte mich nicht immer zurück, ich rede … Wenn ich von meinem Vater eine Ohrfeige bekomme, schreie ich etwas Böses zurück und kann nicht aufhören. Ich sage zu meinen Freunden Worte, die mir vorher nie in den Sinn kamen …“
– „Und wie ist es jetzt? Möchtest du mich beschimpfen?“
– „Nein, überhaupt nicht. Ich weiß, dass du mein Freund bist.“
Während Agur sprach, behielt ich den Dämon im Auge. Er hatte es nicht eilig, auf meine Anwesenheit zu reagieren, genauer gesagt, er reagierte überhaupt nicht. Er sah aus wie ein kleiner Mann, dem jemand das Haar auf dem Kopf zerzaust und dann vergessen hat, es zu kämmen …
– „Gut, Agur. Mal sehen, ob wir nicht herausfinden können, was du da hast. Hilf mir. Sprich ein Gebet. Zusammen schaffen wir es.“
Agur nickte. “Guter Junge”, dachte ich. – “Warum hat er einen Dämon? Der hätte in das nächstgelegene Dorf gehen sollen …”
Ich ging auf den Jungen zu, legte meine Hände über seinen Kopf und begann zu beten.
– „Was willst du?“ – fragte Agurs Stimme plötzlich. Es war klar, dass nicht er sprach. Agur sah mich schuldbewusst an, als ob er sagen wolle: ich kann nichts dagegen tun.
Ich versuchte zu lächeln, um ihn nicht zu beunruhigen.
– „Das Gleiche wie immer”, sagte ich, “damit du gehen kannst.“
– „In Ordnung”, antwortete der Mann ruhig. – „Ich kann gehen. Und komme zurück, wenn du weg bist.“
– „Dann werde ich dich auflösen müssen”, sagte ich. Das ungewohnte Szenario verursachte allmählich ein Unbehagen.
– „Ein Kreuz aus Feuer? Es wird nicht funktionieren. Du hast mich nicht erschaffen, also kannst du auch nicht das Gegenteil tun. Ich bin kein totes Tier”, antwortete der Mann mit leiser Stimme, ohne Grunzen oder Knurren. Er trat aus dem Feld des Jungen heraus und schwebte nun über ihm.
– „Wer bist du?”, war die einzige Frage in meinem Kopf, auf dem sich die Haare sträubten.
– „Ich habe keinen Namen. Ich bin ein Geist. Ich war einmal eine Botschaft”, antwortete er in seiner schwebenden Position.
Er konnte Agurs Körper, Agurs Sprache benutzen, ohne in ihm zu sein! Auch das trug nicht zur gewohnten, erarbeiteten Zuversicht bei.
– „Versuchst du, mich zu beruhigen, mich abzulenken?“ – fragte ich.
– „Und warum? Du fragst, ich antworte. Wenn wir mit der Kommunikation fertig sind, kann ich gehen. Ich brauche nicht die Kraft, die du hast, die Kraft, die du benutzt. Ich bin wegen einer anderen Kraft gekommen … Davon gibt es hier nicht genug.“
– „Und wer hat dich geschickt?“
– „Ich kann nicht feststellen, wer mich geschickt hat – es ist eine fremde Welt. Ich habe geschlafen. Man hat mich geweckt, gab mir einen Auftrag. Durch mich soll eine Kraft fließen, ich suche sie. Wenn es die Kraft nicht gibt, gehe ich wieder schlafen.“
– „Welche Art von Kraft brauchst du?“
– „Nicht die Art, die du anwendest. Deine Kraft ist leicht, ich brauche eine schwere.“
– „Können wir etwas vereinbaren?“ – Ich verstand, dass ich eine unnötige Frage gestellt habe. Daraufhin sagte ich: “Machen wir es so: Du gehst weg und kommst nicht mehr hierher, in die Gemeinschaft.“
– „Einverstanden. Für mich gibt es hier fast keine Nahrung mehr. Nach dem Aufwachen brauchte ich Kraft. Ich habe sie hier gefunden. Jetzt kann ich weitergehen. Dieser junge Mann kann nicht die dringend benötigte Energie liefern, er hat andere Pläne. Die Gemeinschaft ist ein Ort der leichten Kraft.“
– „Wenn du geschlafen hast, bedeutet das, dass dich jemand erschaffen hat?“ – Meine Neugierde ließ diesen unbegreiflichen Dämon, oder besser gesagt, diese unbegreifliche Kreatur, nicht los.
Eine ungewöhnliche Geschichte: Ich wollte einen Dämon exorzieren und war fasziniert von der Kommunikation mit ihm.
– „Ich wurde von einem geschaffen, der euch Menschen ähnelt. Aber er war anders, er wusste seinen Verstand zu benutzen. Es ist schon lange her – ich kann die Zeit nicht genau beziffern. Ich war eine Botschaft – er erschuf mich mit seinen Gedanken. Und schickte mich zu einem wie ihm mit einer Nachricht: ´Es ist an der Zeit. Der Planet hat sich in Bewegung gesetzt.´ Ich kehrte zu demjenigen zurück, der mich geschaffen hatte, und übermittelte ihm die Antwort: ´Verstanden. Beginn der Bewegung´. Es gab keine weiteren Aufgaben.“
– „Und was ist dann passiert?“
– „Ich weiß es nicht. Ich habe geschlafen. Ich war nicht da. Als ich erwachte, war ich von einer unbekannten Welt umgeben. Eine Menge Wasser. Mein Schöpfer hat nicht im Wasser gelebt.“
– „Und wo bist du aufgewacht?“
– „Am Meer. Wo dieser Fluss ins Meer mündet. Wo das Haus des Meisters war.“
– „Und wie wurdest du geweckt?“
– „Es gab einen Kräfteschub. Mir wurde die Energie zum Handeln gegeben. Es wurde eine neue Aufgabe gestellt – die Suche nach einer schweren Kraft. Ich kann die Quelle dieser Kraft unfehlbar finden.“
– „Und wenn du diese Kraft findest, was machst du dann mit ihr?“
– „Ich fülle mich mit ihr, ich verdichte sie. Sie fließt durch mich zu dem, der mich geweckt hat.“
– „Und wo ist derjenige, der dich geweckt hat?“
– „Er ist nicht hier.“
– „Wie kann ich deinen Auftrag ändern? Oder wie bringe ich dich zum Schlafen?“
– „Du hast nicht die Macht, meinen Auftrag zu ändern. Nur derjenige, der mich erschaffen hat, und derjenige, der mich geweckt hat, kann das tun. Ich kann nur einschlafen, wenn ich keine Kraft habe, wenn ich keine Nahrung bekomme.“
– „Wer war dein Schöpfer? War er ein Mensch?“
– „Er ist intelligent. Er weiß, wofür sein Verstand da ist. Seine Gedanken sind geordnet. Er ist wie du, aber es gibt keine schwere Kraft in ihm. Euch kann man einer Spezies zuordnen, aber ihr seid nicht organisiert, euer Verstand befindet sich im Stadium der Entwicklung … Ich kann keinen genauen Vergleich anstellen …“
Meine Fragen waren festgefahren, sie konnten sich nur noch im Kreis drehen, obwohl es viele in mir gab …
– „Mehr habe ich nicht zu fragen…”, sagte ich und spürte, wie in mir Unmut aufstieg. Ich habe diese Aufregung gerade noch rechtzeitig bemerkt, habe gelächelt, an den VATER gedacht, an das LICHT, das sich immer auf mich ergießt, und die Aufregung löste sich …
– „Ich gehe fort und komme nie wieder hierher zurück. Das steht nicht im Widerspruch zu meinem Auftrag”, sagte der Geist und huschte davon.

– „Lasst uns beten, Agur.“ – Wir haben gebetet. Ich fragte ihn: “Was denkst du darüber, Bruder?“
Agur wischte sich die Tränen weg:
– „Danke, Prophet. Ich werde öfter beten … Ich werde wirklich beten. Ich will mich nicht mehr mit Vater streiten und Mutter anschreien … Und ich will nicht, dass dieser Geist wiederkommt, er ist immer noch stärker als ich …“
Man kann sich vorstellen, wie verblüffend es für mich war, mit diesem … Geschöpf zu sprechen. Es wäre einfacher, das Geschehen in der Sprache der gegenwärtigen Inkarnation auszudrücken.
Ich bin vor fast zweitausend Jahren mit einem Wesen zusammengetroffen, das durch Gedankenbilder eines humanoiden Geistes geschaffen wurde, der eine viel höhere Entwicklungsstufe als die unsrige hatte.
Dieser intelligente Mensch existierte in einer unbekannten Epoche auf der ERDE, es ist schwer zu sagen, wann, aber definitiv vor der Sintflut. Außerdem wurde die von ihm geschaffene Kreatur von einer Welt außerhalb der Erde so umprogrammiert, dass sie ein bestimmtes Spektrum der vom Menschen ausgehenden Energie sucht und verbraucht. Es stellt sich heraus, dass derjenige, der dieses Wesen, dieses lebende Programm (irgendwie möchte ich es nicht als ‘Dämon’ bezeichnen), umprogrammiert hat, nicht weniger geistige Kraft besaß als derjenige, der dieses Wesen durch die Kraft der Gedanken erschaffen hat…

Von Agur aus ging ich zum Fluss, ich brauchte Olivia dringend. Mir schwirrte der Kopf vor Überanstrengung. Ich musste mit Olivia kommunizieren und sie einfach sehen: Ich vermisste sie, Olivia war meine Heimat, also Ani.
Der Fluss lebte im Frühling. Ein Aufblühen, das den Herbst und das Fallen des Laubes nicht kennt, immergrünes Leben, der üppige Duft der leuchtenden Blumen, der dichte Atem der Palmen … All das mischte sich in das herb-süße Aroma und lenkte mit angenehmer Sehnsucht von den Gedanken ab, die nicht mehr wichtig waren … Die eigenartige Weiblichkeit des Frühlings zog über das feuchte, blühende Land und nahm den Männern die Eitelkeit des Berechnens und des Strebens nach unvernünftigen Handlungen. Ein bezauberndes Geheimnis. Man wollte sich darin auflösen und dann, nachdem man diesen sanften Rausch in sich aufgesogen hatte, sich wieder sammeln, dann aber von dieser süßen, herben, frühlingshaften Stimmung durchdrungen …

Olivia erschien nicht allein, sondern zusammen mit einer blonden Schönheit, der Hüterin des Flusses, die dunkelbraune Augen und eine geschmeidige Taille mit sanften Kurven besaß.
Olivia berührte meine Hände und Füße so vertraut, als hätten wir uns erst gestern gesehen. “Sie weiß, dass ich sie nicht vergesse, und sie kann meine Gedanken immer berühren”, dachte ich.
– „Ich bin froh, dich zu sehen, Euseus, Freund der Hüter” – die olivfarbenen Augen lächelten aufmerksam.
Die Herrin des Flusses sah mich mit einem Lächeln an, als wäre ich ein alter Bekannter, und berührte mich auf dieselbe Weise wie Olivia.
– „Ich freue mich sehr, euch zu sehen, meine Freunde.” Ich verbeugte mich.
– „Olivia, du kannst dir kaum vorstellen, wie froh ich bin. Ich habe dich vermisst, ich habe mein Zuhause vermisst, ich habe Ani vermisst.“
– „Ich schaue manchmal in deine Gedanken, Euseus … Ich sehe dich mit Ani, ich liebe dich, ich schätze unsere Freundschaft … Alle meine Freunde und Bekannten sind deine Helfer – sie kennen deine Wege … Ich möchte dir Leta vorstellen, Hüterin dieses sanften, blühenden Flusses.“

Leta drehte sich spielerisch, hüpfte ein wenig und schwebte einen halben Meter über dem Boden in der Luft, wobei sie im Sonnenlicht funkelnde duftende Wassertropfen über mich ausstreute.
– „Gibt es etwas, was du mich fragen wolltest?“ – Olivia lächelte.
– „Etwas”, lächelte ich. – Aber es schien nicht mehr dringend zu sein …
Olivia begann mit ihren Glocken eine frühlingshafte, sinnliche Melodie zu spielen und tanzte geschmeidig.
– „Vergiss nicht, Ani ist bei uns”, lächelte sie, während sie weiter tanzte.
Leta tanzte sofort mit, die Mädchen hatten ein erstaunliches Gespür füreinander. Der Tanz des jubelnden Frühlings – ein anderer Name fiel mir nicht ein. Die Mädchen wirbelten um mich herum, Leta begleitete mit den Glocken, wobei sie die Intonation der sanften Melodie exakt wiederholte …
In meinem Kopf gab es keine Rätsel, keine verwirrenden Überlegungen, keine Probleme, nur den freudig-schmachtenden Atem des Frühlings …
– „Es bleibt eine Frage offen. Warum sind alle Hüterinnen so schön?“
– „Wir können die Aufmerksamkeit genießen, sie schätzen, ohne sie zu verlangen”, sang Olivia und tanzte weiter. – „Und dankbar sein.“
– „Wir kennen keine brennenden Emotionen – Wut, Missgunst, Beleidigung “, fügte Leta hinzu.
– „Wir müssen nichts besitzen, wir haben alles. Wir müssen einfach nur leben,“ schwärmte Olivia.
Der Tanz wurde allmählich langsamer.
– „Ani ist außergewöhnlich schön, sie kennt unsere Geheimnisse und ist voller Leben”, sagte Olivia. – „Sie hat eine seltene Gabe für einen Menschen – zu lieben und nichts im Gegenzug von dem, den sie liebt, zu erwarten, und glücklich zu sein mit dem, was ihr gegeben wird … Sie ist nicht in der Lage, dich nicht zu lieben … Sei standhaft in deiner Arbeit, du wirst immer willkommen sein … Und sie kann auch, was wir können, was aber selten irdische Mädchen können – nämlich sich mit dir zu verbinden, egal wie weit weg du bist. . Sie fühlt die Ewigkeit … Euseus, wir sind bei dir … Jetzt ist es Zeit für mich zu gehen. Leta wird dir helfen.“
Olivia berührte mich, hinterließ ein Glockenspiel im Raum und flog davon …

– „Schöne Leta”, sammelte ich mich in der frühlingshaften Realität, lächelte und drehte mich um. – „Eine Frage. Gibt es in deiner Flussmündung am Meer etwas Uraltes? Antike Behausungen?“
– „Ja, Euseus. Tief unter dem Felsen verbirgt sich eine antike Welt – so nenne ich diesen Ort. Dort gibt es Spuren von altem Leben. Überreste einer anderen Zeit. Heutzutage ist der Mensch nicht mehr in der Lage, sein Leben auf diese Weise zu .gestalten.“
– „Was ist das? Und wann gab es dort Leben?“
– „Als ich kam, waren die Ruinen bereits da. Eine intelligente vormenschliche Welt. Man kann ihre Intelligenz an den Überresten der Behausungen erkennen, an ihrer Erhabenheit … Die alten Hüter sind mit dieser Welt verschwunden. So ist es immer, sie verschwanden, so wie die Welt verschwand. Auch die Menschen verschwanden. Wohin sie gegangen sind – ich weiß es nicht, es hängt von ihrem Verstand ab… Die MUTTER verändert sich, wie alles Lebendige …“

Die Geschichte von Euseus – Teil 2 – Kapitel 10

Der Probemonat verflog unauffällig. Wir haben uns in der Probezeit bewährt und nahmen sofort am Leben der Gemeinschaft teil, wurden ein Teil von ihr. Und das Ergebnis unseres getrennten Wohnens von den Frauen unserer freundschaftlichen Gruppe war das Entstehen einer neuen Familie: Nasir und Junia konnten das Getrenntsein nicht aushalten, vereinigten sich schnell, und die Gemeinschaft stellte ihnen ein eigenes Zelt aus denselben dunklen Fellen zur Verfügung. Es war eine Werkstatt, in der Wolle gekämmt und gesponnen wurde. Auf Beschluss des Ältestenrates wurde es vorübergehend zu einem Wohnhaus für die junge Familie umgebaut.
Das Beispiel von Nasir und Junia steckte nicht nur Asana und Alan mit einem unheilbaren natürlichen Virus an, sondern auch Nathan und Adonia – sie freundeten sich mit den Zwillingsschwestern, Urenkelinnen oder Ururenkelinnen von Sacharia an. Dies geschah vor den Augen der ganzen Gemeinde, hier war immer alles zu sehen, und die Größe der Brüder und ihr Handeln machten es ihnen unmöglich, unbemerkt zu bleiben, so dass es kein Zurück mehr gab. Sie dachten auch kaum an einen Rückzieher, sie konnten nur noch in die Offensive gehen.
Die Brüder hatten Zeit für alles: bauen, sich um ihre schönen Schwestern kümmern und abends auf der Lichtung am Fluss mit den Jugendlichen ringen. Diese Übungen wurden zu einem beeindruckenden Vergnügen in der Gemeinde – die Jungen rangen fleißig, und die Mädchen nahmen geröstete Pistazien mit, um sich das anzusehen.
Lukas wurde ein echter Schmied, ein Meister seines Fachs. Ich war auch jeden Tag in der Schmiede, habe aber nicht so viel Zeit dort verbracht wie Lukas. Ich habe an den Versammlungen des Ältestenrates teilgenommen, zu denen ich von Sacharia eingeladen wurde, zwei- oder dreimal in der Woche an allgemeinen Versammlungen, sowie an Gesprächen mit dem Priester der Gemeinde, der vom Ältestenrat aus den Reihen der Gläubigen ausgewählt wurde, wobei Sacharia die entscheidende Stimme hatte.
Während unseres dreimonatigen Aufenthalts in der Gemeinde hatten Lukas und ich Zeit, einen örtlichen Meister und einen zwölfjährigen Lehrling in die Geheimnisse des Schmiedehandwerks einzuweihen: Wir lehrten, wie man Qualitätsstahl herstellt, und erzählten Details über das Härten von Stählen für verschiedene Zwecke.
Lukas, der sich der allgemeinen Stimmung anpasste oder vielleicht befürchtete, dass die Vorsehung eine solche Auswahl an Mädchen nicht mehr bieten würde, freundete sich mit einem grünäugigen Mädchen an. Und natürlich konnte es für ihn kein leichtfertiger Schritt sein (wie es in der heutigen Zeit oft der Fall ist). Lukas war ein verantwortungsbewusster, reifer Mann, trotz seiner achtzehn Jahre. Obschon ein Mann in diesem Alter für gewöhnlich daran dachte, eine Familie zu gründen, und die Mädchen sogar noch früher – das waren die Bedingungen des Lebens.

Ich hingegen schloss enge Freundschaft mit dem weisen alten Mann Sacharia und beschäftigte mich mit Erörterungen und Betrachtungen. Der Teil meines Herzens, der bei einem Mann einer Frau gehört (bei dem einem mehr, dem anderen weniger), war weit entfernt, in einer kleinen hellenischen Stadt in der südlichen Ägäis. Und dieser Teil war in mir sehr groß – ich fühlte mich sehr zu Ani hingezogen. Und es verging kein Tag, vor allem kein Abend, an dem ich nicht an sie dachte – an ihre Augen, ihre Hände, ihre Zärtlichkeit … Offenbar habe ich deshalb oft die Abende den Gesprächen mit Sacharia gewidmet, wenn die Freunde mit Mädchen plauderten – oder gleichzeitig rangen und mit Mädchen plauderten …
Ich werde einiges Interessantes aus den Gesprächen mit dem Weisen teilen, der mir Freund geworden ist.
– “In der Gemeinschaft wird kein Fleisch gegessen. Warum, Sacharia?“ – habe ich gefragt, weil ich diesbezügliche Worte des Lehrers nicht kannte. Und Großvater hatte nichts dergleichen gesagt.
– „Das hat nichts mit dem MESSIAS zu tun, Euseus. Als ich zwanzig Jahre alt war, ging ich von Alexandria nach Jerusalem. Ich war ein Essener, bis ich den Lehrer traf. Wir aßen kein Fleisch, wir versuchten, in Erwartung des MESSIAS rein zu sein … Die Essener warteten fast zweihundert Jahre auf ihn, aber nur wenige erkannten ihn.
Wir glaubten, dass Fleisch die Seele belastet, weil die Angst des geschlachteten Tieres in ihm lebt. Die Seele befindet sich in sterblichen Fesseln wie in einem Gefängnis, aber wenn sie davon befreit wird, freut sie sich und geht zum Himmel auf. Und je reiner die Seele ist, desto höher wird sie gehoben und desto glücklicher ist sie …
Nun, alle Essener wollten sich reinigen, aber sie nahmen einen Gesandten der Einheit an … Ein intelligenter Kopf, nicht nur ein intelligenter, ist mit vielen Schlussfolgerungen gefüllt – sowohl den eigenen als auch denen der anderen – und er will sie nicht aufgeben, denn sie sind ein Teil der Person … Das ist ein großes Problem. Jeder Mensch, ob König oder Trunkenbold, möchte alles um sich herum nach eigenem Willen verändern – aber wer will sich nach Gottes Willen verändern …“

– „O weiser Mann! Hier in der Gemeinde, in deiner Gemeinde, wird Paulus ein falscher Apostel, ein Abtrünniger, ein Prophet des Teufels genannt. Ist das deine Einschätzung?“
– „O mein Freund, Schüler eines weisen Mannes und bereits selbst ein weiser Mann, lass mich dich zuerst als der Ältere fragen”, lächelte Sacharia. – „Wie ist deine Einstellung zu Paulus und seinen Lehren?“
– „Ach”, seufzte ich, “ich werde versuchen, mich kurz zu fassen. So wie ich es heute verstehe, war Paulus kein Jünger des RABBI. Und ein Apostel ist jemand, den der LEHRER beauftragt hat, die BOTSCHAFT zu allen Völkern zu bringen. Aber Paulus kannte RABBI nicht, was bedeutet, dass ER ihm zu SEINEN Lebzeiten so etwas nicht anvertraut haben kann. Paulus war also kein Apostel im Auftrag des lebenden LEHRERS.
Paulus sah CHRISTUS in einer Vision, ohne dass es Zeugen dafür gab, was genau er in dieser Vision sah, und er erhielt den Auftrag, zu den Heiden zu gehen und die BOTSCHAFT von CHRISTUS zu verkünden, dessen WORTE er nicht gehört und den er zu Lebzeiten nicht gekannt hatte.
Und ich glaube, Paulus konnte in der Vision, die auf ihn herabkam, nicht den wahren RABBI sehen: Der LEHRER hatte sich vor der neueren ERSCHEINUNG längst von den Jüngern verabschiedet und war zum VATER gegangen …
Ich bin nicht einverstanden mit der Lehre des Paulus, mit seinen Überlegungen zu CHRISTUS. Meiner Meinung nach versuchte er, im Judentum eine eigene Schule zu gründen, und anstelle der Heiligkeit der Beschneidung, der Blutsverwandtschaft des Juden mit dem GOTT Israels führte er eine neue heilige Idee ein – das Blut CHRISTI, der für die Sünden derer, die an IHN glaubten, büßte und uns alle zur Befreiung erlöste.
Und darauf baute er seine Lehre auf. Aber in seinen Briefen und Botschaften gibt es fast kein Wort Gottes, keine Aussagen, keine Predigten des LEHRERS, nur seine eigenen Schlussfolgerungen und Erkenntnisse, die er angeblich vom HERRN erhielt. Er selbst erwähnt dies in seinen Briefen. Er schreibt über sich selbst, dass er mit CHRISTUS gekreuzigt wurde und dass nicht mehr er selbst lebt, sondern CHRISTUS in ihm. Er erwähnt den dritten Himmel, in den er aufgestiegen ist …“
– „Ja, Paulus ist ein Mystiker”, nickte Sacharia. – „ein Prophet, dem Offenbarungen von oben gegeben wurden und der aufrichtig an das glaubte, was ihm offenbart wurde. Und wahrscheinlich war er mit der Praxis der Streitwagen-Bewegung vertraut.“
– „Sacharia! In Israel gibt es doch Propheten wohin man auch schaut. Und so ist es seit tausend Jahren. Aber warum ist nur ein kleiner Teil von ihnen im GESETZ enthalten. Wer hat diese Entscheidung getroffen? Und wie bestimmt man einen Propheten?“
– „Mein Sohn! Ich stimme im Allgemeinen mit deiner Ansicht über Paulus überein. Und die Wahrhaftigkeit eines Propheten lässt sich nur auf eine Weise feststellen: Wenn sich das, was der Prophet gesagt hat, nicht bewahrheitet und nicht in Erfüllung geht, dann hat es der HERR nicht gesagt. Wer so etwas sagt, ist ein falscher Prophet und muss sogar mit dem Tod rechnen. So hat es der HERR durch Mose bestimmt. Ein Prophet in Israel zu sein, ist tödlich gefährlich.“
– „Nun gut! Aber Paulus war davon überzeugt, dass CHRISTUS bald wiederkommen würde, und er, Paulus, lebendig im Fleisch, würde auf ihn warten. Zuerst, so prophezeite er, würden diejenigen auferstehen, die bereits wegen ihres Glaubens an CHRISTUS gestorben waren, und dann würden wir, die Lebenden, zusammen mit den Auferstandenen auf Wolken fortgetragen werden, um dem Herrn in der Luft zu begegnen … Nichts davon ist geschehen. Paulus wurde nicht lebend auf die Wolken emporgehoben. Und der HERR ist nicht in der Luft erschienen, um den Lebenden und den Toten zu begegnen … Seine Prophezeiungen haben sich nicht erfüllt. Und der HERR hat nicht durch ihn gesprochen. Also ist er ein falscher Prophet.“
– Siehst du, du hast die Schlussfolgerung gezogen, die man auch hier gezogen hast. Mose sagte schon vor langer Zeit, dass der Herr denjenigen senden würde, der in SEINEM NAMEN sprechen würde. Paulus gibt zu, dass JESUS das WORT GOTTES, der GESALBTE, ist. Aber es gibt nur einen, der der GESALBTE sein und im NAMEN des HERRN sprechen kann. Wenn es JESUS ist, dann kann Paulus auf keinen Fall im Namen des Herrn sprechen. Weder du noch ich können das”, lächelte Sacharia. – „Aber die Briefe und Botschaften von Paulus kreisen weiter durch die Gemeinden und Kirchen des Reichs, und mit den Briefen verbreitet sich die Sichtweise von Paulus auf CHRISTUS, und die Menschen bauen ihren Glauben darauf auf …
Also haben wir es einfach gehalten. Niemand hier liest die Briefe des Paulus. Das ist meine Entscheidung. Vielleicht nicht das Beste … Ich würde nicht wollen, dass unsere jungen Leute, die gerade im Glauben stark werden, so an ihn herangehen, wie Paulus es vorschlägt.
Und, mein Freund, wenn die Menschen dem nahe stehen, was Paulus predigt, werden sie es aufnehmen, es verbreiten und ihren Glauben darauf aufbauen, ob Paulus nun Recht hatte oder nicht. Deshalb ist der WEG der Erfüllung der Wahrheiten der LIEBE, die der LEHRER gebracht hat, so schwierig …
Aber wessen Prophet oder Gesandter Paulus ist … ihn mit dem Teufel in Verbindung zu bringen … Ich bin nicht für derartige Überlegungen und Einschätzungen. Eine solche Frage kann jeden von uns betreffen. Wenn wir der Versuchung erliegen, die uns der Versucher anbietet, der uns besser kennt als wir selbst und klüger ist als wir, und die Versuchung zum Führer unseres Stolzes wird – wessen Bote und Helfer werden wir dann?“ – Sacharia sprach gemächlich und wiegte sich ein wenig. – „Wir werden wahrlich zu Anhängern Satans.“

Satana oder Satán, der Fürst der Finsternis, der Herr der Dämonen, der Teufel war ein weiteres Gesprächsthema beim Treffen mit Sacharia.
– „Du Weiser! Satan, der Versucher, der Fürst der Finsternis, der Teufel … das ist alles ein und dasselbe. So wie ich es aus der TORA und den Propheten verstehe, wird so ein Engel des HERRN genannt – Satan, der zu SEINER Linken im HEER des HERRN steht. Und die Dämonen, die bösen Geister, der Beelzebub, die ich aus dem Jungen austreiben soll, wessen Boten, wessen Diener sind die? Engel Gottes?“
– „Ein interessantes Thema, Euseus, kein einfaches. Endgültiges Wissen oder genaues Wissen darüber, wie über viele andere Dinge, haben wir nicht und können es offenbar auch nicht haben. Und leider haben wir die Antworten des LEHRERS zu diesem Thema nicht. Das ist HÖHERER WILLE.
Aus der mündlichen und schriftlichen TORA entstand bei mir ein solches Bild … Ich sage dir gleich, solange wir noch nicht zu weit abgewichen sind, dass ich die Definition des “Teufels”, d.h. des “Verleumders”, nicht in deine Seiten aufnehmen würde.
Ohne zu argumentieren, kommen wir zu Schlussfolgerungen, die sich aus dem alten GESETZ ergeben. Satan ist ein Engel des SCHÖPFERS, der, wie alles in der WELT, von dem unbegreiflichen SCHÖPFER geschaffen wurde. Engel wurden als Boten des SCHÖPFERS geschaffen. Satan ist also auch ein Bote des SCHÖPFERS. Sein Ziel ist es, zu verführen, zu verlocken, zur Sünde anzustiften und schließlich anzuklagen. Er prüft die Treue des Menschen zu GOTT und klagt den Übeltäter vor GOTT, vor dem HOHEN Gericht an. Eine wenig beneidenswerte Rolle. Aber jemand muss es tun. Dementsprechend sind alle Dämonen, bösen Geister und Teufel Schöpfungen des ALLMÄCHTIGEN. Und sie wurden zu demselben Zweck geschaffen – um die Menschen daran zu hindern, den WILLEN des SCHÖPFERS zu tun, um Hindernisse und Prüfungen aufzustellen, damit die Menschen die Wahl zwischen Gut und Böse haben, eine Gelegenheit für geistiges Wachstum. Allerdings besteht natürlich die Möglichkeit eines Sturzes. Aber die Wahl ist frei, sie gibt es.“
– „Oh, mein weiser Freund! Es stellt sich heraus, dass auch der Dämon in dem Jungen eine Schöpfung Gottes ist. Das ist keine Frage, das ist eine Schlussfolgerung. Aber was ist die Wahl zwischen Gut und Böse in einer solchen Situation? Wie kann der Junge eine Entscheidung treffen, wenn der Dämon in ihm sitzt?“
– „Der Junge traf also vor dem Dämon die falsche Wahl, und der Dämon kam bereits als eine Konsequenz seiner Wahl. Und jetzt wird er ihn dazu anstacheln, weiterhin die falsche Entscheidung zu treffen.“
– „Aber der Junge kennt das Gesetz noch nicht.“
– „Das Alter spielt für das Gesetz keine Rolle. Dem Gesetz ist es egal, ob der Junge es weiß oder nicht. Das Gesetz gilt.“
– „Eine Antwort habe ich bekommen, Sacharia! Aber die Frage ist noch nicht erschöpfend beantwortet.
– „So so”, lächelte der weise Mann. – „Nur zu, mein Sohn, bring mein uraltes Hirn in Bewegung. So werde ich länger leben.“
In solchen Momenten war ich derart fasziniert, dass meine Gedanken (und es war Abendzeit) nicht mit Anis Bild in Berührung kommen konnten. Fazit: Ein Mann sollte an die Sache denken, nicht an die Frau.
– „O weiser Mann! Rabbi erzählte vom VATER der LIEBE und des LICHTS, der uns auffordert, unsere Feinde und diejenigen, die uns hassen, zu lieben und ihnen trotz ihres Hasses Gutes zu tun. Dann werden wir in die EWIGKEIT eintreten und den Tod nicht mehr kennen. Es stellt sich heraus, dass derselbe SCHÖPFER uns durch seinen Engel zur Sünde provoziert, einen Dämon für einen Jungen erschafft und uns auch lehrt, diejenigen, die uns hassen, selbstlos zu lieben und ihnen die andere Wange hinzuhalten, wenn sie uns auf die eine schlagen?“
– „Ich habe auch versucht, über diese Frage nachzudenken, Euseus … Ich bin nicht weit gekommen … Es geht um verschiedene Qualitäten SEINES WESENS, verschiedene Facetten des ALLMÄCHTIGEN. Obwohl das alte GESETZ nicht vom Wesen des UNBEGREIFLICHEN spricht, sondern nur von SEINEN Taten. Diese Norm haben wir jetzt überschritten.
– „Nun, ich bin ein unbeschnittener Heide, ich kenne nicht alle Regeln. Aber du, Sacharia, bist ein Jude, der auf den MESSIAS gewartet hat. Und wir versuchen jetzt zu verstehen, was RABBI mit dem alten GESETZ zu tun hat, auf dem das NEUE Gesetz basiert, das ER gebracht hat”, lächelte ich. – „Machen wir also weiter – wir sind schon weitergekommen . Und es stellt sich heraus, dass derselbe unergründliche und unveränderliche SCHÖPFER zuerst das Gebot “Hasse deinen Feind, Auge um Auge” gibt und dann seine Meinung ändert und das Gebot “Liebe deinen Feind” gibt.“
– „Das eine ist SEINE, des UNERGRÜNDLICHEN, Sache. Für die neue Zeit gibt es ein NEUES Gesetz.“
– „Das ist noch nicht alles, lieber Sacharia. Der LEHRER hat uns den NAMEN des HERRN offenbart, so hat ER gesagt. Der Name des Gottes der Juden ist Jehova, das wissen alle Juden. Welchen Namen hat RABBI dann offenbart?“
– „Ja, mein Sohn. ER offenbarte den NAMEN des VATERS der LIEBE und den entsprechenden Weg.“
– „Dann ist Jehova nicht der VATER der LIEBE?“
– „Ich komme nur auf eine Antwort zurück, eine andere habe ich im Moment nicht: `Der Herr der Welten schuf alles und sah, dass alles, was er schuf, sehr gut ist.`“
– „Das gestattet, dass der HERRSCHER der WELTEN auch den VATER der LIEBE erschaffen haben könnte und gesehen hat, dass das sehr, sehr gut ist.“
– „Alles ist möglich, Euseus. Denn ER erschafft ALLES.“
– Aber dann habe ich das Recht, den WEG zu wählen. Denn die Wahl wird angeboten. Mein WEG ist der WEG des VATERS der LIEBE und des LICHTS. Und nicht der GOTT des auserwählten Volkes. Wenn der ABSOLUTE HERRSCHER der WELTEN alles erschaffen hat, dann könnte ER neben dem VATER der LIEBE auch den GOTT Israels als eine SEINER WELTEN erschaffen haben. Und das kann weder bestritten noch bestätigt werden … Aber der VATER der LIEBE kann seinem WESEN nach nicht sagen, was der GOTT Israels zu Mose sagte. Weiser Mann, ich möchte diese Worte zitieren, die zum auserwählten Volk gesprochen wurden: `Wenn der HERR, euer GOTT, euch in das Land geführt hat, das ihr in Besitz nehmen sollt, und daraus viele Völker vertrieben hat, sieben Völker, die größer und mächtiger sind als ihr, wenn der HERR, euer GOTT, sie in eure Hände gegeben hat und ihr sie besiegt habt, dann verflucht sie – vernichtet sie! Schließt kein Bündnis mit ihnen und schenkt ihnen keine Gnade. Geht mit ihnen keine verwandtschaftlichen Verhältnisse ein, gebt eure Töchter nicht ihren Söhnen zur Frau, und nehmt ihre Töchter nicht zur Frau für eure Söhne. Sonst werden sie eure Söhne Mir entreißen, und die Söhne werden anderen Göttern dienen. Dann wird der Herr über euch zornig und wird euch sofort vernichten.`
Der blutige Preis des Auserwähltseins … Ich beende, lieber Sacharia, meine Überlegungen. Für mich ist das NEUE Gesetz nicht vergleichbar und in keiner Weise mit dem ALTEN Gesetz deines Volkes vereinbar. Die NEUE Vereinigung bedeutet Absage an die Erfüllung des oben Gesagten, an die Erfüllung dessen, was zu Mose gesagt wurde, und bedeutet die Annahme des einzigen WEGES der Erlösung, des WEGES der LIEBE. Und es gibt keinen anderen Weg, um von den Toten aufzuerstehen, wie es sich die Juden seit Jahrhunderten erträumt haben!“
Wir schwiegen.
– Feurig gesprochen, mein Sohn. Aber der letztendlichen Schlussfolgerung kann ich nicht zustimmen.“ – Sacharia umarmte mich.

– „Sacharia, ich möchte etwas mit dir teilen. Aber bitte lehne nicht voreilig ab was du hörst, hör bitte zu.“
– „Es ist interessant, dir zuzuhören, mein Sohn. Es ist schön zu sehen, dass es eine nachfolgende Generation gibt. Gelobt sei der ALLMÄCHTIGE, es ist SEIN WILLE. Fahr fort, Euseus.“
– „Ich habe unsichtbare Freunde, unsichtbar für viele. Naturgeister, Hüter des Landes oder Herren. Meine enge Freundin ist seit meiner Kindheit ein schönes Mädchen, das immer schön ist, die Herrin eines Olivenhains in meiner Heimat …“
– „Du bist also doch ein Mystiker, mein Lieber. Nur ohne die zusätzlichen Praktiken und das Reinigungsfasten”, lächelte Sacharia entwaffnend.
– „Sag mir, alter Mann”, fragte ich und erinnerte mich an Großvater, “was bist du? Wie hast du den Dämon in dem Jungen gesehen? Antworte bitte ohne zu scherzen …“
– „Ich habe ihn durch den Ausdruck des Jungen erkannt,“ – lächelte Sacharia weiter.
– „Nur dadurch?“ – Ich lächelte auch.
– „Mir ist auch aufgefallen, dass ich Teufel mit solchen Konturen noch nie gesehen hatte”, – Er hob scherzhaft die Augenbrauen.
– „Da haben wir´s! Du bist ein Mystiker, Sacharia!“
Sacharia kicherte nur zurück, genau wie Großvater, und sagte:
– „Ich lausche aufmerksam der Fortsetzung der Geschichte über ein ewig schönes Mädchen.“
– „Also dann. Olivia, so ihr Name, erschien auf der ERDE zusammen mit einem Menschen, sah verschiedene Gottheiten des Altertums. Sie sagt, dass die Götter herabkamen und mit den Erdenfrauen langlebige Menschen zeugten. Aber die Hauptsache ist: Sie sieht die Götter kommen und gehen, aber sie sieht nicht, woher der Mensch kommt und wohin RABBI gegangen ist. Obwohl sie die Person vierzig Tage lang nach dem Tod des Körpers sieht und die Person dann mit einem Feuer- oder Sonnenblitz irgendwohin verschwindet … Das heißt, sie sieht nicht die WELT des VATERS, weder den Himmel, noch die Hölle, noch das Fegefeuer, falls es existiert …“
– „Die Fragen sind sehr interessant, mein Lieber. Es gibt viel zum Nachdenken und Reden … Es ist schade, dass das Alter drängt,“ – scherzte der alte Mann. – „Aber es gibt eine Frage oder eine Vermutung zu dem, was du gesagt hast. Hättest du nicht die Schönheit selbst erschaffen können, aus deiner Fantasie heraus?“
– „Das könnte man vermuten. Aber ich bin nicht der Einzige, der sie sieht. Und sie lebte und lebt unabhängig von meinen Gedanken. Und sie hat Kenntnisse, die ich nicht habe. Was wäre, Sacharia, wenn ich sie anriefe und du sie auch siehst?“
– „Warte, mein Sohn. Das wäre zu viel für einen Abend. Lasst uns das auf ein anderes Mal verschieben.“

– „Gut, Sacharia. Und was die Dämonen angeht, so muss ich dir widersprechen, du Weiser … Der VATER der LIEBE und des LICHTS, unser VATER, kann nicht der Vater von Dämonen sein. Denn der Dämon flieht vor dem LICHT wie vor dem Tod, es gibt keine gefährlichere MACHT für ihn. LICHT gebiert nur LICHT, aber keine DUNKELHEIT … Du hast mich zu diesem Gedanken geführt. Dämonen können etwas bewirken oder wir bewirken es selbst. Wir sind doch Götter, wir sind fähig, etwas zu erschaffen, gleich dem, der uns ERSCHAFFEN hat. Nur die DUNKELHEIT ist für uns leichter zu erschaffen als das LICHT. Denn wir fangen gerade erst an zu lernen zu lieben … Es ist wie in der Kindheit – aus Angst heraus kann man alles erschaffen, obwohl in der Dunkelheit, die uns Angst macht, niemand ist …
Nun, das war’s für den Moment. Nächste Nacht werde ich präzisere Worte finden …“

Die Geschichte von Euseus – Teil 2 – Kapitel 9

In der Gemeinde verstanden sie es zu lächeln und behielten auch die Überlieferung aufrecht, dass RABBI oft mit den Jüngern lächelte und scherzte. Das stimmte. Die Gläubigen dieser Gemeinschaft kannten nicht die ideologischen Quälereien des späten, kanonisierten Christentums. Sie lebten mit einfachen, natürlichen Überzeugungen. Jeschua war hier der Sohn von Josef und Maria, ein Mann von beispielloser Reinheit, ein Mann mit einem besonderen Auftrag des VATERS, kein GOTT, ein Prophet über allen Propheten. ER hatte Geschwister, SEIN Bruder Jakobus war eine Festung der Jerusalemer Gemeinschaft der Jünger des RABBI. Und das enstammte nicht irgendwelchen Fantasien: Zum Rat dieser Gemeinschaft von Juden, die auf den GESALBTEN gewartet hatten, gehörten Menschen, die Jakobus, den Bruder Jeschuas, persönlich kannten und sogar mit ihm befreundet waren; außerdem sah und hörte Sacharia den lebendigen LEHRER.

Hier wussten alle (und darüber gab es keine Meinungsverschiedenheiten), dass Jeschua die große Mission vor seinem dreißigsten Geburtstag mit der HERABKUNFT des HEILIGEN GEISTES und durch das Zeugnis des Elia in der Person Johannes des Täufers offenbart wurde: Jeschua wurde vom Propheten Johannes-Elia im Wasser des Jordans getauft und hörte, als er aus dem Wasser stieg, eine Stimme vom HIMMEL: “Du bist MEIN SOHN, jetzt habe ICH DICH geboren!” An diesem Tag wurde der Menschensohn erweckt, erkannte schließlich seine Mission und erhielt die Eingebung für die ERFÜLLUNG. Danach folgten das Fasten, die Überwindung der Versuchungen in der Wüste, und dann die ersten Predigten. Alles war einfach und klar.

Auch wurden hier die Briefe und Sendschreiben des Apostels Paulus nicht gelesen. Und man war ihm gegenüber nicht neutral eingestellt. Die harmlosesten Definitionen für Paulus waren „Abtrünniger“ und „falscher Apostel“. Es gab auch härtere – „Prophet des Satans“…

Es gab einfache, nicht obligatorische Regeln für das Essen, an die ich mich auch heute noch erinnere und die ich zu befolgen versuche. So wurde zum Beispiel Wasser einige Zeit vor den Mahlzeiten getrunken – mit Dankbarkeit – und nur im Sitzen. Die Speisen wurden natürlich mit Segen und Dank zu sich genommen, und sie wurden sorgfältig gekaut. Der Magen wurde nicht vollständig gefüllt; man sollte aufhören zu essen, auch wenn man Lust auf mehr hatte. Ein Maß für die Nahrungsmenge war die eigene zu einer Schale gefaltete Handfläche. Man sagte, dass Jakobus der Gerechte es so machte. Mir ist aufgefallen, dass sich unter den Gewürzen immer auch Wein oder Obstessig befand. Auch wurde verdünnter junger Wein getrunken. Warum jung? Weil er die frische Ernte nur selten überlebte, keine Zeit zum Reifen hatte. Aber ich weiß von Großvater, dass Jakobus der Gerechte, wie auch Johannes der Täufer, keinen Wein trank …

Die unumstrittene Autorität in der Gemeinde war der Vorsitzende des Ältestenrates, Lehrer und Ausleger des GESETZES, der Älteste Sacharia. Ein Mann von bemerkenswerter Tiefe und Herzlichkeit im Alter von fünfundneunzig bis sechsundneunzig Jahren. Sacharia war ein enger Gefährte von Jakobus dem Gerechten und kannte meinen geliebten, damals noch jungen Großvater aus Jerusalem (sie müssen im gleichen Alter gewesen sein). Aber das Wichtigste: Er war einmal in Jerusalem Zeuge eines Gesprächs der Pharisäer und Schriftgelehrten mit RABBI. Er war von der Einfachheit, Klarheit und Tiefe SEINER Antworten beeindruckt und erkannte SEIN Licht sehr klar. Diese Begegnung fand kurz vor der Hinrichtung des LEHRERS statt. Zu jener Zeit gehörte Sacharia zu den Jerusalemer Essenern, einer jüdischen Schule, deren Mitglieder sich als das wahre Erbe, als das kommende Jerusalem, als Söhne des Lichts betrachteten, und die sowohl rituelle als auch innere Reinheit forderten …

Sacharia wurde in der ägyptischen Hauptstadt Alexandria geboren, einer großen Stadt des (römischen, Anm.d.Übers.) Reichs, mit einer Mischung verschiedener Kulturen, Religionen und Philosophien. Wahrscheinlich gab es in Alexandria mehr Juden als in Judäa selbst. Seit seiner Jugend war er ein Schüler von Philo von Alexandria, dem großen Weisen, Reformer und Interpreten des Judentums.
Und mit diesem bemerkenswerten Menschen (Sacharia, Anm.d.Übers.) gewährte mir die göttliche Vorsehung eine Begegnung. Wieder einmal hatte ich eine unmittelbare Gelegenheit, mit einem Ältesten zu lernen und zu denken, wie ich es einst mit Großvater tat. Wie ähnlich sich doch diese Ältesten im Inneren waren!
Als wir uns das erste Mal trafen, umarmte er mich sofort, so wie es Johannes getan hatte. Er war groß, stattlich und gut aussehend. Ganz in Weiß, mit langen Haaren, einem langen Bart und hellblauen Augen, die mit stiller Weisheit und kindlicher Unbekümmertheit strahlten.
– “Ich freue mich, dich begrüßen zu können, Apostel des GESALBTEN. Ich danke GOTT, dass ER mir begegnet ist.
Ich sehe eine blutige Narbe in deinem Gesicht. Ist das nicht das Resultat des Überbringens der BOTSCHAFT des MESSIAS zu den Juden?” – lächelte er.
Ich lachte, verbeugte mich, wobei ich  meine Hand auf mein Herz legte:
– “Dank sei dem VATER für diese Begegnung. Kraft und Gesundheit für dich, verehrter, lieber Sacharia. Ja, so ist es. Meine Narbe ist die bleibende Erinnerung an die Verbreitung der BOTSCHAFT unter den eifrigen Juden. Und jetzt habe ich Angst, wieder zu ihnen zu gehen, obwohl ich in diesem Gefecht wahre Freunde gewonnen habe.
Ich denke, die Juden, die auf den MESSIAS warten, sind in einer schwierigeren Situation als die Heiden. Für uns ist es einfacher. Wir haben nicht so viele heilige Schriften, also liegt alle Hoffnung auf der Stimme des Herzens. Ihr habt ja zwei TOREN, habt Propheten des Gesetzes und viele, die sich als Propheten betrachten – bei dieser Fülle ist es nicht nur für mich, den Heiden, schwer, sich zurechtzufinden, sondern auch für die Juden selbst … Die einen warten auf den MESSIAS in Gestalt eines Kriegerkönigs, der Israel von Rom befreien wird; andere warten auf einen Hohepriester, der sie von ihren Sünden erlösen wird; wieder andere warten auf Melchisedek, Priester und König in einer Person. Ist es möglich, all diese Erwartungen zu erfüllen? Wie sollen die Juden IHN erkennen?”

Sacharia hörte mir zu und lächelte mit freundlichen Augen.
– “Du bist vom HIMMEL gesegnet, mein Sohn… Du hast IHN erkannt, ohne IHN gesehen zu haben … Und mir, einem Gelehrten, einem jüdischen Schriftgelehrten, wurde gegeben, IHN nicht zu verpassen. Gelobt sei der HERR! Und ich sage dir: Gefäße, die mit allem Möglichen angefüllt sind, taugen nicht dazu, dem MESSIAS zu begegnen. Sie müssen für das NEUE leer gemacht werden.
Ich habe mich mit dem Studium der geschriebenen und der ungeschriebenen TORA, der anerkannten und nicht anerkannten Propheten beschäftigt, aber eine konkretere Anweisung als die von MOSE im Dewarim1 (Deuteronomium) habe ich nicht gefunden. Da steht alles ganz einfach. Eines Tages, als sich die gesamte Gemeinde am Berg Horeb (Sinai) versammelte, baten die Juden GOTT durch Mose: ´Wir dürfen nicht länger auf die Stimme des HERRN, unseres GOTTES, hören und in diese große Flamme schauen, sonst kommen wir um!” Und der HERR sprach zu Mose: “Sie haben Recht gesprochen. ICH werde ihnen einen Propheten wie dich geben – Er wird einer von ihnen sein. ICH werde ihm MEINE Worte in den Mund legen, und er wird ihnen alles verkünden, was immer ICH ihm zu verkünden gebiete.`
Damit ist eigentlich alles klar … Die interessante Frage ist, wann wird es geschehen, und wie werden wir diesen Menschen erkennen? Schließlich wird er einer von uns sein. Und der HERR wird nicht vom HIMMEL aus sprechen, sondern durch IHN. Das ist der Mensch, der das WORT des HERRN verkünden wird, das ER, der HERR, zu verkünden gebietet … Nicht das, was wir hören und sehen wollen, sondern was ER uns verkünden will! Und wie sollen wir IHN erkennen? Nur ein reines Herz sieht das Vertraute ….
Und so wird das NEUE, das ganz NEUE und einfache, das GÖTTLICHE, offenbart werden! Der Weg der inneren Reinheit und LIEBE. Aber wir sind es gewohnt, den Weg dorthin zu suchen, wo wir hin wollen, und nicht dorthin, wo der ALLMÄCHTIGE uns hinführen will. Wir wollen die Befreiung vom römischen Joch, aber sind wir innerlich rein, um frei sein zu können?
Der MESSIAS hat vom HERRN den WEG der Befreiung von uns selbst, vom inneren Feind, gezeigt. Ein langer WEG, so lang wie das Ende der Zeiten …”

Ich hörte Sacharia zu, mit einem wohligen Gefühl im Inneren : Ich dachte an Großvater. Wie sehr ähnelten sich diese Ältesten! Ich spürte eine Welle herzlicher Gefühle für Sacharia, spürte etwas Väterliches in ihm, und Tränen wollten sich in meine Augen einschleichen. Aber ich habe mich zurückgehalten und die Nase geschnieft.
Mein Zustand blieb nicht unbemerkt. Sacharia stand auf, kam auf mich zu und wir umarmten uns. Tränen tropften auf die Schultern des Ältesten … Wie groß ist der HERR! Wie groß ist sein WILLE! Wie wundervoll diese zaghaften Versuche, Liebe zuzulassen.
– “Ich danke dir, Sacharia, für dein freundliches Herz. Ich habe meinen Großvater und Vater wiedergetroffen …”
– “So soll es sein. Ehre sei GOTT. Die Welt ist voller LICHT. Wenn du es siehst und lebst, dann ist das die Auferstehung von den Toten.” – Der alte Mann schwieg und blickte ins Leere: “Wahrlich. Wenn du deinen Nächsten liebst, den du ja kennst, wozu dann über die Liebe zu GOTT sprechen, den du nicht kennst …

Euseus, man sagt, dass du auch Dämonen austreibst.” – Sacharia richtete seinen lächelnden Blick auf mich.
– “Ja”, nickte ich, “Johannes hat es mir beigebracht. Aber hier in der Gemeinde kann ich das nicht praktisch zeigen – hier gibt es niemanden, den der Teufel als sein Zuhause wählen würde. Und es ist kein großes Verdienst, einen Dämon auszutreiben – es geschieht ja nicht aus eigener Kraft
– “Ja, durch die Kraft des Lichts. Aber dazu bedarf es des GLAUBENS.”
– “Auch das hat Großvater mich gelehrt.”
– “Glauben kann man nicht lehren, mein Sohn. Du kommst nur aus eigener Kraft dazu, durch deine eigenen Anstrengungen, indem du dein Herz reinigst. Und dann wirst du das KÖNIGREICH sehen …
Es gibt hier einen Jungen, der irgendwo einen Dämon erwischt hat – oder der Dämon ihn. Wirst du mir helfen, wenn du Zeit hast? Ich kann das schon nicht mehr, es ist nicht mehr viel Lebenskraft übrig.”
Ich nickte:
– “Ich freue mich, dir behilflich sein zu können, Sacharia. Es ist schon lange her, dass ich das gemacht habe, über einen Monat – damit ich nicht aus der Übung komme.”

– “Sag mir, Euseus, was hat Johannes über neue Leben gesagt? Wird ein Mensch wiedergeboren? Haben die Jünger RABBI danach gefragt?”
– “Ja, der RABBI sagte, es gibt ein solches Gesetz. Von der Reinheit des Herzens hängt es ab, welche Kleidung du in deinem neuen Leben bekommen kannst. Aber die Jünger konnten IHN nicht weiter befragen, um dieses Gesetz zu verstehen …”
– “Ich danke dir, mein Sohn, dass du diese Botschaft mitgebracht hast. Ich war in meiner Jugend ein Schüler von Philo von Alexandria – Verneigung und Dank dem großen Weisen. Philo hat mir viel gegeben: seine Erfahrung, seine Nachforschungen in den Überlieferungen der Vorväter, in der mündlichen TORA. Schon früh, vielleicht im Alter von zwölf Jahren oder sogar noch früher, stellte sich mir die Frage: Kann das Göttliche im Menschen den Tod erfahren? Wenn der VATER uns nach SEINEM Ebenbild erschaffen hat, kann es dann eine Macht geben, die das Leben dieses Ebenbildes beenden kann?”
– “Sacharia, Verehrter, Weiser und Schüler eines Weisen, teile mit uns das, was du gelernt hast! Hältst du es für möglich, dass ein Mensch aufgrund seiner Unreinheit zum Beispiel die “Kleidung” eines Schweins oder eines Schakals erhält?” – stellte ich eine Frage aus meiner Kindheit.
– “Das kann er nicht, mein Sohn. Aber das ist meine Meinung. Die tierische Seele ist eine Sache, die menschliche Seele eine andere. Die menschliche Seele braucht menschliche Kleidung. Philo glaubte jedoch, dass die Seele auch in einem Tier verkörpert sein könne, zum Beispiel in einer Schlange oder in einem Stein, wenn sie eine besonders harte Strafe verdiente.”
– “Warum wissen wir nicht, als wer wir in der Vergangenheit geboren wurden?”
– “Alles geschieht nach dem Willen des ALLERHÖCHSTEN. Wenn wir dieses Wissen benötigten, würde der VATER es uns geben. Ich denke, es ist der WILLE des ALLERHÖCHSTEN, dass wir ein neues Leben ganz von vorne leben sollen. Aber durch Fühlen, Nachdenken und Beobachten können wir viel über uns selbst erfahren … Und das Unbekannte unserer Vergangenheit, die Taten der Vergangenheit führen uns wiederum dahin, das nicht Bearbeitete zu bearbeiten. Das ist die Antwort auf die uralte Frage: Warum leiden rechtschaffene Thora-Gläubige, müssen Entbehrungen und Mühsal erleiden? Diese Leiden sind die Folgen von Sünden, die in einem früheren Leben begangen wurden.”
– “Eine Seele, die etwas Unwürdiges aus der Vergangenheit korrigiert, muss demnach in diesem Leben die gleiche Prüfung durchmachen, nur dass sie dieses Mal richtig, im Sinne des GÖTTLICHEN, handelt, damit das Leben lichtvoller wird”, überlegte ich laut.
– “Ja, mein Lieber, ich stimme dir zu; ich sehe das auch so. Und die Seele wird uns sagen, wie wir im jeweiligen Fall das Richtige tun können. GOTT spricht durch sie. Und wir sollten auf die Seele hören und ihre Hinweise nicht außer Acht lassen.”
– “Vielen Dank, Sacharia. Und was wird das Ergebnis sein? Wenn die Seele gereinigt und vom Licht des VATERS erfüllt ist, was dann? Auferstehung?”
– “Die Seele mit LICHT, mit Liebe zu füllen – ja, das ist die Wiederauferstehung zum wahren Leben. Es gibt dazu zwei grundlegende Überlegungen der Weisen, der Philosophen der TORA, und nicht nur der TORA … Mein Meister Philo war sowohl ein Weiser als auch ein Mystiker. Hast du von den Mystikern der Merkaba, der Bewegung der “Thronwagen”, gehört?”
Ich schüttelte den Kopf.
Sacharia fuhr fort:
– “Die jüdischen Rabbiner brachten aus der babylonischen Gefangenschaft ein System von Ritualen mit, mithilfe derer man göttliche Visionen empfangen konnte. Ich habe dieses Ritual nie praktiziert. Aber Philo beherrschte es. Das ist eine geheime Schule, über die man unter Priestern üblicherweise nicht spricht, die aber bis heute Verwendung findet, auch in der Schule der Propheten. Es ist ein Zustand, der durch Fasten, Reinigungen, und durch viele Stunden des Gebets unter Anrufung des Namens GOTTES erreicht wird. Und man gerät in eine Ekstase der mystischen Gemeinschaft mit der HÖHEREN Welt, bis zum dritten Himmel oder höher. Man sieht göttliche Wesen, Engel, kommuniziert mit ihnen. Philo sagte, er sei in den fünften und sechsten Himmel aufgenommen worden. Er glaubte, dass die direkte Kommunikation mit GOTT und schließlich die Vereinigung, die Verschmelzung mit IHM das Ziel des Lebens sei. Und der Gang der Seele durch die Kette der Wiedergeburten ist der Weg der Befreiung aus dem leiblichen Gefängnis und der Rückkehr in die höhere Welt, die Heimat …
Ich, mein Sohn, teile diese Ansicht nicht. Vor allem, nachdem ich den GESALBTEN kennengelernt und den von IHM gebrachten Weg angenommen habe. Ich bin zu der Erkenntnis gelangt, dass sich das REICH GOTTES nicht DORT, sondern hier auf der ERDE zeigen wird ….
Ich denke so: Die Rückkehr ins körperliche Leben, die Reihe von Inkarnationen ist eine Periode der Vervollkommnung, der Reinigung der Seele. Wenn die Seele rein ist, erfüllt von GOTTES LICHT, dann ist es möglich, einen ewigen, vollkommenen, vergeistigten Körper zu bekommen. Das wird die letztendliche Auferstehung von den Toten sein. Alles nach dem WILLEN GOTTES!

Also, mein Sohn. Wir haben heute miteinander gesprochem, haben ein Lieblingsthema meiner Jugend angesprochen. Ich komme seit Jahren immer wieder auf diese Fragen zurück … Ich denke, wir beenden unsere Betrachtungen für heute. In bedeutungsvollen Betrachtungen kommen bedeutungsvolle Fragen auf. Aber es ist nicht einfach, über das unergründliche Große zu argumentieren, wenn man noch nicht gelernt hat zu lieben,” – lächelte Sacharia. – “Und ich bin heute etwas müde.”
– “Ich danke dir, du Weiser”, lächelte ich. – “Großvater Johannes beendete sein Gespräch mit mir auf ähnliche Weise.”
– “Weise Großväter, die hundert Jahre alt werden, sind alle irgendwie gleich”, sagte Sacharia abschließend.

1  Das fünfte Buch der Tora

Die Geschichte von Euseus – Teil 2 – Kapitel 8

Die sechs oder sieben Tage der Reise (wir gingen lange) bis zur gesuchten Gemeinde waren Tage des Zusammenhalts und des näheren Kennenlernens untereinander innerhalb unserer Gemeinschaft.
Uns allen war klar, dass es unwahrscheinlich war, dass Nasir und Junia jemals wieder getrennte Wege gehen würden; die Reise hatte sie zu einer Familie gemacht. Und unsere Freundschaft unter Männern entwickelte sich zu einer brüderlichen Verwandtschaft, in der dem Nächsten nur das Beste angeboten wurde.

Nathan und Adonia brachten ihre Selbstlosigkeit zum Wohle des Nächsten in die Gruppe von Freunden ein. Sie gaben ihr Essen an Andere weiter, wenn es denen nicht reichte, während sie selbst gesättigt und zufrieden blieben – obwohl sie nach bisherigem Verständnis zum Erhalt ihrer Körpergröße große Mengen an Nahrung benötigt hätten. Sie hatten nachts Dienst am Feuer, wechselten sich untereinander ab – ein kurzes Nickerchen reichte ihnen. Die Brüder brachten auch eine vibrierende körperliche Kraft mit – sie strömte aus ihnen heraus zum Wohle aller, als ob sie nie versiegen könne.

Lukas war an der Seite der Brüder sichtlich stärker geworden und hatte es sogar gewagt, in den Pausen gegen Adonia zu kämpfen. Adonia brachte Lukas geduldig das Ringen und die Griffe bei. Die Brüder waren als Kinder von ihrem Vater im Ringen unterrichtet worden, der wiederum von seinem hellenischen Freund die Techniken des griechischen Ringkampfs erlernt hatte.

Asana schloss schnell Freundschaft mit Junia. Sie war gutmütig, sanft, und dabei auf besondere Weise schön: schwarzes lockiges Haar, schwarze, tiefe, weit auseinanderliegende, träumerische Augen, weiße Haut, eine weibliche Figur – zarte Knochen mit ausgeprägten Hüften. Ich wusste nicht, welcher Nationalität sie angehörte – wahrscheinlich hatte sie das Blut mehrerer Nation in sich.

Alan verschlug es die Sprache in Asanas Gegenwart – sie hatte eine magische Wirkung auf ihn. Er war verliebt – wahrscheinlich unwiderruflich. Diese Liebe wird Alans unbeirrbare Einstellung gegenüber Frauen erschüttern. Er glaubte, dass er nur eine Jungfrau heiraten könne, die nicht von einem unreinen Mann verunreinigt worden war, geschweige denn von einem Mann eines anderen Glaubens, oder sogar ohne einen solchen.
Asana kam nach den turbulenten Ereignissen in ihrem Leben, die ihr sehr intensive Gefühle beschert hatten, nur allmählich zu sich, und sie bevorzugte keinen der Männer, sondern behandelte Alan wie jeden anderen – mit freundlicher Fürsorge und gleicher Aufmerksamkeit. Nur dass ich als Apostel und als derjenige, der sie von einem Ort gerettet hatte, an dem sie nicht mehr leben konnte, ein wenig mehr Aufmerksamkeit bekam. Ein Umstand, der Alan beunruhigte. Kurz gesagt, er hatte sich wirklich verliebt …

Am letzten Abend der einwöchigen Reise erreichten wir die Gabelung von drei Straßen, die nach Norden und Osten in die Berge führten. Unsere Straße war die linke. Wir entschieden uns zu gehen, obwohl ich mich an die Warnung des Fremden erinnerte, nicht in der Dunkelheit zu gehen.
Wir gingen mühelos bergauf. Es wurde schnell dunkel. Der Weg wurde immer weniger erkennbar und verlor sich manchmal im Dickicht. Kleinere Pfade tauchten auf, die den Hauptpfad kreuzten oder von ihm abzweigten.
Schließlich brach die Nacht herein und der Weg war nicht mehr sichtbar. Sterne erschienen am Himmel, der Mond war noch nicht aufgegangen. Wir hielten an, um zu beten … Wir berieten uns und beschlossen, über Nacht zu bleiben. Nathan und Adonia meldeten sich ganz selbstverständdlich freiwillig für die Nachtwache. Plötzlich raschelte es bedrohlich im nächtlichen Wald. Asana zuckte heftig zusammen. Auf der kleinen Lichtung stand etwas Weißes und ziemlich Großes. Seine Augen leuchteten wie zwei Lichter in der Dunkelheit. Es war eine riesige Katze, deren Färbung man wegen des fehlenden Mondlichts nicht erkennen konnte. Wahrscheinlich ein Luchs – Panther sollte es hier nicht geben …
Dann bemerkte ich den Hüter neben dem Luchs. Er war stämmig, breit, in Felle gekleidet, trug einen langen Bart und ein Kurzschwert am Gürtel. Eine Hand ruhte auf dem Kopf der großen Katze, die andere war mit offener Handfläche in unsere Richtung erhoben – er grüßte uns. Ich hob meine Hand, um ihn willkommen zu heißen und zu zeigen, dass ich ihn sehen konnte. Mit dieser Geste habe ich auch unsere Mannschaft beruhigt.
– “Es ist alles in Ordnung”, sagte ich laut. – “Der Hüter ist bei uns.”
Der Hüter verbeugte sich mit einem leichten Nicken und verschwand im nächtlichen Dickicht. Das Tier kam ruhig auf mich zu, stieß mit dem Kopf an mein Knie und lud mich ein, ihm zu folgen.

Nach einer Stunde wurde es heller, der Wald lichtete sich, der Sternenhimmel wurde nicht mehr durch dichte Baumkronen verdeckt.
– “Shalom”, erklang ein Gruß.
– “Shalom”, antwortete ich misstrauisch und ging auf das dichte Gebüsch zu.
Zwei Männer kamen auf uns zu. Ich sah sie, berührte sie mit meinen Sinnen, und die Spannung verschwand sofort.
– “Friede auf deinen Wegen, Apostel. Wir haben seit Tagen auf dich gewartet. Ihr seid mehr geworden. Es kam die Nachricht, dass sich ein Dritter zu euch gesellt hatte – ein flüchtiger Perser … Ihr seid schon eine große Gruppe!”
Wir verbrachten die Nacht in einem Zelt aus dunklen Fellen. Das Zelt hatte ein rechteckiges Dach und eine Feuerstelle in der Mitte. Es war warm und gemütlich. Alle schliefen ein, vertrauten dem, was geschah – wir waren sehr müde.

Der Morgen war sonnig und wir schliefen länger als sonst. Als wir das Vordach des Zeltes öffneten, sahen wir die Siedlung. Unsere Unterkunft befand sich auf einer kleinen Anhöhe. In einem gemütlichen Tal mit einem klaren Fluss und einem angelegten Teich waren vierzig bis fünfzig Häuser: größtenteils rechteckige Zelte aus dunklem Leder, die anderen Häuser aus Kalkstein. Aus den Behausungen stieg fast durchsichtiger Rauch auf – die Feuerstellen waren schon lange geschürt worden. Auf einer großen Lichtung versammelten sich die Menschen, es waren schon viele da. Sie warteten darauf, uns zu treffen.
Dieselben beiden Männer brachten uns Essen. Wir stellten fest, dass es kein Fleisch, sondern nur Fisch gab. Man bot uns an, uns mit verdünntem Wein mit Kräutern und wildem Honig aufzuwärmen: Der Winter begann und der Morgen war kühl. Wir willigten ein, obwohl es hier zu Beginn des Winters noch neun bis zehn Grad warm am Morgen ist, solange die Luft die Sonne noch nicht erwärmt hat …

Auf der Lichtung hatten sich etwa zweihundert Menschen versammelt, darunter auch Kinder verschiedenen Alters. Als wir uns der Lichtung näherten, wurden wir mit Verbeugungen, Jubel und Lächeln begrüßt.
Ein älterer, grauhaariger Mann in den Fünfzigern hob die Hand, um Ruhe zu schaffen. Er war Mitglied des Ältestenrates.
Jeder von uns Reisenden stellte sich vor und erzählte kurz etwas über sich. Der Älteste sagte, dass ich, ein Apostel Christi, der von dem ehrwürdigen Johannes in diese Gegend gesandt wurde, und meine Freunde von der Gemeinde erwartet wurden. Und er schlug vor, dass wir den Winter in der Gemeinde verbringen sollten. Ich antwortete:
– “Wir nehmen das Angebot dankend an und möchten euch zu Diensten sein.”
Der Älteste stellte die Gemeinde vor und erzählte uns von ihr. Es war eine jüdisch-christliche Gemeinde – eine Gemeinschaft von Juden, die RABBI als den GESALBTEN GOTTES (den MESSIAS) angenommen hatten. Die Gründer der Gemeinschaft waren mehr als dreißig Jahre zuvor an diese Orte gekommen, nachdem die römischen Armeen Jerusalem und das Hauptheiligtum der Juden, den Tempel in Jerusalem, zerstört hatten. Zu den Gründern gehörten ehemalige Mitglieder der Jerusalemer Gemeinde der Jünger CHRISTI (Jakobus der Gerechte, Petrus und Johannes,) sowie Jesuiten aus Jerusalem, die an das Kommen des MESSIAS geglaubt hatten. Unter ihnen war auch ein Freund Jakobs des Gerechten, ein Gesetzeslehrer, Rabbi Sacharias. Sacharias lebte noch und war fast hundert Jahre alt, und er war der Älteste im Ältestenrat.

Sie teilten ihre Besitztümer und lebten nach dem Vorbild der Gemeinschaft in Jerusalem. Es gab gemeinsame Mahlzeiten, das Abendmahl, voreinander Beichten in Versammlungen. Die Familien, aus denen die Gemeinschaft bestand, hatten ihre eigenen Haushalte. Witwen, Witwer und alleinstehende Frauen lebten in Naturfamilien. Helle Kleidung war hier gern gesehen, ganz gleich, welcher Art von Arbeit man nachging. Der Schwerpunkt lag auf der inneren und äußeren Reinheit. Dem obligatorischen Gebet (dreimal am Tag) ging eine Waschung voraus, meistens im Fluss. Vor der Waschung gab es unbedingt eine innere, individuelle Buße, d.h. eine Person betrat schon innerlich rein das lebendige Wasser und nahm die Waschung vor.

Die Gemeinschaft war eine geschlossene Einheit. Nicht jede beliebige Person konnte hierher kommen. Die Menschen wurden auf Empfehlung von christlichen Freunden eingeladen, die außerhalb der Gemeinde (in nahe gelegenen oder weit entfernten Dörfern) lebten. Selbst nach dieser Empfehlung musste man noch bis zu sechs Monate auf Probe in der Gemeinschaft leben, um Vollmitglied zu werden.
Ein junger Mann, der in der Gemeinschaft aufgewachsen war, konnte unter zwei Bedingungen in der Gemeinschaft bleiben: wenn er selbst den Wunsch hatte, zu bleiben, und wenn die Männerversammlung ihm vertraute, in der Gemeinschaft zu bleiben.
Ein Mädchen blieb aus freien Stücken und mit Zustimmung ihrer Eltern in der Gemeinschaft.
Fleisch wurde hier nicht gegessen, diese Regel bestand schon seit der Gründung der Gemeinde. Fisch wurde gern gegessen, der Fluss lieferte ausreichend.
Natürlich hatte die Gemeinschaft wichtige Werkstätten. Und es gab natürlich zu meiner und Lukas´ Freude auch eine Schmiedewerkstatt.
Die Jungen wurden hier bei der Geburt beschnitten …

Das erste Treffen in der Gemeinschaft dauerte lange. Nach den Worten des Ältesten sagte ich, dass ich eine Abschrift der Botschaft von Johannes bei mir habe, und dass ich sie zu Ende schreiben muss, bevor ich sie in die Welt hinausschicke. Und dass die Schriften von Johannes zur Verfügung stehen, solange wir in der Gemeinde sind: Sie befinden sich im Gebetshaus, wo gemeinsame Lesungen organisiert werden können.
Ich habe versucht, die Schriften von Johannes so kurz wie möglich wiederzugeben. Aber ich konnte bis zum Nachmittag nicht einmal die Hälfte von dem erzählen, was ich vorhatte. Von dem, was Großvater nicht aufgezeichnet hatte, erzählte ich seine Version einer wohlbekannten Geschichte aus dem Evangelium:

Junge Männer, Schüler der Schriftgelehrten (Lehrer des Gesetzes), kamen eines Tages zu RABBI. Sie verneigten sich vor ihm in Ehrerbietung, wie es sich gehört.
Einer von ihnen begann:
– “RABBI! Wir wissen, dass DU in der KRAFT GOTTES gekommen bist und dass die Dämonen vor DEINER KRAFT fliehen …”
– “Nun”, lächelte der LEHRER, “und wie kann ICH helfen? Aus wem kann ICH einen Dämon austreiben?”
– “Das ist nicht der Grund, warum wir heute hier sind, LEHRER. Hilf bitte herauszufinden, ob es erlaubt ist, Steuern an Cäsar zu zahlen? Was meinst DU dazu?”
– “Das ist nichts für MICH”, fuhr RABBI fort und lächelte die jungen Männer an.
– “Man sagte uns, dass DU alle Antworten weißt.”
– “Das war ein Scherz. Alle Antworten hat nur der HERR”, sagte ER und fragte dann: – Wer hat einen Dinar?
Einer der Jungen nahm eine Münze aus der Tasche und reichte sie dem LEHRER.
– “Versucht selbst es herauszufinden …”, lächelte ER. – “Lasst uns gemeinsam raten. Wer ist auf der Münze abgebildet?”
– “Cäsar,” – antworteten sie IHM.
– “Das ist richtig. Wenn es Caesar ist und nicht jemand anderes, wessen Münze ist sie dann?”
– “Cäsars”, antworteten die jungen Männer lächelnd.
– “Dann gib dem Cäsar was ihm gehört”, sagte der LEHRER. Dann lobte ER sie für ihren Scharfsinn und fuhr fort: – “Und wo ist der VATER?”
Sie zeigten zum Himmel.
– “Dann gebt IHM, was IHM gehört”, sagte RABBI und drückte SEINE Hand auf SEIN Herz …
Einer dieser jungen Männer, ein Schüler eines Schriftgelehrten, wurde an diesem Tag ein Jünger des GESALBTEN. Und er folgte dem LEHRER auf den Straßen Israels, solange RABBI auf der ERDE weilte …

Gegen Mittag beschlossen die Ältesten jedoch, das Treffen zu vertagen. Sie sagten, dass das nächste Treffen in zwei Tagen am Abend stattfinden würde und dass die Reisenden sich jetzt ausruhen müssten. Die Ältesten erinnerten daran, dass sie uns gerne für die Wintermonate aufnehmen würden und dass sich die Regeln der Gemeinde nicht ändern würden, was bedeutete, dass wir eine Probezeit haben würden, wenn auch verkürzt auf einen Monat, und erst dann vollwertige Mitglieder der Gemeinde werden könnten.

Unsere Frauen, Junia und Asana, erhielten Unterkunft in Familien, da sie noch nicht verheiratet waren. Wir Männer bekamen dasselbe Zelt, in dem wir empfangen wurden, und es wurde für fast drei Monate unser Zuhause.

Lukas und ich fanden einen Arbeitsplatz in der Schmiede, und ein Lehrling, ein zwölfjähriger Junge, wurde uns zugeteilt. Nasir, der über verschiedene Fähigkeiten verfügte, und Alan, dem alles leicht von der Hand ging, begannen in der Schreinerei. Nathan und Adonia wurden vom Rat für Arbeiten eingeteilt, die körperliche Kraft erforderten, meistens auf dem Bau.

Es war eine wunderbare Gemeinde, die den Geist der Jerusalemer Gemeinde der direkten Jünger CHRISTI bewahrte. Die Gläubigen lebten einfach, freundschaftlich, in ständiger gegenseitiger Hilfe und bemühten sich, ihren Nächsten das Beste zu geben. Sie waren dem GEIST von RABBI treu, der sagte: “Selig sind die Armen”. Sie verachteten den Erwerb von Gütern und das Streben nach weltlichen Gütern. Sie verstanden, dass “derjenige, der die Welt erkannt hat, eine Leiche gefunden hat, und dass es die Armen sind, die das Himmelreich erben.“

Hier liebten und kannten sie auswendig eine Passage aus dem heute nicht mehr existierenden aramäischen Evangelium, das die Grundlage für die griechische Fassung des Matthäus-Evangeliums bildete. Dies ist einer der beliebtesten vorkanonischen Texte in der Gemeinde:
Einer von zwei reichen Männer sagte:
– “LEHRER, was soll ich Gutes tun, um das ewige Leben zu erlangen?”
ER sagte zu ihm:
– “Mensch, erfülle das Gesetz und die Propheten.”
Er antwortete IHM:
– “Das tue ich.”
Daraufhin sagte ER zu ihm:
– “Geh hin und verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen, und dann komm und folge MIR nach.”
Der reiche Mann aber begann sich am Kopf zu kratzen, diese Worte gefielen ihm nicht. Und der HERR sprach:
– “Wie kannst du sagen, dass du das Gesetz erfüllt hat? Denn es steht im Gesetz geschrieben: ´Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Und sieh, viele deiner Brüder, die Söhne Abrahams, sind verdreckt und verhungern, aber dein Haus ist voll von guten Dingen, und nichts davon geht an sie!´”
Und ER wandte sich an Simon (Petrus), seinen Jünger, der neben IHM saß, und sagte:
– “Simon, Sohn des Jona, es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in das HIMMELREICH kommt.”

In dieser Gemeinschaft zerbrachen sie sich sowieso nicht den Kopf darüber, ob sie den Reichtum mit ihren Nachbarn teilen sollten oder nicht, sie wollten ihn einfach nicht haben, sie teilten untereinander und gaben das Beste gern ab, denn sie wussten, dass die Armen das Reich ererben und der Reiche niemals hineingehen wird – dafür muss er nun mal arm werden.

Einige der jetzt Inkarnierten könnten möglicherweise sagen, dass diese Gemeinschaft der “Habenichtse” nicht die Versuchungen des Wohlstands und die Gelegenheiten zur Befriedigung der ständig wachsenden lebenswichtigen Bedürfnisse hatten – sie sollten mal in unserer Zeit als Habenichtse leben!
Jede Zeit hat ihre eigenen Herausforderungen. Die Menschen von damals, sage ich euch, sind jetzt inkarniert, und ich kenne sie. Und die Schule dieser Gemeinschaft ist in ihnen sichtbar. Und demjenigen, der (einem Menschen der frühen Gemeinde) vorschlägt, eine Inkarnation mit den Versuchungen der Befriedigung heutiger Wünsche zu durchleben, würde ein Mensch dieser (frühen) Gemeinschaft der „Habenichtse“ einfach antworten: “Weiche von mir, Satan”.1

1  Der in Klammern stehende Text wurde zum besseren Verständnis vom Übersetzer hinzugefügt

Die Geschichte von Euseus – Teil 2 – Kapitel 7

Ich wachte am späten Morgen auf, mein Kopf schmerzte noch immer. Junia hatte den Verband gewechselt und verkleinert, aber die tiefe Wunde mit der Delle im Knochen über meiner rechten Augenbraue blutete immer noch. Bald würde sich die Wunde in eine breite Narbe verwandeln, die mit ihrem Muster und ihrer Farbe lange die Aufmerksamkeit der Nächsten auf sich ziehen würde. Eine Erinnerung für die Ewigkeit. Selbst in meinem jetzigen Leben kratze ich mich aus Gewohnheit an der Stirn über der rechten Augenbraue, wo die alte Narbe war, obwohl meine jetzige Stirn noch glatt ist und selten juckt …

An diesem Morgen kam der Sohn des Priesters, Aaron, zu mir, kniete nieder und verneigte sich.
– “Ehrenwerter Prophet, nimm die Reue für die Taten meines Vaters an. Seit gestern sehe ich die Welt nicht mehr mit den Augen meines Vaters … Und ich muss dafür büßen, was er getan hat. GOTTES Fluch wird auf meine Familie fallen, wenn ich es nicht tue.”
Ich hob den jungen Mann von den Knien auf:
– “Warum glaubst du das?”
– “Ich habe gestern das LICHT und die KRAFT gesehen! Und diese KRAFT ist nicht bei meinem Vater. Ich beschloss, ihn zu verlassen. Ich möchte dich bitten, mich mit dir zu nehmen, damit ich ihn durch meinen Dienst erlösen kann … Aber heute Nacht hatte ich einen Traum, er war wie eine Realität. Zwei Älteste oder Engel sind mir erschienen. Sie waren so hell wie du. Der Älteste sagte: ´Sühnen – das bedeutet nicht, die Heimat zu verlassen, sondern die Wege des HERRN zu gehen da, wo man geboren wurde.´ Er sagte, ich solle um deinen Segen bitten … Segne mich, Prophet, und gib mir KRAFT! Ich muss meinen Vater durch Taten im Geist des NEUEN Gesetzes vom Kommen des MESSIAS überzeugen – und dir auf dem Rückweg mit einer rechtschaffenen Gemeinde begegnen!
Ich segnete den jungen Mann durch Handauflegen. Ich habe ihn umarmt. Tränen flossen aus seinen Augen und ein Lächeln lag auf seinen Lippen. Ein verwandtes Herz! Ich bat Lukas, Aaron das Gebet und die Evangelien aus unseren Beständen zu geben. In der vorherigen Stadt-Gemeinde wurden die Bücher der FROHEN BOTSCHAFT für unvorhergesehene Ereignisse auf unserem Weg abgeschrieben. Es gab keinen Zweifel – diese Evangelien waren für Aaron bestimmt. Er war damals sechzehn Jahre alt.

Die beiden Brüder kamen mit leichtem Schnupfen auf mich zu und knieten nieder. “Die Woge dieser Aktion hat mich ein wenig erschüttert.” sagte Nathan:
– “Segne auch uns, Meister! Wir haben keinen Zweifel, dass du ein Apostel des GESALBTEN, des MESSIAS, bist.” – Adonia nickte zustimmend. – “Nach dem, was gestern geschehen ist, können wir dich nicht allein lassen. Wir werden mit euch kommen, weise uns nicht ab. Träume wie den von Aaron haben wir nicht gesehen. Wir haben hier nichts weiter zu tun … Wir verabschieden uns nur von meinem Vater, wenn wir das Dorf verlassen.”
Nach dem Segen umarmten wir uns gegenseitig, wobei Adonia den jungen Aaron in seine Arme zog. Unsere gesamte Gruppe, zusammen mit der Gastgeberin und ihren Kindern, nahm am Sakrament teil …
Wir konnten uns erst am Nachmittag auf den Weg machen, und Aaron hatte zu diesem Zeitpunkt bereits das Gebet gelernt.

Der Pfarrer wartete am Morgen draußen geduldig auf seinen Sohn.
– “Friede sei mit dir und deinem Haus, Priester!” – habe ich ihn angesprochen. – “Dein Sohn wollte mit uns gehen, es wäre schwer für dich, das zu ertragen ... Er bleibt hier, aber nicht bei dir – sondern bei GOTT. Sein Herz ist rein, er bleibt zurück mit der KRAFT, mit der wir hergekommen sind. Die KRAFT des Glaubens ist mit ihm… Es ist an dir, deinem Sohn etwas durch deine Taten zurückzugeben. Wenn du willst hilf ihm, eine Kirche GOTTES aufzubauen. Aber nicht er für dich, sondern du für ihn! Und auf dem Rückweg, wenn es der Wille des ALLERHÖCHSTEN ist, werden wir zu euch kommen.

Das Haus der Brüder lag am anderen Ende des Dorfes. Sie gingen hinein, um sich von ihrem Vater zu verabschieden. Nach dem gestrigen Ereignis war ihr Vater ein Held geworden. Jeder im Dorf wusste bereits, dass seine Söhne dem Priester und dem Satan selbst getrotzt hatten, indem sie seiner Provokation entgegentraten.
Der Vater kam heraus, um uns auf unserem Weg zu GOTT zu segnen; er hielt die Hand eines schwarzhaarigen Mädchens von sechs oder sieben Jahren. Ihm standen die Tränen in den Augen – seine Söhne waren erwachsen geworden, gingen fort, um JEHOVA auf ihre Weise zu dienen, und er würde sie wahrscheinlich nie wiedersehen …
Nathan war zwanzig Jahre alt, Adonia achtzehn. Unterwegs erzählten sie von sich. Nathan erzählte es uns, und Adonia lächelte gutmütig und sagte manchmal ja.
Die Brüder waren beschnitten, aber ihre Mutter war eine Phrygierin. Sie galten nicht blutsmäßig als jüdisch – denn ihre Mutter war keine Jüdin – sondern aufgrund des Rituals. Die Beschneidung der Vorhaut war ein körperliches Zeichen für den Bund mit Gott. Die Zugehörigkeit seiner Kinder als Juden wurde nicht durch den jüdischen Vater bestimmt.
Ihre Familiengeschichte führte zu Kontroversen im Dorf und zu Spannungen zwischen dem Priester und den Ältesten gegenüber dem Vater der Brüder und den Brüdern selbst.
Ihr Vater hatte sich einst in eine verwitwete phrygische Frau verliebt und nicht in das jüdische Mädchen (die Schwester des Priesters), das nach dem Heiratsantrag ihrer Eltern seine Frau werden sollte. Die kräftigen, mutigen und gutmütigen Brüder waren aus der beiderseitigen Liebe zwischen dem Juden und der phrygischen Frau geboren worden. Die Tatsache, dass dieser Mann die Kühnheit besaß, eine nichtjüdische Frau zur Frau zu nehmen, anstatt sie zu seiner Geliebten zu machen, rief den Zorn des Priesters hervor – und Anfälle von Eifersucht in dem nicht sehr großen Dorf. Die Phrygierin war sehr schön …
Vor sechs Jahren starb sie bei der Geburt und hinterließ ein wunderschönes Mädchen, das genau so aussah wie sie. Das Mädchen wurde von ihren Brüdern und ihrem Vater aufgezogen und erzogen. Den Vater drängte es nicht, wieder zu heiraten, obwohl die Kinder ihn dazu drängten, da es schwierig war, den Haushalt allein zu führen. Der Vater antwortete: “Meine Tochter wird bald erwachsen und eine Hausfrau sein, bis sie heiratet. Und dann werden wir sehen, ob ich dann noch lebe.”

Bis zum nächstgelegenen Dorf waren es zwei Tage und zwei Nächte. Die Nächte waren bereits kalt, und wir mussten das Feuer in Gang halten, indem wir uns am Feuer abwechselten. Wir mussten überlegen, wo wir den Winter über leben wollten. Die Vision des weisen und geheimnisvollen Fremden, der mich auf eine in den Bergen verborgene Gemeinschaft hingewiesen und mir den Weg dorthin gezeigt hatte, kam mir immer wieder in den Sinn. Ich habe seinen Rat nicht befolgt, obwohl ich es wahrscheinlich hätte tun sollen – aber dann hätten wir Aaron nicht kennengelernt und wir hätten Nathan und Adonia nicht bei uns gehabt … Und die Gemeinde, in der wir uns nützlich machen sollen – das war keine Warnung, sondern ein Ratschlag. Wir werden wohl bei der nächsten Gabelung in Richtung dieses Dorfes abbiegen. Und dann werden wir sehen – wahrscheinlich werden wir den Winter dort verbringen …

Auch waren die Momente des letzten Kampfes mit den Dämonen in meinem Kopf präsent. Ich hatte Großvater dort gesehen! Ich habe mich wohl kaum geirrt. Ist es möglich, Großvater nicht zu erkennen?! Aber wenn es Großvater war, wie konnte er dann in meiner Nähe erscheinen, wo er doch in der Welt des VATERS sein müsste? Diese Frage erschütterte meine bereits gefestigte Einstellung bezüglich des Verlassens des Körpers. Vielleicht war es Zauberei und ich wurde von Satan geprüft? Warum sollte er das tun? Mir Großvater zeigen, wozu? Der Dämon sagte auch, dass ich nicht allein in der Macht des Höchsten war, als ich ihn austrieb. Vielleicht meinte er meine Freunde? Oder hat er mich in die Irre geführt? Scherzbold! Warum?! Ich hatte noch keine Antwort auf diese Frage gefunden, sie drehte sich nur wieder und wieder in meinem Kopf, und so beschloss ich, sie beiseite zu legen – die Zeit würde kommen, und die Antwort würde erscheinen…

Wir kamen in ein hellenisches Dorf. Hier gab es keine jüdische Diaspora, sondern nur ein paar jüdische Familien. Nach den hitzigen Ereignissen der letzten Zeit hat diese Nachricht die Spannung, die sich im Inneren aufgebaut hatte, etwas gemildert. Und wir konnten nun verstehen – die BOTSCHAFT vom SOHN GOTTES den Heiden zu bringen, zu denen ich von Geburt an gehörte, war etwas ganz anderes (die Spuren in meinem Gesicht) als die BOTSCHAFT vom Kommen des MESSIAS unter das auserwählte Volk zu bringen, das eifersüchtig seinen Glauben bewahrte auf der Grundlage von 613 Geboten, die einem damals noch kleinen Volk vom ALLERHÖCHSTEN direkt durch MOSE gegeben wurden, zumal in den SCHRIFTEN der TORA (Pentateuch) nirgends ein Zeichen für das Kommen des MESSIAS erwähnt wurde.
Und man kann den Erfolg verstehen, den der Apostel Paulus, ein gebildeter Jude, ein Absolvent der jüdischen Prophetenschule, beim Überbringen der BOTSCHAFT zu den Heiden hatte, und dass die Apostel Petrus und Johannes, die vor kurzem noch Fischer waren, Schwierigkeiten hatten, die BOTSCHAFT den Juden zu überbringen, wo es sehr schwierig war, das Kommen des erwarteten MESSIAS zu verkünden ohne geschlagen zu werden.
Großvater sagte, dass er, als er jünger war, immer vor den Juden davonlief, besonders wenn Pharisäer oder Schriftgelehrte unter ihnen waren …

Für die Freunde der gegenwärtigen Inkarnation sollte ich vielleicht klarstellen, was sich hinter diesen oft wiederholten Begriffen verbirgt.
Die Pharisäer waren eine Art Revolutionäre der frühen Zeiten der Religion des jüdischen Volkes, die später “Judentum” genannt wurde. Sie gingen vom Geist des Gesetzes aus und befolgten nicht nur die SCHRIFTLICHE TORA (die mosaischen Gesetze, Pentateuch), sondern auch die MÜNDLICHE TORA, die mündlichen Überlieferungen seit MOSE, alles, was der ALLERHÖCHSTE MOSE gelehrt hatte, was aber nicht aufgeschrieben worden war. Die Pharisäer glaubten an die Unsterblichkeit der Seele, an die Auferstehung von den Toten, und einige von ihnen fanden eine Bestätigung der Präexistenz der Seele in der MÜNDLICHEN TORA.
Im Ersten Jahrhundert gab es nicht sehr viele Pharisäer, sie genossen aber den Respekt des Volkes. Wie die Priester waren sie Verfechter der rituellen Reinheit – alle Juden sollten wie Priester sein. Das stellte eine Überforderung dar hinsichtlich des Anspruchs zur Einhaltung der rituellen Aspekte des Glaubens. Unter den Gesetzeslehrern befanden sich oftmals Pharisäer, die die Gesetze des MOSE (die SCHRIFTLICHE und MÜNDLICHE TORA) eingehend studierten und sich mit ihrer Auslegung befassten.

Die Sadduzäer hingegen, die Priester des Tempels, waren eine sehr konservative religiöse Partei von Hohepriestern und einflussreichen Ältesten, von wohlhabenden, angesehenen Juden, die dem höchsten religiösen Organ, dem Jerusalemer Rat (Sanhedrin), angehörten. Die Sadduzäer waren Hüter des Buchstabens des Gesetzes, lagen in Fehde mit den Pharisäern, anerkannten nicht die MÜNDLICHE TORA, der Auferstehung der Toten, Engel oder der Unsterblichkeit der Seele. Sie versuchten, sich der mächtigen kaiserlichen Autorität anzupassen, wie auch jede andere herrschende Religion in der Geschichte. So erlaubten die Hohepriester den jüdischen Jungen und jungen Männern, gegen das Nacktheitsverbot zu verstoßen – sie durften sich in den Gymnastikstunden der griechischen Schulen entkleiden. Das heißt, die Hohepriester duldeten Verstöße gegen das mündliche Gesetz des Mose, aber niemand verurteilte sie zur Steinigung, weil sie selbst Teil dieses Gerichts waren – des Sanhedrins …
Und eine Synagoge war einfach eine Versammlung von Gläubigen oder ein besonderes Gebetshaus in der Diaspora.

In dem Dorf, in das wir kamen, gab es kein jüdisches Gebetshaus (es gab nur sehr wenige Juden im Dorf), was bedeutet, dass es auch keine Sadduzäer oder Pharisäer gab.
Während des abendlichen Treffens mit den Dorfbewohnern erzählte ich eine Geschichte aus Großvaters Aufzeichnungen, aus der wir auch die Haltung des LEHRERS gegenüber einer Frau ersehen konnten, die für jene Jahre untypisch war – nicht nur für das Königreich Israel, das schon wieder zerstört und in die Sklaverei verkauft worden war, sondern auch für die gesamte griechisch-römische Welt, in der wir mit der BOTSCHAFT des GESALBTEN umherzogen.

Die Geschichte geht so: Eines Tages brachten die Pharisäer und Schriftgelehrten eine Frau zum LEHRER, während er im Tempel lehrte.
– “Meister”, meldete sich einer der Schriftgelehrten. – “Sie hat ihren Mann betrogen und wurde dabei erwischt. Mose sagt uns im Gesetz, solche Frauen sollen wir steinigen. Was sagst du dazu?”
– “Und wer von euch, meine Herren, kann den Ehebruch bezeugen?” – fragte RABBI und begann, mit seiner Hand etwas auf den Boden zu zeichnen oder zu schreiben.
– “Wir wurden von ihrem Ehemann darüber informiert.”
– “Gab es außer ihrem Ehemann noch andere Zeugen?” – fragte RABBI, während er langsam weiterkritzelte.
– “Das wissen wir nicht. Ihr Ehemann erzählte es uns.”
– “Habt ihr sie gefragt?”
– “Ja, sie leugnet es.”
– “Wie wollt ihr über sie urteilen, wenn ihr die Wahrheit nicht kennt? Denn einer von ihnen lügt. Und wenn es der Ehemann ist? Wie könnt ihr dann die unschuldige Frau verurteilen?”
Es gab eine Pause. Der Lehrer schrieb weiter etwas auf den Boden und betrachtete das bereits Geschriebene.
– “Was wäre, wenn der Ehemann die Wahrheit gesagt hätte und wir Zeugen des Ehebruchs gewesen wären?” – fragte der Gesetzeshüter.
Die Pause dauerte an.
– “Wirst du uns antworten?” – erinnerte der Gesetzeshüter.
Der LEHRER, der mit dem Schreiben fertig war, sah zu ihnen auf:
– “Derjenige unter euch, der noch nie gesündigt hat, soll der erste sein, der einen Stein auf sie wirft.”
Die Fragen endeten. Die Pharisäer sahen sich um, fanden keine Unterstützung und gingen. Die Frau wandte sich an den LEHRER. Er lächelte sie an:
– “Wenn sie die Wahrheit gesagt haben, tu es nie wieder. Wenn du deinen Mann nicht liebst und nicht mit ihm zusammenleben kannst, sag es ihm. Aber täusche ihn nicht.”
Und es stand auf der Erde geschrieben: “Richtet niemanden, und ihr werdet nicht gerichtet werden.”

Das Treffen war beendet. Ein Mädchen kam näher. Ihr Name war Asana. Tränen flossen leise aus ihren Augen:
– “Prophet, bring mich weg von hier. Ich kann hier nicht mehr leben. Ich möchte rein sein, einen Mann und Kinder haben … Das ist hier nicht möglich. Ich bin eine gute Frau. Ich werde dir und deinen Freunden dienen … Du hast bereits eine Frau. Vielleicht kannst du eine zweite gebrauchen?”
Vor kurzem sollte Asana eine Familie mit einem Jungen gründen, in den sie sich verliebt hatte. Sie wurden von ihren Vätern zusammengebracht, die befreundet waren. Ein Hochzeitstermin war vereinbart worden. Asana war auf die Annäherungsversuche ihres Geliebten eingegangen und mit ihm intim geworden.
Alles lief gut, bis ihr Bräutigam plötzlich beschloss, die Tochter eines reichen Bauern zu heiraten, der ihm eine Mitgift, ein Haus und eine große Schafherde versprach. Damit dies geschehen konnte, musste der Bräutigam seine Absage der geplanten Verbindung begründen. So erklärte er, seine Braut sei unrein und keine Jungfrau mehr. Dem Mann wurde geglaubt, und es gab niemanden, der den Vorfall regeln konnte, es gab keinen Rat im Dorf …
Und jetzt schlägt und beschimpft Asanas Vater sie, vor allem wenn er trinkt, und er trinkt viel. Die Dorfbewohner tuscheln hinter dem Rücken des Mädchens und nur wenige wagen es, sie anzusprechen …

Ich habe mir diese traurige Geschichte angehört.
– “Alles nach dem WILLEN GOTTES. Lasst uns gemeinsam weitergehen – dem HIMMEL sei dank!”
So kam Asana in unsere Gruppe. Sie war achtzehn Jahre alt.
Wir fünf Männer besuchten am Abend das Haus ihres Vaters. Wir teilten ihm mit, dass Asana für immer von zu Hause weggehe, dass wir die Verantwortung für sie übernähmen und es nicht nötig sei, nach ihr zu suchen. Ihr Vater nickte stumm – er stimmte sofort zu. Asana fand die Kraft, ihn zum Abschied zu umarmen und ihm zu danken. Er weinte, er war betrunken …

Die Geschichte von Euseus – Teil 2 – Kapitel 6

Am Morgen erzählte ich meinen Freunden von der Vision und der Warnung. Wir berieten uns und beschlossen, dessen ungeachtet in dieses Dorf zu gehen. Wir waren tagelang unterwegs gewesen, brauchten eine kleine Pause und vor allem brauchten wir Brot. Im Dorf könnten wir, nachdem wir die Situation eingeschätzt hatten, bloß um ein Bett für die Nacht bitten und uns mit unseren Händen etwas Brot verdienen …

Das Dorf wusste bereits von uns. Die Nachricht von dem Propheten, der das Jüngste GERICHT ankündigte, und von seinen Jüngern, war aus der Stadt, in der wir bei der Gründung der Gemeinschaft geholfen hatten, hierher gelangt. Das erzählte eine hellenische Frau, die uns in ihrem Haus Unterkunft gewährte. Sie war Witwe und hatte zwei Kinder im jugendlichen Alter, einen Jungen und ein Mädchen. Ihr Haus war das erste am Eingang des Dorfes. Der Haushalt war nicht reich, aber es gab Getreide im Haus. Ich bat um eine Unterkunft für zwei Nächte, sagte, wir würden bei der Hausarbeit helfen, die Kinder heilen und weiterziehen. Die Frau erzählte, in dem Dorf gäbe es eine große jüdische Diaspora, eine Synagoge, einen Priester und Älteste, die alle darauf warteten, den Propheten des Jüngsten Gerichts zu treffen.
– “Es ist unwahrscheinlich, dass du weiterziehen kannst, ohne mit ihnen zu sprechen. Alle wissen bereits, dass du bei mir wohnst.”
Nach ihren Worten spürte ich eine Beklemmung in meiner Brust.
Es war Mittagszeit. Wir zogen uns zum Gebet in verschiedene Teile des Gehöfts zurück.

Nach dem Gebet besprachen wir, was wir nun tun würden. Wir beschlossen, der Witwe im Haushalt zu helfen, auf die Kinder aufzupassen, über Nacht zu bleiben und am frühen Morgen abzureisen.
Nasir arbeitete an der häuslichen Mühle – er tauschte einen Mühlstein  aus – ein Ersatzstein wurde im Haus gefunden. Lukas und Alain haben mit Einfallsreichtum die Scheune ausgebessert. Junia half der Hausherrin bei der Zubereitung des Mittagessens und backte Fladenbrot für uns. Ich habe den Kindern den Unterleib eingerenkt und ihrer Mutter gezeigt, wie man das macht. Ich habe ihnen ein kurzes Gebet beigebracht – und ihnen einfache Geheimnisse aufgezeigt, was man tun muss, um nicht krank zu werden. Ich habe die Kinder gebeten, mir diese Geheimnisse zu wiederholen, sich daran zu erinnern und sie mit ihren Freunden zu teilen.

Als die Sonne gerade hinter dem Berg verschwunden war, kam ein lächelnder junger Mann ins Haus. Er war der Sohn eines Priesters.
– “Ehrwürdiger Prophet! Alle haben sich bereits in der Synagoge versammelt und warten auf Sie. Ich werde Sie begleiten und Sie bei Ihren Anliegen unterstützen.”
Wir beschlossen, alle zusammen zu gehen, Junia mit uns. Die Hausherrin blieb zu Hause, um das Essen für unsere Reise vorzubereiten. Der Platz vor der Synagoge war mit Menschen gefüllt. Die Ältesten saßen auf einer Holzbank, der Priester stand neben ihnen. Gegenseitiges Begrüßen und sich Bekanntmachen.
Ich hatte einen Platz neben dem Priester und den Ältesten. Hinter mir befand sich die Synagoge und ein schmaler Gang. Vor mir befand sich ein Halbkreis von Menschen. Lukas, Alan, Nasir und Junia saßen in der ersten Reihe unter den Einheimischen, meist Juden. Ich hatte noch keine Erfahrung mit denen, die seit Jahrhunderten in Erwartung des MESSIAS lebten.

Ich begann zu sprechen, stellte mich und meine Freunde vor und sagte ihnen, wohin wir gehen und warum. Ich erzählte von meinem Lehrer, Johannes dem Juden, der ein langes Leben geführt hatte und einer der engsten Jünger DESJENIGEN war, den viele Menschen in Judäa und noch mehr in den heidnischen Ländern für den MESSIAS, den GESALBTEN GOTTES, hielten.
Ich berührte auch ein Thema, das ich in solchen Treffen am meisten liebte – den davidischen Zweig des RABBI. Das Umfeld des alten Gesetzes und der Propheten verlangte Beweise. Ich zeigte die Abstammung des MENSCHENSOHNS auf.
Dann begann ich, von den Wundern und Heilungen zu erzählen, die RABBI vollbracht hatte. Mittendrin sprach ich von den neuen Geboten, die der HERR durch SEINEN SOHN gegeben hat. Ich habe sie nicht mit dem ALTEN Gesetz verglichen, sondern einfach über das NEUE gesprochen. Ich bemerkte an den besonderen Erscheinungen, dass sich ein Dämon in der Menge befand.

Die Leute hörten aufmerksam zu und nickten manchmal mit dem Kopf. Nach dem Satz “Liebt die, die euch hassen, und ihr werdet keine Feinde haben” hob der Priester die Hand und bat ums Wort.
– “Ich habe gehört, dass der RABBI die aussätzigen, besessenen Opfer berührte und danach keine Reinigung durchgeführt hat. Wie konnte ein beschnittener Mann aus dem Zweig Davids, der von Geburt an einen Bund mit dem GOTT Israels geschlossen hatte, das ALTE Gesetz nicht erfüllen?”
Die Menge unterstützte die Frage des Priesters mit einem gemischten Gemurmel.
– “Das bedeutet, dass der GESANDTE so rein ist, dass ER kein Ritual braucht. Er ist derjenige, der den NEUEN Bund und neue Gebote bringt, die von demjenigen, der sie erfüllt, eine größere Reinheit des Herzens verlangen. Er bringt die NEUEN Gesetze vom VATER.
– “Steht in der Tora, dass jemand die Gebote und Gesetze, die Moses vom ALLMÄCHTIGEN gegeben wurden, ändern kann?” – fuhr der Priester fort.
– “Alles geschieht nach dem Willen des ALLERHÖCHSTEN. Im ALTEN Gesetz (Deuteronomium) gibt es direkte Worte des HERRN an Moses, die besagen, dass ER den Menschen einen Propheten ähnlich wie Mose geben würde, ihm SEINE Worte in den Mund legen würde und den Menschen verkünden würde, was immer der HERR verkünden möchte. Was der HERR zu verkünden hat, nicht aber wir beide, Herr Pfarrer!” – antwortete ich. Diese Worte wurden von den Zuhörern mit einem zustimmenden Raunen bedacht.

– “Sag mir, Prophet, welcher der Propheten oder angesehenen Schriftgelehrten hat von Jeschua als dem GESALBTEN GOTTES Zeugnis abgelegt?” – fragte der Priester, der sichtlich erregt war.
– “Johannes, der Prophet, der die Juden im Jordan taufte, bezeugte die Herabkunft des HEILIGEN GEISTES auf den SOHN GOTTES und nannte IHN den Größten unter den Propheten”, antwortete ich, und auch ich begann, mir Sorgen zu machen: Ich war besorgt über die Richtung des Treffens.
– “Die Mehrheit des Sanhedrin1 erkannte Johannes nicht als Prophet GOTTES an; seine Bewegung wurde als Sekte bezeichnet, die die Tora auslegt”, sagte der Priester feierlich.
– “Und was ist der Sanhedrin? Braucht ein wahrer Jude überhaupt eine Vermittlung oder Fürsprache bei GOTT? Jeder Jude hat seine eigene persönliche Verantwortung gegenüber dem ALLERHÖCHSTEN, direkt, ohne Vermittler. Ein Jude schließt einen persönlichen Bund mit dem GOTT Israels! Kann es solche vermittelnden Juden im Sanhedrin geben, die die Stimme GOTTES besser hören als jeder andere, um über das Schicksal anderer Juden zu entscheiden?!” – Ich habe laut gesprochen, damit mich alle hören konnten. – “Und braucht der GESALBTE, der vom HERRN auserwählt ist, überhaupt ein Zeugnis über sich selbst? SEIN Leben, was ER vollbringt, ist ein Zeugnis über IHN selbst! Und reine, offene Herzen sind berufen, das zu sehen!”

Der von einem Dämon besessene Mann begann stärker zu zittern, obwohl er nicht in meiner Nähe war.
– “Wenn ER der Messias ist, warum hat ER den Tempel in Jerusalem nicht wieder aufgebaut? Wenn ER aus dem Geschlecht Davids ist, warum hat ER uns dann nicht vom römischen Joch befreit und Israel wiedervereinigt?” – fragte einer der Ältesten lautstark.
– “Und warum sollte der GESALBTE das tun, was ihr wollt, was aber nicht in der Tora steht?” – habe ich gefragt, aber offenbar vergeblich. Der Priester wurde rot im Gesicht.
– “Sind Sie ein beschnittener Prophet, der solche Dinge sagt?” – rief der Priester. – “Haben Sie das Blutsiegel der Vereinigung mit dem GOTT Israels an Ihrem Körper? Ihr, die ihr über das Gesetz von Moses sprecht!”
– “Ich bin nicht beschnitten. Das Siegel meiner Vereinigung mit dem VATER ist in meinem Herzen”, sagte ich und löste damit ein undefinierbares Gemurmel aus. – “Brüder! Ich bin nicht zu euch gekommen, um etwas zu beweisen, ich bin nicht gekommen, um zu argumentieren. Ich bin gekommen, um denen, die es wollen, die Botschaft vom Heil, vom REICH GOTTES zu verkünden. Ihr habt mich gerufen, um euch von GOTT zu erzählen. Wenn euch das reicht und ihr meine Reden nicht mögt, dann ziehen wir weiter …”
– “Sprich, sprich! Wir wollen dich hören … Geh, du Unbeschnittener, der Satan hat dich zu uns gesandt …” Aus der Menge kamen unterschiedliche Äußerungen.
– “Zeigt uns ein Wunder, dann werden wir euch glauben”, rief eine betrunkene Stimme. Die Zuschauer feuerten ihn mit zustimmendem Gemurmel an.

Der Priester, der seine Wut zurückhielt, forderte mich mit einer wortgewandten Geste auf, das Angebot des Volkes anzunehmen.
– “Gut”, nickte ich und zeigte auf den Besessenen, der schon seit einiger Zeit grunzte. – “Helft ihm, zu mir zu kommen.”
Lukas und Alan schleppten den Mann zu mir; er hatte Schwierigkeiten zu gehen – der Dämon in ihm wehrte sich. Und der Dämon war nicht allein – ich sah zwei.
Ich legte meine Hände auf den Besessenen. Ich rief den VATER an, rief die strahlende REINHEIT SEINER MACHT herbei … Der Dämon heulte mit zwei Stimmen: die eine mit einem Grunzen, die andere mit einem Knurren. Neben uns tauchte Großvater wie ein Blitz auf. Ich war überrascht und erfreut. Und ich dachte: “Er hat sich gezeigt”.
Der Mann krümmte sich in Lukas´ und Alans starken Armen, und die Jungs verhinderten, dass er zu Boden fiel. Ein Dämon grunzte: “Oh, die Macht greift an! Erbarme dich, Prophet!” Ein anderer, gesprächigerer, knurrte mit einem Zischen: “Er ist nicht der einzige, Jünger Christi, ich brenne vor dem starken Gebet … Ich kann das jetzt nicht mehr verkraften … Ich ersticke … Beelzebub, hilf mir!”
Die beiden Dämonen flogen aus dem betäubten Mann heraus und stürzten sich in die Menge – keine Gelegenheit für ein feuriges Kreuz in diesem Durcheinander.2

Ich bemerkte, dass der Sohn des Pfarrers, der die Szene mit offenem Mund beobachtete, sich über den Sieg des Lichts freute. Ein Gedanke schoss mir durch den Kopf: ein reines Herz.
Die Menge jubelte begeistert, als sie sah, dass ihr Mitbewohner nicht mehr strampelte und sich wand, nicht mehr knurrte oder stöhnte.
Der Mann hob seine Hände in den Himmel, kniete dann vor mir nieder und versuchte, meine Füße zu küssen. Ich sprang zurück, und noch einmal, dann hielt ich inne (von außen hätte es vielleicht ungewöhnlich ausgesehen – ein springender Prophet) und akzeptierte das Unvermeidliche.

Der Priester war voller Anspannung, wandte sich an die Ältesten und das Volk und deutete auf mich:
– “Er tut dies durch die Macht des Beelzebub. Der Dämon hat den Namen der Macht allen offenbart. Und eine zweite schreckliche Sünde liegt auf ihm – er verdreht die Tora!”
Es ging ein Raunen durch die Menge. Jemand rief:
– “Er heilte Jakob, der immer krank war. Der Priester konnte es nicht, aber er tat es. Er ist ein Mann GOTTES!” – Die Menge wurde immer aufgeregter und stachelte sich selbst an. Ein Schwarm von Krähen, die ebenfalls aufgeregt krächzten, kreiste immer tiefer über uns …
Eine betrunkene Stimme rief:
– “Er ist der Beelzebub! Schau, hinter ihm brennt ein Feuer!”
Eine andere, kaum weniger nüchterne Stimme verkündete:
– “Eine junge Sünderin ist bei ihm, sie missbrauchen sie … Und er hat Silber aus einem entfernten Dorf gestohlen.
– “Bewacht eure Häuser! Und schlagt sie und nehmt ihnen ihr Silber weg!” – gab es einen weiteren Anruf.
Die Wut ließ den Priester nicht los. Er hob die Hand mit dem Stein über seinen Kopf … und erstarrte in dieser Position, seine Augen weiteten sich.
Eine vertraute betrunkene Stimme schrie:
– “Schlagt sie! Mit Stöcken! Mit Steinen!”
Die Menge begann sich auf mich zuzubewegen. Meine Freunde liefen auf mich zu und stellten sich neben mich. Ich habe Junia mit mir abgeschirmt. Nasir stand hinter mir und deckte Junia und mir den Rücken.
Über unseren Köpfen kreiste aufgeregt ein Schwarm von Krähen. Einer der großen Vögel schlug mit den Flügeln aus der Hand des Priesters den Stein, den er nicht geworfen hatte. Der verängstigte Priester duckte sich und bedeckte seinen Kopf mit seinen Händen. Ein anderer Vogel versuchte, auf dem Kopf des betrunkenen Schreihalses zu landen und schlug ihm mit den Flügeln auf Kopf und Ohren …
Der Schwarm griff unerwartet und gerade noch rechtzeitig ein; es schien, dass die Vögel absichtlich handelten – sie verwirrten die Anstifter des spontanen Aufruhrs …
Schon flogen Steine auf uns zu und trafen mich an Kopf und Brust. Die Menge drängte sich fast an uns heran und begann uns zu umzingeln. Ich habe verzweifelt ein kurzes Gebet gesprochen: “Ehre sei DIR, oh HERR! Ehre sei DIR, BARMHERZIGER!” Ich konnte das Blut auf meinen Lippen schmecken, mein Kopf brummte, meine Stirn brannte, Blut tropfte mir in die Augen. Die Wut überflutete die Menge in einer unkontrollierbaren Welle …

Plötzlich ertönte eine donnernde, dröhnende Stimme über die Menge hinweg:
– “Priester! Halte die Menge auf! Ich werde deinen Sohn schlachten wie ein Lamm auf einem Altar!”
Ich wischte mir mit der Handfläche das Blut aus den Augen. Neben uns, Schulter an Schulter, standen zwei Hünen – ich hatte sie zu Beginn der Versammlung in einiger Entfernung von der Menge gesehen. Einer von ihnen drückte den Sohn des Priesters an seine Brust und hielt dem jungen Mann mit der freien Hand ein großes Messer an die Kehle. Der junge Mann machte keine Anstalten, sich zu wehren.
Der Priester schrie wie eine Sirene:
– “Haltet ein!”
Er rannte mit ausgestreckten Armen vor uns her, um uns vor der Menge zu schützen. Mehrere Steine trafen ihn. Das Gesicht, der Kopf und die Schultern des Priesters waren mit buntem Vogelkot bedeckt. Er sah sehr eigentümlich aus.
Unsere Gesichter waren von oben bis unten mit Blut beschmiert. Aber wir waren am Leben und auf den Beinen. Auf Junias Gesicht war kein Blut zu sehen; sie klammerte sich an Nasir. Nasir stand, bewegte sich nicht, und drückte Junia fest an sich.
– “Söhne des Johannes”, wandte sich der rabenschwarze Priester mit einem Zittern in der Stimme an die Hünen. – “Ich werde alles tun, was ihr sagt. Tut meinem Sohn nichts an, er ist der einzige, den ich habe … Der Dämon hat mich verhext!” – fiel der Priester auf die Knie.
– “Was machst du da, Priester?!” – sprach einer der Brüder, der den Sohn des Priesters festhielt. Der andere beobachtete ruhig und sicher das Geschehen, aber es war offensichtlich, dass er unvorsichtige Handlungen der gegnerischen Partei kaum verzeihen würde, und die Menge der anderen Dorfbewohner verstand dies offenbar auch.
– “Der Mann hat Jakob sofort geheilt, für den ihr seit Jahren gebetet habt, und ihr habt eure Hand gegen den Heiler erhoben! Also”, so redete einer der Brüder weiter, “bringt sie zum Haus der Griechin am Stadtrand und bringt ihnen Essen, mehr und besseres. Kein Wein soll euch zu schade sein, der beste aus deinem Lager, Priester. Bringt Wasser aus dem Fluss zum Waschen der Wunden … und saubere Kleidung … Haltet Wache vor dem Haus bis zum Morgen. Morgen früh entscheiden wir, wie es weitergeht … Ihr braucht für uns nicht zu beten! Und deine Gebete werden deinem Sohn nicht helfen, sie sind leer …”
Alles wurde so gemacht, wie er es verlangte. Der eine Hünen-Bruder hieß Nathan, der andere Adonia …

Als die Nacht hereinbrach, um diesen ungewöhnlich langen Tag abzulösen, versuchte ich, mit brummendem Kopf, der in ein Tuch eingewickelt war, einzuschlafen, und erinnerte mich an die Worte des RABBI aus Großvaters Aufzeichnungen.
Diese Worte waren einst an die Gesetzgeber, die Pharisäer und die Priester gerichtet worden und klingen in den Jahrhunderten vor dem Kommen des REICHS GOTTES auf ERDEN immer wieder neu:
“Johannes der Prophet, der Täufer, ist gekommen – er isst nicht, trinkt keinen Wein, kennt keine Frauen, rief die Juden zur Umkehr auf, und ihr sagt: ´Es ist ein Dämon in ihm!´ Der MENSCHENSOHN ist gekommen – ER isst und trinkt und vergnügt sich, und ihr sagt: ´ER ist ein Vielfraß und ein Trunkenbold, ein Freund der Zöllner, der Sünder und Sünderinnen!´ Bei GOTT geschieht nichts auf eure Weise … Mit euren Maßstäben könnt ihr den GESALBTEN nicht erkennen. Fragt lieber die Kinder nach GOTT.“

1  Der Hohe Rat, das Oberste Gericht der Juden

2  … um die Menschenmenge vor dem Dämon zu schützen

Die Geschichte von Euseus – Teil 2 – Kapitel 5

Wir waren zu fünft: Lukas, Alan, Nasir, Junia und ich, Euseus. Junia war siebzehn Jahre alt. Sie wurde als Sklavin geboren. Ihre Mutter, ein junges jüdisches Mädchen, war nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem von einem römischen Krieger in die Sklaverei verkauft worden. Wer ihr Vater war, wusste Junia nicht. Ihre Mutter gab ihr einen lateinischen Namen, weil sie dachte, dass es sicherer sei, mit ihm im römischen Reich zu leben.
Die Geschichte von Nasir ist länger und komplizierter. Er wurde nicht als Sklave geboren. Er war der Sohn eines Schafhirten – und daher ebenfalls ein Schafhirte. Er hatte Vater und Mutter, zwei Brüder und zwei Schwestern. Die Familie lebte in der Nähe von Alexandria. In seinem Dorf war eine römische Zenturie1 stationiert. Der Zufall wollte es, dass Nasir sich in die Tochter des Kommandanten verliebte. Nasir verliebte sich mit ganzem Herzen in sie. Sie waren damals sechzehn Jahre alt.
Das Mädchen fand immer irgendeinen Vorwand, um ihren Geliebten zu treffen. Zu Hause war sie gehorsam und lief oft zu Nasirs Familie, um Milch und Feta für ihren geliebten Vater zu holen. Aber ihr Weg zum Milchholen war viel länger als die Strecke zu Nasirs Haus. Auf diesen Milchwanderungen erklärten sich das Mädchen und der junge Mann ihre Liebe und schworen, sich niemals zu trennen.
Der aufmerksame und liebevolle Vater, ein erfahrener Krieger, erkannte natürlich den Zustand seiner Tochter und forderte sie auf, ihre Beziehung zu dem jungen Mann, der nicht ihrem Rang entsprach, zu beenden – und wenn sie der Aufforderung ihres Vaters nicht nachkäme, würde der junge Mann in große Schwierigkeiten geraten. Also riet der Vater seiner Tochter, sich um das Leben ihres Geliebten zu sorgen – ihn zu verlassen.
Das Liebespaar beschloss zu fliehen. Nasir wusste genau, wo sich die koptische Gemeinde, die ägyptischen Christen, aufhielten. Er kannte einen älteren Mann namens Markus, der die Gemeinschaft gegründet hatte. Markus wurde Apostel genannt und soll ein Jünger des Petrus gewesen sein. Gelegentlich ließ Nasir die Schafe auf der grünen Weide zurück und rannte für einen Tag zu Markus. Der Apostel sprach über das Reich Gottes: Dort herrscht die Liebe, es gibt keinen Krieg und keine Sklaverei, alle Menschen sind gleich und sorgen füreinander. Dieses Reich soll in uns und um uns herum aufgebaut werden. Dazu musst du lernen, deinen Nächsten zu lieben wie dich selbst, ihm nicht das anzutun, von dem du nicht willst, dass es dir selbst geschehe – Gutes zu tun auch denen, die dich hassen, für die zu beten, die dich verfolgen … Nasir träumte davon, mit seiner Geliebten unter solchen Menschen zu leben, die lernen, sich gegenseitig zu lieben. Er wollte das REICH GOTTES auf ERDEN errichten. Nasir hatte die Welt, in der er geboren wurde und lebte, noch nicht kennengelernt, aber er erinnerte sich an die Worte des LEHRERS, die Markus überliefert hat: “Wer die Welt erkannt hat, hat einen Leichnam gefunden, wer einen Leichnam gefunden hat – die Welt ist seiner nicht würdig …” 2.

Die Flucht der Liebenden schützte eine kurze Sommernacht. Sie haben die Gemeinde nicht erreicht. Der Vater holte mit einem Trupp berittener Krieger die Flüchtigen ein … Er tötete Nasir nicht. Der junge Mann wurde gefesselt und ins Gefängnis geworfen. Ihn erwartete die Hinrichtung für einen Anschlag auf eine römische Bürgerin – die seine Geliebte war. Im Gefängnis lernte Nasir, stundenlang zu beten und sich auf den Willen des Vaters zu verlassen. Er hatte Gelegenheit, für denjenigen zu beten, der ihn verfolgte und nicht liebte – für den Vater seiner Geliebten. Und er betete für ihn, für sie, für seine Eltern und seine Brüder und Schwestern.
Das Mädchen sagte ihrem Vater, dass sie auch nicht leben wolle, wenn Nasir stürbe.
Der Kommandant verkaufte Nasir auf dem Markt von Alexandria für einen geringen Preis an einen Sklavenhändler unter der Bedingung, dass der junge Mann über das Meer gebracht und dort verkauft würde. Als der Krieger sich von Nasir verabschiedete, sagte er: “Danke meiner Tochter, dass du noch lebst.“
Heute war Nasir dreiundzwanzig Jahre alt. Er liebte die Tochter des Hauptmanns immer noch, obwohl er wusste, dass das KÖNIGREICH ohne sie errichtet werden würde. Junias Fürsorge, Hingabe und ruhige Geduld erwärmten langsam sein männliches Herz.

Unsere Reise war natürlich reine Männersache. Es machte keinen Sinn, eine Bleibe für eine Frau zu sein. Aber man sucht sich sein Schicksal nicht aus, man lebt es, am besten mit Dankbarkeit. Und Junia konnte für die ihr geschenkten Tage dankbar sein. Sie war glücklich, wenn sie mit uns unterwegs war. Als Sklavin geboren zu werden, eine Sklavin zu sein und plötzlich frei zu sein, neben dem, den sie liebt – welch größeres Geschenk könnte man vom Schicksal erwarten?
Die Tage der Reise zum nächsten Dorf fielen bei Junia mit den natürlichen monatlichen Unpässlichkeiten einer jungen Frau zusammen. Sie trug es leicht, war gut auf den Beinen und gut gelaunt, verließ uns nur gelegentlich und bat uns, auf sie zu warten. Es war an der Zeit, an einem großen Bach anzuhalten, um zu Abend zu essen und zu übernachten. Die vier jungen Männer waren hungrig.
Alan war wie immer für das Feuer zuständig. Lukas und Nasir gingen zum Bach, um Fische zu holen, dankten dort dem VATER, drückten ihre Ehrerbietung und Dankbarkeit gegenüber den Mächten der Erde aus, wenn sie die Erlaubnis fühlten, die gewünschten Gaben zu nehmen. Sie ließen einen Teil des Fladenbrots auf einem Uferstein liegen, den anderen Teil zerbröselten sie ins Wasser, wobei sie das Wasser mit Wertschätzung berührten. Mit einem kleinen Netz aus Pferdehaar wurde der Bach abgesperrt. Wir nahmen die notwendige, bekannte Menge an Fischen, der Rest wurde freigelassen.
Das Abendessen war schnell zubereitet. Junia machte das leicht und köstlich. Sie lernte mühelos das Gebet, sprach es nicht nur dreimal am Tag, sondern auch vor dem Kochen. Sie kochte das Essen in leichter Stimmung und summte dabei einfache Melodien nach östlicher Art. Sie verstand es, mit ihrem Leben zufrieden zu sein, und sie konnte mühelos um sich herum Gründe für ihre Zufriedenheit finden …

Das gesegnete Abendessen war schnell verspeist. Aber es herrschte eine gewisse Spannung während des Essens. Als wir mit dem Essen fertig waren, sah ich Alan an:
– “Erzähle mir, was los ist. Spannungen zwischen uns sind nicht gut. Wenn du das nächste Mal mit etwas nicht klarkommst, erzähle mir von deinem Unbehagen vor dem Essen.”
Ich vermutete, dass die Situation etwas mit Alans Erziehung zu tun hatte, mit der Einstellung zu den Besonderheiten von Frauen in der Tradition, in der er aufgewachsen war.
– “Ich kann nicht vor ihr sprechen”, sagte Alan.
– “Rede, Alan, es sei denn, es geht um etwas, worüber ein Mann und eine Frau niemals miteinander sprechen.”
– “Ich kann nicht beurteilen, ob ich es vor ihr kann”, antwortete Alan.
Junia entfernte sich mit einem Lächeln und ohne Spannung von uns. Alan sprach mir ins Ohr, was in bedrückte – Das Thema war nicht unbedeutend und hatte mit den Beschränkungen zu tun, die Männer den Frauen in den Gesetzen der alten Zeit auferlegt hatten. Ich dachte darüber nach und beschloss trotz allem, Junia zurückzuholen.

– “Freunde”, begann ich weit ausholend, “eine kurze Geschichte von Großvater Johannes aus der Zeit, als der LEHRER und seine Jünger, unter denen sich auch Frauen befanden, das WORT GOTTES verkündeten, als sie von Dorf zu Dorf zogen. Die Frauen sahen sich vielleicht nicht als weibliche Jünger des RABBI, sie erzeugten einfach für die Menschen, die ihnen lieb und teuer waren, eine Atmosphäre häuslicher Behaglichkeit. Aber sie lernten zusammen mit den Männern aus dem Leben des RABBI. Und ER schenkte den Frauen – wenn sie eine Pause von ihren vielen Aufgaben hatten – dieselbe Aufmerksamkeit in der Gemeinschaft am Feuer wie den Männern.
Petrus war anfangs eifersüchtig auf die Frauen im Umfeld des LEHRERS, vor allem auf Mariam von Magdala: “Mariam soll uns verlassen”, sagte Petrus einmal am Lagerfeuer. – “Eine Frau ist eine Frau, sie soll ihren Geschäften nachgehen, es gibt keinen Grund, den Gesprächen unter Männern zuzuhören …”.
“Seht, meine Freunde”, sagte RABBI zu Petrus und seinen Jüngern. – “Ich leite sie und werde sie weiterhin anleiten so, wie ich euch Männer leite, damit auch sie ein lebendiger Geist wird. Denn eine Frau muss, wie ihr, ein lebendiger Geist werden, um in das HIMMELREICH zu gelangen. Ja, sie hat ihre fraulichen Arbeiten zu erledigen, genauso wie ihr eure männlichen Arbeiten zu erledigen habt. Aber sie kann doch nicht schlechter sein als ihr, aber auch nicht besser. Die Frau, die eure Kinder zur Welt bringt, ist anders als ihr. Aber vor dem VATER ist sie euch gleich.”
So lernte Petrus, die Frau anders, auf eine neue Art zu sehen. Murrend, jedoch bemüht, das von RABBI Gesagte zu tun, lernte er, die Frau zu respektieren, sie als gleichwertige Person mit einer nicht-männlichen Vorbestimmung zu sehen. Und als nach dem Fortgehen des RABBI die Zeit kam, die FROHE BOTSCHAFT zu verkünden, nahm Petrus manchmal, wie Großvater erzählte, sogar seine Frau mit auf die Reise …

Dann sprach Alan, errötend, über ein heikles Thema. Die Perser glaubten, dass eine Frau an den Tagen des monatlichen Unwohlseins unrein sei, so wie er es von klein auf kannte. Dann durfte sie sich nicht in der Nähe von Männern aufhalten, sich nicht unter sie mischen und von ihnen nicht gesehen werden, kein Wasser berühren, sich nicht dem ewigen heiligen Feuer nähern. Außerdem durfte sie kein Essen zubereiten, da sie an solchen Tagen alles verunreinigte, was sie anfasste.
– “Freunde, habt ihr etwas zu sagen? Und wie sollen wir an solchen Tagen vorgehen? Sie können eine Woche lang andauern”, sagte ich.
Lukas sagte entschlossen:
– Der LEHRER berührte die Toten, die Kranken und die Aussätzigen … Und ER verunreinigte sich nicht. Ich denke, das Wichtigste ist nicht, was wir anfassen, sondern was aus unserem Herzen kommt. Und was ist, wenn Junia jetzt kocht? Sie ist nicht krank, sie ist keine Aussätzige, sie ist nicht ansteckend. Sie hat ein gutes Herz, sie singt Lieder. Und das Essen ist köstlich, so wie ich es nicht zubereiten kann. Wir segneten das Essen und dankten dem Vater. Wenn es Junia heutzutage nicht zu viel Mühe macht, soll sie kochen. Ich werde mit Genuss und Dankbarkeit essen.”
– “Stimmt ihr zu, liebe Brüder?” – fragte ich.
Nasir und Lukas nickten entschlossen.
– “Wie du sagst, Meister. Wie ihr entscheidet, so soll es sein”, sagte Alan.
– “Kopf hoch, Alan! Lass deine vergangene Einstellung los und lass sie mit dem Segen des VATERS frei … Wie kann der ALLMÄCHTIGE etwas Unreines erschaffen? Wie kann eine Frau an manchen Tagen unrein sein? Dann ist auch der Mann unrein, denn die Frau ist aus ihm gemacht. Du weißt, Perser, dass nur unsere eigenen Gedanken, Worte und Taten uns unrein machen können. Wir richten unsere Aufmerksamkeit darauf, den HERRN zu preisen … Und über das Essen entscheiden wir auf diese Weise. Wenn sich Junia an solchen Tagen gut fühlt, ihr Herz leicht ist und sie Lieder singt, dann erwarten wir wenigstens ein Abendessen von ihr. Wenn es ihr nicht gut geht, dann sagt sie es mir vorher, und wir kochen dann selbst – oder kochen gar nicht. Auf jeden Fall lassen wir Junia in Ruhe und bieten ihr das Essen an, das wir selbst haben werden.”
Damit beendeten wir das Gespräch (Alan stimmte demütig zu), und unter Freunden getroffenen Entscheidungen muss man bekanntlich folgen.

Eine weitere Regel unseres Lebens auf der Reise wurde ebenfalls diskutiert. Wenn eine Frau am Herd kocht, sollte sie sich nicht durch Gespräche ablenken lassen oder unaufgefordert Ratschläge erteilen. Und man soll nur das tun, worum sie einen bittet, wenn man ihr beim Kochen helfen möchte. Eine Frau sollte einem Mann nicht raten, wie und welche Art von Fisch er fangen oder wie er jagen soll. Man erinnere sich an die Worte des LEHRERS: “Bereitet das Mahl zu und nehmt es in Freundlichkeit an. Denn was ihr denkt und sagt, das wird in eurem Essen sein.”

Die Herbstnächte waren bereits kühl geworden. Einmal übernachteten wir an einem Hang in der Nähe eines kleinen Olivenhains, wo es wärmer war – der Hain strahlte die Wärme des sonnigen Tages aus. Ich schlief zuletzt ein, dachte an Ani, roch ihr Haar, hörte ihren Gedanken zu, erzählte ihr vom Vortag …
Plötzlich war es, als würde ein kurzer Windstoß durch mich hindurch rauschen. Ich öffnete die Augen – da stand ein Mann vor mir, zwei oder drei Meter entfernt. Ich schloss meine Augen und öffnete sie wieder; er stand immer noch da. Auf seinem deutlich zu erkennenden Gesicht war ein leichtes Lächeln zu sehen. Ich stand auf. Öffnete und schloss die Augen – der Mann prägte sich in einem klaren, dreidimensionalen Muster in mir ein. Weder der Wald noch der Sternenhimmel schienen durch ihn hindurch, er war nur allzu real. Ein gut aussehender, stattlicher Mann mittleren Alters, obwohl sein Alter schwer zu bestimmen war. Große, ungewöhnlich dunkelblaue Augen (ich wusste nicht, wie ich die Farbe in der Nacht genau erkennen konnte), ein durchdringender, tiefer Blick – ich wusste, dass er meinen Zustand und meine Gedanken problemlos lesen konnte. Sein schwarzes Haar und sein gepflegter Bart waren von einem spärlichen Grau durchzogen. Eine hohe Stirn, eine gerade, dünne Nase, gut geformte Augenbrauen. Er war ganz in hell gekleidet. Der knielange Chiton war fein mit Weißgold bestickt. Das gleiche Stickmuster befanden sich auf der Knopfleiste des Chitons, auf dem Stehkragen, auf den Ärmeln um die Hände und auf dem Kanevas3 in Kniehöhe. Das Stickmuster war eine Reihe identischer Kreise, die in einer Spirale verbunden waren. Die Kopfbedeckung, ein niedriger Hut mit flachem Oberteil, war mit demselben Muster bestickt. Und an der Seite des Chitons befanden sich fünf kleine Knöpfe aus mattem Weißgold.
Ich hatte diesen Mann nie zuvor gesehen – weder in meinen Träumen noch in der Realität. Der Mann nickte mir mit einem leichten Lächeln zu und sagte mit sanfter Baritonstimme:
– “Ihr solltet nicht in das nächste Dorf gehen; es macht keinen Sinn, euer Leben zu riskieren, ihr werdet es noch brauchen können. Acht Tagesmärsche weiter östlich gabelt sich die Straße in drei Wege. Euer Weg ist der linke. Folgt ihm am Tage. Es gibt dort eine große geheime Gemeinde – Ihr werdet euch dort nützlich machen. Einen besseren Ort zum Überwintern werdet ihr nicht finden. Und eure Gruppe wird überleben und sich sogar vermehren.”
– “Wer bist du?” fragte ich.
– “Ich werde es dir eines Tages erzählen”, sagte der Fremde und verschwand einfach.

1  Hundertschaft

2  Thomas-Evangelium. Vers 61

3  Grundlage für Stickereien

Die Geschichte von Euseus – Teil 2 – Kapitel 4

Eines Abends, nach einem anstrengenden Tag, an dem wir die Kinder behandelt hatten, kam ein Mann zu uns nach Hause. Ich hatte ihn schon einmal bei unseren Treffen gesehen. Er war klein, rundlich, gutmütig, mit großen, kurzsichtigen Augen und wenig Haar auf dem Kopf. Sein Name war Markus. Er wünschte ein Gespräch unter vier Augen.
Die ganze Stadt kannte ihn als wohlhabenden Herrn mit Sklaven und viel Silber. Markus war von der BOTSCHAFT bewegt – sie berührte sein Herz. Er sah in dem, was er hörte, LICHT und KRAFT. Ein Verwandter von ihm war von jahrelanger Besessenheit befreit worden. Markus wurde von widerstreitenden Gefühlen geplagt: Er war reich und sehnte sich danach, in der Gemeinschaft zu sein, mit dem WORT GOTTES verbunden sein.
Kurz über unser langes Gespräch:
– “Was soll ich tun, Euseus? Gib mir einen Rat! Ich möchte in der Gemeinde sein, am gemeinsamen Mahl, an der Kommunion teilnehmen. Ich weiß, dass die Gemeindemitglieder gemeinschaftliches Eigentum haben. Ja, es sollte keine Bettler geben, wir sollten uns gegenseitig helfen … Aber wie soll man Wohlstand an Bettler verteilen? Jemand, der dieses Leben wählt, will nicht arbeiten! Wie kann man es verschenken? Und auch deine Worte bei dem Treffen – eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein reicher Mann ins Himmelreich … Hilf mir, einen Ausweg zu finden – ich bin hin- und hergerissen!”
– “Das sind nicht meine Worte, Markus. Das ist es, was der LEHRER sagte. Ein Ausweg? Bruder, ich habe eine solche Situation nicht erlebt. Ich habe nichts zu geben als mein Herz und mein Können. Wie soll ich dich beraten? Das ist deine Prüfung, deine Wahl. Ich werde für dich beten.”
– “Ich danke für deine Gebete! Doch halt. Stell dir vor, du bist mein großer Bruder. Ich fühle mich schlecht … Du kannst mir sagen, was du tun würdest, damit ich innerlich Frieden finde, oder? Und du bist der Bruder, der weiß, was der LEHRER auf diese Frage geantwortet hat.”
– “Lasst uns gemeinsam nachdenken. Beide Reichtümer können nicht gerettet werden, denn man kann nicht auf zwei Pferden gleichzeitig reiten – die Beine würden sich trennen. Der eine Reichtum wird zusammen mit deinem Körper sterben oder etwas später verrotten. Der andere Reichtum, den du in deinem Herzen ansammelst, wird bei dir im Himmel bleiben, dort wird nichts verrotten oder verfallen. Aber der zweite Reichtum wird nur dann angesammelt, wenn man tut, was GOTTES WORT sagt. Wofür entscheidest du dich, Bruder? Es ist allein deine Wahl! Ich werde zu nichts raten.”
Markus kratzte sich an seiner Glatze, seufzte ein paar Mal und geriet ins Schwitzen.
– “Da ich zu dir gekommen bin … Und da die Frage ganz klar war … Ich werde das Risiko eingehen! Ich wähle das, was nicht berührt werden kann, aber im HIMMEL nicht verrottet!”
– “Eine wichtige Entscheidung. Ich stimme dir zu … Weiter. Jetzt müssen wir durch das Nadelöhr gehen. Das ist nur möglich, wenn man nicht reich ist. Der Reiche wird nicht hindurchgehen, aber der Arme sollte es schaffen. Aber dann muss der Reichtum verteilt werden, verschenkt werden. Und nicht einfach an die Armen, sondern an die Bedürftigen. Bist du bereit, weiter zu sprechen? Wirst du diesen Schritt machen?”
– “Das werde ich,” Markus war rot vor Erregung. – “Hilf mir einfach – wie mache ich das?”
– “Lasst uns weiter überlegen. Du hast Geld, du solltest es nicht mit Zinsen verleihen, du musst es jemandem geben, von dem du es nicht zurücknehmen kannst. Jemand, der in Not ist. Und gleichzeitig solltest du das Geld, das du weggeben willst, solange in deinen Händen behalten, bis du weißt, wem du es geben willst.”
– “Ich werde es nicht mit Zinsen verleihen”, antwortete Markus schnell.
– “Gut. Und wer wird die bedürftige Person sein, der du etwas geben willst und nicht erwartest, dass du es zurückbekommst?”
Mark war nicht mehr errötet – dachte darüber nach.
– “Ich würde niemandem Geld geben, der nicht selbst arbeitet, der es versäuft oder für eine Sünderin ausgibt.”
– “Ich würde dasselbe tun”, sagte ich. – “Aber du musst jemandem deinen Reichtum geben, um dich durch das Nadelör hindurchzuzwängen.”
– “Für eine Witwe mit Kindern würde ich es tun. Oder eine Witwe ohne Kinder, wenn sie fleißig ist. Und in einer Familie mit vielen Kindern, in der der Mann hart arbeitet, aber nicht zurechtkommt, würde ich es den Kindern zum Essen geben …”
– “Sehr gut, Markus. Würdest du es einem Handwerker geben, dessen Werkstatt abgebrannt ist? Oder einem jungen Mann, der eine Werkstatt einrichten will? Oder einer Frau mit Kindern, deren Mann sie wegen einer anderen Frau verlassen hat und ihr nicht hilft?”
– “Ja, ich würde ihnen allen helfen. Und dem Ehemann, der gegangen ist, würde ich eine Ohrfeige geben. Ich weiß, von wem du sprichst. Wenn ich ihm nicht selbst ins Gesicht schlagen würde, würde ich einen Arbeiter fragen …”

– “Eine weitere wichtige Frage: Würdest du die Sklaven freilassen? Wenn sie bleiben, bleiben sie … Aber würdest du ihnen die Wahl lassen?”
– “Warte mal, Euseus! Und wenn sie alle gehen?”
– “Dann bist du immer noch der Hausherr … Aber keine Sorge! Du wirst die Wahrheit über dich selbst erfahren. Und das Nadelöhr wird wird breiter sein.”
– “Ja, ich würde sie gehen lassen. Ich möchte die Wahrheit über mich selbst erfahren!”
– “Und ich möchte hinzufügen, Bruder: Wahrscheinlich würdest du dich freuen, wenn all die Menschen, die wir aufgezählt haben, so wie du nach Gott streben?”
– “Ja! Es wäre für mich noch einfacher zu geben. Dann wüsste ich, dass ich nicht umsonst gebe … Ja, darüber wäre ich froh – nach dem, was ich im Gespräch mit dir erlebt habe!”
– “Wir können dieses Gespräch vorerst beenden. Zurück zum Anfang … Du entscheidest selbst. Ich bete für dich.”
– “Ich habe bereits einen Schritt im Inneren gemacht. Und es scheint so, als erahne ich den nächsten … Sag mir, was du denkst. Ich würde gerne lernen, zu beurteilen und Entscheidungen zu treffen wie du. Du wirst weiter ziehen.”

– “Es geht nicht um mich. RABBI sagte: wem danach dürstet, aus SEINEM Mund zu trinken, wird IHM gleich werden, und dem Dürstenden wird das Geheime offenbart … Ich werde es mit den Worten dessen ausdrücken, zu dem du gekommen bist … Gut, wir sind gekommen. Wir sind zu einer Gemeinde in deiner Stadt gekommen. Eine Gemeinschaft, die nach dem LICHT strebt, eine christliche Gemeinschaft, die derjenigen ähnelt, die die direkten Jünger in Jerusalem gegründet haben. Du, mit all deinem Reichtum und mit den Sklaven, die frei geworden sind, dich aber nicht verlassen haben, kommst in die Gemeinschaft … obwohl – du must ja nirgendwo hingehen. Du bist der wirtschaftliche Teil der Gemeinschaft, die Kornkammer. Du hast dein Vermögen nicht mehr. Du bist durch das Nadelöhr gegangen. Aber du ziehst dich nicht aus dem Geschäft zurück, Du bist der leitende Diakon. Im Wesentlichen wirst du das tun, was du vorher getan hast. Die Schwierigkeit wird jedoch darin bestehen, dass du die Entscheidungen nicht allein treffen wirst, sondern mit allen anderen zusammen, als Gleichgestellte. Hier wird eine Schule des LICHTS sein. Du wirst gemeinsam mit deinen Brüdern Entscheidungen treffen, du wirst mit ihnen diskutieren, du wirst lernen zuzuhören, und du wirst Argumente vorbringen: wie man Witwen und Kinder ernährt, wie viel Getreide man anbaut, welche Art von Werkstätten man einrichtet, wie man das, was man anbaut, verteilt, wohin man eventuelle Überschüsse abgibt, wo man das findet, was man braucht, wer von den Jugendlichen arbeiten soll … Es wird viel zu tun geben. Du wirst auch gemeinsame Mahlzeiten und das Abendmahl organisieren müssen, musst Frauen organisieren, die die Mahlzeiten vorbereiten … Du wirst das nicht allein tun können, und es ist keine leichte Aufgabe, du wirst den Rat fähiger Männer brauchen – verantwortungsbewusste, uneigennützige, gute Verwalter ihrer Häuser. Und den Rest wirst du in vielen Fällen selbst herausfinden. Mein kleiner Bruder Markus, ich sehe keinen anderen Weg zum Glück und zum Licht …”

Markus umarmte mich ganz fest:
– “Deshalb, Bruder Euseus, bin ich zu dir gekommen! Es gäbe noch eine weitere Frage, aber jetzt nicht mehr. Ich habe einen besten Sklaven … den Arbeiter Nasir. Er kommt aus Alexandria. Einmal habe ich ihn zu einem Treffen mit dir gehen lassen. ´Lass mich mit ihm gehen, Markus,´ sagte er. ´Du wirst belohnt werden. Ich muss jetzt sein Diener sein.´ Nasir kannte in seiner Jugend einen der Apostel und träumte davon, einem solchen Menschen wieder zu begegnen … Er würde dir auf deinem Weg helfen, er war in allem gut – er kann, wenn nötig, auch zuschlagen, er hat starke Hände! Und er soll nicht allein mit euch gehen. Ich habe auch Junia, eine Arbeiterin. Sie liebt ihn sehr, aber er scheint sie nicht zu lieben … Sie kann nicht ohne ihn auskommen! Damit sie sich nützlich machen kann, gebe ich ihr eine Arbeit an seiner Seite. Lass sie auch mit dir kommen. Sie ist flink, gutherzig, und sie kocht gut …”

Am Morgen des neuen Tages ließen sich Markus, Nasir und Junia im Fluss taufen, der in der Nähe unseres Hauses floss. Tschista erschien für einen Moment und lächelte mit ihren dunkelblauen Augen.
Nasir war schwarzhaarig, bärtig, dunkelhäutig. Meine Größe, mit Augen so schwarz wie Johannisbeeren. Kräftiger Körper, ein scharfer lächelnder Blick, Adlernase. Junia war von kleiner Statur, schön und freundlich. Ihre Augen hatten die gleiche Farbe wie meine – graublau. Markus war gut gelaunt, seine klaren, kurzsichtigen Augen strahlten. Er lächelte – er hatte eine Entscheidung getroffen.
– “Bruder!” Ich umarmte ihn. – “Der Lehrer hatte einmal gesagt: ´Wer reich ist, soll herrschen, wer aber Macht hat, soll verzichten.´ Das gilt für dich, Markus. Und auch: ´Wer sich selbst gefunden hat, den wird die Welt nicht annehmen.´ ”

Der Tag der Reise rückte näher. Lukas und ich haben ein Kurzschwert für Markus geschmiedet. Der Stahl war gut, schön gemustert. Von Herzen und mit Gebet gemacht.
Was könnte ein besseres Geschenk für einen Mann sein, vor allem in jenen Tagen, als ein hochwertiges Messer? Mechanische Zeitmesser waren noch nicht erfunden worden. Und ein Land namens Schweiz gab es damals noch nicht. In diesen Gebieten verlief die Grenze des großen Roms. Dort lebten germanische Stämme, mächtige und organisationsfreudige, die schon damals nach Rom blickten …

Als wir uns von unseren neuen Freunden, der Gemeinde, verabschiedeten, riet ich ihnen, mit der bereits erfahrenen Gemeinde zehn Tage weiter westlich in Kontakt zu bleiben.
– “Auch die östlichen Gemeinden, die wir unterwegs treffen, werden mit euch verbunden sein. Ich werde versuchen, auf dem Rückweg bei euch zu sein, wenn es der Wille des Allerhöchsten ist.” Ich erinnerte mich an die Worte des RABBI und gab sie an meine Freunde weiter, so wie sie mein Großvater gesagt hatte: “Bindet euch nicht an die Welt, sondern bindet eure Worte und Taten an den HERRN, damit das, was ihr hervorbringt, nicht der Welt, sondern dem HERRN gleich sei.“

Die Geschichte von Euseus – Teil 2 – Kapitel 3

Wir wohnten über einen Monat lang in einem großen Dorf in der Provinz Kilikien 1. Die Botschaft CHRISTI war dort bereits lebendig und es gab dort Gläubige. Nachdem wir uns am ersten Tag getroffen und uns über das Leben der Johannesgemeinde informiert hatten, kamen fünf Menschen zu uns und baten uns, beim Aufbau der Gemeinschaft in ihrem Dorf zu helfen …
Wir haben uns sofort in das Werk GOTTES eingebracht: Wir organisierten Abendmahlsfeiern und hielten Treffen mit Bekenntnis und Freude an der Vergebung ab. Bei der ersten Sitzung gab Alan ein Beispiel für Mut und Ehrlichkeit. Er erzählte von seinem Leben als Straßenräuber und davon, wie er zusammen mit anderen Landstreichern Luca und mich töten wollte. Alan kniete nieder, entschuldigte sich beim ALLMÄCHTIGEN, dann bei mir und sagte vor allen, dass er nicht mehr den Weg des Todes gehen wolle und sich bemühen werde, ein Mensch mit guten Taten und guten Gedanken zu werden. Dann weinte er und seine Augen strahlten vor Reinheit.

In einer Versammlung der noch kleinen Gemeinde wählten wir einen würdigen Diakon. Ein guter, verantwortungsbewusster, aktiver und ehrlicher Mann reichte aus, um gemeinsame Mahlzeiten zu organisieren, gemeinsame Gelder zu sammeln und zu verteilen.
Schon bald verschwand Lukas in der örtlichen Schmiede – er hatte die Möglichkeit, seine Fähigkeiten zu verbessern und das, was er in unserer Schmiede gelernt hatte, weiterzugeben. Es dauerte nicht lange, bis zwei örtliche Schmiede, ein Meister und ein Lehrling, Lukas´ Geschichten hörten und sich der Gemeinschaft anschlossen und den Glauben annahmen. Alan war an meiner Seite; er bat selbst darum; er wollte hören, was ich sagte und sehen, was ich tat. Ich konnte nur in der letzten Woche unseres Aufenthalts dort in der Schmiede arbeiten.

Die gemeinsamen Mahlzeiten mit Abendmahl endeten in der Regel mit Gesprächen über den LEHRER, über SEIN WORT – den von IHM geoffenbarten WEG der ERLÖSUNG. Manchmal lasen wir gemeinsam die Botschaft von Johannes, manchmal beantwortete ich ihre Fragen, von denen es viele gab.
In der ersten Woche war ein Tag der Behandlung von Kindern und ihrer Befreiung von Besessenheit gewidmet. Im Dorf sprach sich herum, dass ein Apostel CHRISTI Kranke heilte und Dämonen so austrieb, dass sie wie eine rote Flamme brannten. Die Menschen strömten natürlich zu uns. Von der zweiten Woche an habe ich jeden zweiten Tag Heilungen praktiziert. Sie haben diese Tage in eine Gemeinschaft des Glaubens und des Lebens verwandelt. Es ist kein Wunder, das einen Menschen heilt, sondern der Glaube. Er erleuchtet den Weg. Wenn man auf diese Weise fortfährt, wird man eines Tages nicht mehr krank sein. Und die Kraft, diesen Weg zu gehen, erhält man aus dem Gebet, das der ERLÖSER gab … Und die Menschen brauchten nicht von der Kraft des Glaubens und des Gebets überzeugt zu werden, sie sahen diese Kraft sofort in ihrer Wirkung, wenn sie von Besessenheit gereinigt wurden.
– „Wenn wir lernen, dem VATER und einander zu danken, anderen Gutes zu wünschen, nur die Wahrheit zu sagen und nicht zu lügen, dann wird der Schmerz verschwinden und aufhören”, wiederholte ich diesen Gedanken bei jedem Treffen.
Diejenigen, die zu beten begannen und lernten, dankbar zu sein und nicht zu lügen, spürten das Ergebnis sofort. Sie teilten diese frohe Botschaft mit ihren Nachbarn. Und viele gingen hin, um sich taufen zu lassen.

Durch das Dorf floss ein schneller und klarer Fluss. Dort wurde das Sakrament durch dreimaliges Untertauchen ins Wasser im NAMEN des VATERS, des SOHNES und des HEILIGEN GEISTES, der über alle ausgegossen wird, die sich IHM öffnen, gespendet …
– „Euseus, ich möchte getauft werden!“ – sagte Alan.
– „Ich freue mich darüber, Alan,“ antwortete ich und wartete darauf, dass er fortfuhr.
– „Ich werde dich einige Dinge fragen: was ich nach der Taufe tun kann und was nicht. Ich werde ja deinen Glauben annehmen.“
– „Du wirst einen neuen Bund mit dem HERRN schließen.“
– „Kann ich fünfmal am Tag beten, wenn du dreimal betest?“
– „Bete so oft du willst; das Gebet gibt KRAFT …“
– „Muss ich meine Ernährung umstellen und so essen wie du und Lukas?“ – fragte Alan weiter.
– „Wie immer du dich entscheidest. Du weist, dass es nicht darauf ankommt, was du isst (obwohl du natürlich so viel essen kannst, dass es zu viel ist), sondern darauf, was du denkst, sagst und tust. Also iss, was du willst. Nur dass es unsere Reise nicht erschwert … Aber du kannst in diesem Dorf bleiben und viele gute Taten vollbringen. Hier wird es eine gute Gemeinschaft geben. Und eines Tages wirst du das „Haus der Lieder“ mit reinem Gewissen betreten.“
– „Wenn du mir sagst, dass ich bleiben soll, dann bleibe ich. Wenn du mich lässt, komme ich mit dir.“
– „Ich habe nichts dagegen, wenn du bei uns bleibst. Ich denke, Lukas auch nicht … Das NEUE TESTAMENT des VATERS bedeutet auch neue Gebote, neue Handlungen, ein neues Gebet … Bist du bereit, das anzunehmen, damit wir auch im Herzen zusammen sein können?“
– „Muss ich ein neues Gebet beten?“
– „Das musst du nicht. Du bestimmst deinen eigenen Weg. Es gibt immer eine Wahl … Um mit mir zu gehen, müssen wir zusammen sein. Und denselben Glauben leben. Und es gibt ein Gebet. Es verbindet uns miteinander … Und es ist gefährlich, mit mir zu kommen, weil der Dämonenfürst uns in die Quere kommen wird. Vorher warst du der Jäger, jetzt sind sie hinter dir her.“
– „Dämonen wollen einen immer behindern, wenn der Weg des Guten gewählt wird. Wer an diesem Kampf teilnimmt, betritt mit Sicherheit das ´Haus der Lieder´.
Ich muss mit dir gehen und ihn besiegen … Was ist mit dem Gebet? Der ALLMÄCHTIGE, gelobt sei ER, hat durch seinen Propheten, SEIN WORT, Zarathustra, gelobt sei ER, meinem Volk das wichtigste Gebet gegeben. Zarathustra offenbarte das Avesta, die ERSTE BOTSCHAFT … Man kann die LEHRE von Zarathustra weder schmälern noch ergänzen, gelobt sei ER. Sie ist unveränderlich.“
– „Der ALLMÄCHTIGE VATER hat SEIN WORT mit der NEUEN BOTSCHAFT, dem NEUEN TESTAMENT, dem BUND erneut gesandt … Hat Zarathustra etwa gesagt, ER sei der letzte Prophet des ALLMÄCHTIGEN?“
– „Zarathustra sagte, dass der Retter dreimal kommen würde.“
– „ER ist gekommen und bringt die LEHRE. Die Entscheidung liegt bei dir. Ein neuer Bund – ein neues Gebet! Die Taufe gibt Reinigung und Kraft, den eingeschlagenen Weg zu gehen. Aber man muss gehen und den Bund erfüllen – in den gegebenen Momenten einen reinen Schritt wählen. Dann wird die Kraft wachsen. Wenn du dich taufen lässt und die Erfüllung hinausschiebst, so wird die Kraft verschwinden. Ein Glaube ohne Werke ist so tot wie ein Körper ohne den Geist. Wenn du dich verpflichtest, das Neue zu erfüllen, so wird auch das Alte erfüllt werden.“
– „Ich möchte mit dir weitergehen. Gib mir das Gebet. Verzeih mir, dass ich dich genötigt habe, mich zu überreden. Ich hätte hören sollen, was du gesagt hast.“ Alan legte seine Handfläche an sein Herz und verneigte sich tief.

Das Haus, das uns Reisende aufnahm, stand direkt am Fluss. Ich glättete den feuchten Küstensand mit meiner Hand, dachte nach und seufzte tief: “Großvater ist fort, jetzt muss ich selber Großvater werden und meine eigenen Entscheidungen treffen.” Ich schrieb das Gebet in den Sand am Fluss.
– „Versuche es zu lernen, solange der Sand hält, was geschrieben steht”, lächelte ich und ging ins Haus.
Alan kehrte schnell zurück. Er hat das Gebet ohne Unterbrechung gesprochen. Erstaunlich!.
– „Alle Achtung, Alan. Was ist das Geheimnis? Wie hast du das so schnell gelernt?“
– „Ich habe den Text nicht gelernt, sondern deine Zeichnung auswendig gelernt. Und wie daneben der Fluss fließt. Und ich erinnere mich an den Käfer, der am Ende des Gebets langsam krabbelte. Und am Anfang des Gebetes rannte eine Eidechse. Und auf der anderen Seite des Flusses sang ein Vogel …
Meister,“ – fuhr Alan nach einem Schweigen fort, – „lass mich dich so nennen, Euseus. Ich brauche das, um nicht von diesem schmalen Pfad abzuweichen …“
– „Und um auf jeden Fall in das ´Haus der Lieder´ zu kommen,“ lachte ich und umarmte Alan. – „Nenne mich wie du willst, solange es dir hilft.”
Ich spürte, ich verstand, dass die Frage wegen des Wassers nun in ihm lebendig war. Ein gläubiger Perser kann es sich nicht erlauben, in das lebendige Wasser zu treten und die heilige Schöpfung der GANZHEIT zu entweihen. Ich habe diese Bedenken in ihm gesehen. Und ich suchte nach einer Möglichkeit zu helfen. Ich dachte an Olivia, sie würde mir jetzt helfen. Ich stellte sie mir deutlich vor, spürte sogar ihre Berührung auf meiner Hand. Ich sah sie lächeln, hörte sie: “Ich werde helfen.”

Wir gingen aus dem Haus zum Fluss. Für den Fall der Fälle habe ich einen Holzeimer mit einem Henkel aus Weinreben für Wasser mitgenommen.
Da stand ein Mädchen am Fluss, ein wunderschönes Mädchen natürlich, und schaute auf das in den Sand geschriebenes Gebet.
– Siehst du das Mädchen am Wasser?“ – fragte ich.
– „Wo?”, sagte der Perser.
– „Vor uns, neben dem Gebet, als würde sie es lesen.“
– „Nein, ich sehe sie nicht. Ist sie schön?“
– „Ja, sehr!“ – Ich unterdrückte ein Lächeln. – „Glauben die Perser, dass es eine Göttin der Gewässer gibt?“
– „Natürlich tun sie das. Jeder Perser weiß das. Das sind die Gottheiten der GANZHEIT des allgütigen Ahura-Mazda.“
Ich nickte zustimmend … Das Mädchen erhob ihreAugen, die die Farbe des blauen Himmels in der Abenddämmerung hatten, und schaute mich aufmerksam an. Das blau-schwarze, lockige Haar, die geschwungenen Lippen, lebendig wie ein Fluss …
– „Sei gegrüßt, Freund der Hüter der Länder und Gewässer! Viel Kraft und Gesundheit für dich und deine Freunde auf eurem Weg! Olivia, meine Freundin, hat mich gebeten, dir zu helfen. Ich bin die Herrin dieses Flusses, die Hüterin. In diesen Ländern werden wir Hüter genannt. Ich werde dich ´Freund der Hüter´ nennen. So nennen wir dich hier unter uns … Ich heiße Tschista, so nennen mich meine Freunde, Alan wird meinen Namen mögen.“
– „Ich grüße dich, Tschista! Ich bewundere deine reine Schönheit und die Melodie deiner Stimme”, sagte ich laut. – „Ich brauche deine Hilfe, schöne Hüterin der Gewässer! Ich nehme deine Antwort mit Dankbarkeit und Respekt vor allen Hütern der Ganzheit an.
Wenn ich das zur Reinigung benutzte Wasser in dein reines Wasser gebe, wird es dann verunreinigt?“
Alan sah mich mit großem Erstaunen und aufmerksam an, der Mund leicht geöffnet.
– „Du solltest versuchen, sie zu sehen”, sagte ich ihm und deutete vor mich hin.
– „Euseus, mein Freund”, lächelte Tschista. – „Du kannst dich in diesem Wasser waschen, ohne etwas in Worten auszudrücken – Dankbarkeit, Aufmerksamkeit und Respekt sind in deinem Herzen! Du weißt, dass Mädchen jeden Alters, wie alle Menschen, Respekt und Aufmerksamkeit erwarten. Und ich bin ein ewig junges Mädchen – vor langer Zeit wollte man mich so sehen. Und junge Mädchen erwarten noch mehr Aufmerksamkeit und Fürsorge …” Tschista war in der spielerischen Stimmung eines schönen Bergflusses.
Ich dachte, es wäre gut für Alan, das alles zu hören und zu sehen. Tschista führte ihre Melodie in einem noch lebhafteren Schwall fort:
– „Ich bin eine Hüterin der segensreichen Schöpfung des HÖCHSTEN VATERS zur Unterstützung allen Lebens auf der ERDE. Es mag mir Unbehagen bereiten, wenn meine Gewässer eine Zeit lang verunreinigt werden – aber nur eine Zeit lang. Bis jetzt sind es nur Augenblicke. Die Unvorsichtigkeit eines Menschen ist für den Unvorsichtigen selbst ein großes Problem. Ich kann nicht verschwinden, nicht untergehen, solange es die ERDE gibt. In meinen Gewässern ist alles lebendig, ich lebe für das Lebendige, das Leben kann mich nicht verunreinigen …
Der Mensch kann erschaffen, er ist kein Hüter. Wenn er beschlossen hat, meine Gewässer mit dem Blut getöteter Wesen, mit schmutzigen Gedanken und Worten zu beschmutzen, dann ist das Leichtsinn. Ein solcher Mensch sollte sich nicht in meinem Wasser waschen …
Mensch, komm zu mir mit reinen Gedanken und Worten, mit Aufmerksamkeit, Respekt und Dankbarkeit! Ihr habt wunderschöne, kraftvolle Gebete, die euch und die Welt um euch herum reinigen. Schenkt den Fischen, Vögeln, Schlangen, Schnecken und Schmetterlingen, die mit mir leben, eure Aufmerksamkeit – sie beschmutzen mich nicht, sie können es nicht. Dann empfange ich dich gern in meinem Wasser und erfülle dich mit Reinheit und Kraft – dafür lebe ich.
Sonst muss ich, das Mädchen, gegen den menschlichen Dreck kämpfen, um ihn abzuwaschen. Das ist eine mühsame Aufgabe. Und schmerzlich für den Menschen …
Wir sind alle in der gleichen WIEGE geboren. Und wir bewahren sie, sie ist unser ZUHAUSE …
Euseus! Freund der Hüter. Ich helfe immer gern. Meine Schwestern und Brüder sind immer für dich da. Dies ist nicht nur euer Kampf mit der Finsternis für Reinheit, sondern auch unserer – für das Leben!
Alan kann mich noch nicht sehen. Meine Grüße an ihn. Er ist ein guter Mensch. Er kann das Leben in seinem Inneren hören. Das wird ihm Glück bringen.
Bitte, Freund der Hüter, wasche dich in meinem Wasser, bringe mir Freude!“ – Tschista lächelte mit dem Atem meiner Mutter und berührte meine Füße. Leise flossen Tränen aus meinen Augen – die Reinigung hatte begonnen. Ich konnte meinen leichten Umhang in der Gegenwart von Tschista nicht ablegen … Ich dankte dem VATER für das Geschenk des Lebens und kniete am Wasser nieder. Dankbar berührte ich das lebendige Wasser mit meiner Hand. Mit der feuchten Hand berührte ich meine Stirn. Ich stand auf und ging ins Wasser. Langsam tauchte ich dreimal in den Fluss und stellte mir vor, wie Licht von allen Seiten auf mich herabströmt. Ich sagte im Geiste: Im NAMEN des VATERS, des SOHNES und des HEILIGEN GEISTES.
Nach dem dritten Tauchgang war Tschista verschwunden. Alan stand neben mir im Wasser.
– „Ich habe verstanden, Meister. Ich möchte durch deine Hände getauft werden.“
Mit einer leichten Berührung half ich Alan, dreimal in den Fluss Tschistas einzutauchen. Wir sagten die geliebten Worte gemeinsam. So wurden Alan und ich einst getauft …
Damals dachte ich noch, es handele sich um ein Sakrament, das mehr als einmal gespendet werden kann. So mache ich es jetzt auch. Damals führte ich diese wunderbare Waschung überall dort durch, wo es lebendiges Wasser gab.

Ein paar Zeilen zum Gebet. Es unterschied sich von dem heutigen in einem Satz. Die anderen Unterschiede waren unwichtig und hatten mit den Feinheiten der Übersetzung zu tun.
Diese Formulierung beinhaltet jedoch einen wesentlichen Unterschied. Wer jetzt betet, bittet den VATER, ihn nicht in Versuchung zu führen, sondern ihn vom Bösen zu erlösen. Dieser seltsame Satz steht im Widerspruch zu dem, was RABBI damals gesagt hatte: “Der VATER führt niemanden in Versuchung. ER liebt.”
Und im kanonischen Text des Jakobusbriefes, des Bruders des HERRN, gibt es Zeilen, die immer noch Bestand haben: “Und niemand soll, wenn er versucht wird, sagen: ‘Ich werde von Gott versucht’, denn Gott kann nicht vom Bösen versucht werden und er versucht niemanden! Aber jeder Mensch versucht sich selbst: Er wird von seinen eigenen Begierden angezogen und gelockt. Und die Begierde, wenn sie gezeugt wird, gebiert die Sünde. Die Sünde, wenn sie herangereift ist, gebiert den Tod.
Es ist nicht nötig zu untersuchen, woher diese eigenartige Zeile im Gebet stammt. Das spielt keine Rolle. Ich sage euch einfach, wie es in meiner Jugendzeit geklungen hat. Es ist eine Übersetzung aus dem Altgriechischen ins moderne Russisch: “… bewahre uns vor Versuchung und schütze uns vor dem Bösen.”

1Gebiet im Süden der heutigen Türkei in der Gegend von Adana

Die Geschichte von Euseus – Teil 2 – Kapitel 2

Auf dem drei- oder viertägigen Marsch zum nächsten Dorf, als die Sonne stark brannte und Wasser rar war, sahen wir vier Wanderer, die uns entgegenkamen. Das Gefühl, während sie sich uns näherten, war unangenehm, und wir konnten ihnen nichts geben außer den Kleidern, die wir trugen, und den Resten von Wasser und Brot. Und in meiner Umhängetasche befand sich unsere wertvollste Fracht, die Schriften der VOLLZIEHUNG.
– „Warte auf den Befehl”, sagte ich zu Lukas. – Wenn wir laufen, laufen wir nur vorwärts.
Ruhig nickte Lukas stumm.
Die Wanderer, die sich uns näherten, zückten alle vier schon früh ihre Messer – was mich zu der Annahme brachte, dass sie nicht vorhatten, mit uns über GOTT zu sprechen. Die beiden in der Mitte, von denen einer das Sagen hatte (was man an seinem Gesichtsausdruck erkennen konnte), kamen bis auf Armeslänge an uns heran, die beiden anderen gingen in einem Bogen um uns herum und versuchten, uns in den Rücken zu fallen.
Ich schaute in die Augen des Anführers. Ich sah, wie seine rechte Hand mit dem Messer auf meine Kehle zuflog. Ich wich keinen Schritt zurück, sondern duckte mich mit einem Sprung nach links unter seinen Arm. Durch die Trägheit des Stoßes in die Luft drehte er sich ein wenig, so dass sich seine Seite vor mir öffnete, in die ich ihn mit beiden Händen stieß, so dass sich seine halb angewinkelten Beine ruckartig streckten. Der Stoß war heftig – und kam in die richtige Richtung. Lukas streckte wie selbstverständlich sein Bein aus. Der Anführer stürzte zu Boden, fasste seinen Mitstreiter und warf ihn zu Boden.
– „Weglaufen!“ – schrie ich Lukas zu.
Die Beiden, die nun hinter uns geraten waren, stürmten hinter uns her, wahrscheinlich aufgeregt, weil sie mit diesem Kampf nicht gerechnet hatten.
Wir liefen schnell, lange, ohne zu sprechen, und wir hörten den Tanz unserer Herzen.
Als ich bei dieser Hitze außer Atem geriet und meine Milz in der Seite zu schmerzen begann, drehte ich mich um. Ein Mann lief hinter uns her, sonst war niemand zu sehen. Als ich mich umdrehte, warf der Verfolger sein Messer weg.
– „Halt, Lukas!“
Wir hielten an und wandten uns dem uns Entgegenlaufenden zu. Sein Atem war noch schwerer als meiner. Er hielt sofort an, hob die Hände, um zu zeigen, dass er nichts in ihnen hatte. Dann beugte er sich vor, warf sich auf seine Knie und versuchte, Luft zu holen … Wir ließen ihn und uns selbst Luft holen.
– „Was willst du?“ – fragte ich. – „Es gibt nicht viel, was wir für dich tun können.“
– „Doch, das könnt ihr”, sagte der Mann. – „Nehmt mich mit!“
Das unerwartete Angebot führte zu einer kurzen Pause in der begonnenen Kommunikation.
– „Wozu?“ – fragte ich ihn.
– „Es gibt keinen Grund”, antwortete der Mann. – „Ich will mit euch gehen, nicht mit denen.“
– „Und warum?“ – fragte Lukas nach.
– „Deine Augen sind gütig … Und ich kann keine Menschen mehr für ein Stück Brot töten … Ich will nicht allein gehen. Nehmt mich mit. Ich werde umsonst für euch arbeiten … Und schlagt mich nicht … Ich esse nicht viel.“

Sein Name war Alan, ein entlaufener persischer Sklave. Vor nicht allzu langer Zeit verließ Alan seine Heimat Medien1, um sein Glück im großen Rom zu suchen. Er wurde alsbald versklavt. Und schnell, wenn auch zu spät, erkannte er, dass er sein Glück in seiner Heimat hätte suchen sollen. Er wurde zweimal mit Gewinn für den Vorbesitzer weiterverkauft. Und dann floh er und schloss sich diesen entlaufenen Vagabunden an …
Wir waren nun also zu dritt. Alan war rothaarig, hatte gelbe Augen und trug das Blut eines Kriegers von Alexander dem Großen in sich, der vor über vierhundert Jahren kurzzeitig Persien erobert hatte. Alans Urgroßmutter hatte ihm erzählt, dass in seinem Körper ein wenig griechisches Blut sei. Alan war einundzwanzig Jahre alt.
– „Ich kann und will den Weg des Bösen nicht mehr gehen”, sagte Alan.

Er ehrte den alten persischen Glauben, denn er war in der persischen Tradition erzogen worden. Es war fast vierhundert Jahre her, dass das große persische Reich existierte. Es wurde nicht mehr von einer alten Dynastie aus dem Königreich der Parther regiert, sondern von der Dynastie der halbnomadischen arischen Stämme, die aus dem Norden in dieses Land gekommen waren. Die Arier eroberten das griechische Reich und vergrößerten dann ihren Besitz auf achtzehn Königreiche, von Mesopotamien bis Indien. Die Könige der arischen (iranischen) Stämme betrachteten sich als einen verwandten Zweig der früheren parthischen Dynastie. Und das wird durch die Tatsache bestätigt, dass sie dem avestischen Glauben treu geblieben sind, den der Prophet Zarathustra fast tausendachthundert Jahre vor Christus gebracht hat. Die Parther verehrten weiterhin den Glauben an den allmächtigen Schöpfer der Welt Ahura Mazda, den Herrn der Weisheit, und behielt daher die Priesterschaft der Feuertempel bei …
Alan hielt sich nicht an die Gesetze des alten Glaubens, den er den guten Glauben nannte. Aber die Stunde war gekommen, und Alan hatte den starken Wunsch, die Richtung des Weges zu ändern, den er eingeschlagen hatte, als er sein Zuhause verließ. Sein Gewissen, im indo-arischen Sprachgebrauch “Reinheit”, quälte ihn.

Alan war ungewöhnlich sauber. Wenn es die Umstände erlaubten, wusch er sich fünfmal am Tag, ging aber nicht in den Fluss oder Bach, den er auf seinem Weg traf. Er hatte einen Lederbeutel bei sich, mit dem er Wasser aus dem Bach schöpfte und dabei ein Gebet flüsterte. Er wusch sich abseits des Baches und der Blicke der anderen.
Seinem Glauben entsprechend waren Feuer und Wasser heilige Schöpfungen, die nicht verunreinigt werden durften. Das Feuer auf dem Wege wurde nun von Alan gemacht. Er konnte nicht zulassen, dass das Feuer mit Wasser in Berührung kam. Das Holz wurde nun sauber und unbedingt trocken benutzt, damit keine Tropfen von feuchtem Holz in das Feuer gelangen konnten. Schließlich ist das Feuer das Bild des guten Schöpfers der Welt, das dem Menschen durch den Propheten hinterlassen wurde.
Alan aß nicht viel, nicht weil er nicht wollte – er aß kein Fleisch mit Blut (Blut muss ordnungsgemäß entfernt werden). Und selbst wenn das Blut ordnungsgemäß entfernt wurde, hat er nicht alles Fleisch gegessen. Auf diese Weise hatte er manchmal keine große Auswahl beim Essen unterwegs. Vielleicht war er deshalb so stark, leicht und widerstandsfähig und konnte uns lange Zeit nachlaufen, als wir vor den Räubern davonliefen.
Als er sah, dass wir das Pflichtgebet dreimal am Tag verrichteten, begann er, das Gebet fünfmal am Tag zu verrichten und auch in den frühen Morgenstunden zum Gebet aufzustehen. Alan war bemüht, zu seinem Glauben zurückzukehren. Er sagte zu uns:
– „Ich habe einst den Weg des Bösen gewählt. Das ist keine gute Sache. Ich bin dem Herrn der Dämonen gefolgt, aber der Allmächtige ist barmherzig, gelobt sei ER. ER hat mir eine Begegnung mit euch ermöglicht, und ich konnte eure Augen sehen. Das gibt mir Hoffnung: Wenn sich meine Seele an der ´Brücke der Entscheidung´ befindet, werden meine guten Taten zumindest ein wenig über den bösen liegen, und ich werde in das ´Haus der Lieder´ eingehen …“
– „Alan, was ist das Wichtigste in deinem Leben?“ – fragte ich.
– „Ich bin kein Priester, ich bin ein einfacher Mann, und das ist keine einfache Frage,“ lächelte Alan.
– „Versuche mir zu antworten, ich habe dich gebeten. – Wir haben beschlossen, gemeinsam zu gehen … Für mich ist es wichtig zu lernen, meine Nächsten wie mich selbst zu lieben, egal wie viel Ärger sie verursachen. Was sagst du?“
– „Du hast dir eine sehr schwierige Aufgabe gestellt. Dann werde ich mich auch bemühen! Ich möchte die Kräfte des Bösen besiegen, die mich daran hindern, in dieser schönen Welt glücklich zu sein. Dann komme ich sicher nicht in die Hölle … Und dann kommt auch sonst niemand in die Hölle. Ich möchte immer und für alle Zeit glücklich sein und keine Angst vor irgendetwas haben …“
– „Und wie kann man die Mächte des Bösen besiegen?“
– „Jeder, der den Weg des guten Willens gewählt hat, weiß das. Wir müssen mit guten Gedanken, guten Worten und guten Taten leben. Auch wenn es sehr schwierig ist. Aber jeder Mensch, auch ich, hat ein Gewissen. Das Gewissen, wenn man darauf hört, wird das Gute vom Bösen unterscheiden. Und es wird notwendig sein, einen guten Schritt zu machen, auch wenn ich es gar nicht will … Ich weiß, dass du mir dabei helfen wirst – man sieht es in deinen Augen, du bist standhaft in deinen guten Schritten, und dieser große junge Mann auch … Deshalb bin ich euch nachgelaufen …“

1Medien lag im heutigen Grenzgebiet von Iran und Irak