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Die Geschichte von Euseus – Teil 2 – Kapitel 19

Vor Einbruch der Dunkelheit zog sich der Hüter des FEUERS zweimal zum Gebet zurück – am Nachmittag und vor Sonnenuntergang. Er nahm die Waschung vor und ging für eine kurze Zeit in den Tempel.- „Ich kann dich einladen, wenn du ein Avestaner wirst“, erklärte er lächelnd. – „Ein Nicht-Avestaner sollte sich nicht im Tempel des FEUERS aufhalten, der dem ALLGUTEN HERRSCHER der WEISHEIT geweiht ist.“Als Dasda nach dem zweiten Gebet zu unserer Unterhaltung zurückkehrte, sagte er:- „Bruder Euseus, wir sollten unser Gespräch unterbrechen und zum Haus meiner Familie gehen – es ist ganz in der Nähe, jenseits des Gartenzauns – um zu Abend zu essen und uns auszuruhen, damit wir Kraft für die Fortsetzung unseres Gesprächs schöpfen können.“ Aber aus eigener Kraft konnten wir den spannenden Fluss unserer Unterhaltung nicht aufhalten …

– „Für die Avestaner bedeutet der Weg der Rechtschaffenheit – gute Gedanken, gute Worte und gute Taten. Danach strebt der, der an das ALLGUTE glaubt. Kannst du, Euseus, das Wesentliche der NEUEN LEHRE benennen?“ – war eine der Fragen von Dasda.- „Das Wesentliche ist ähnlich dem, was du, Dasda, ausgedrückt hast … Für mich sind das Wesentliche diese Perlen: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu; liebe deinen Nächsten wie dich selbst … Rabbi sagte: ´Segnet die, die euch verfluchen, und betet für eure Feinde. Liebt die, die euch hassen, tut ihnen Gutes, dann werdet ihr keine Feinde haben´ … Man soll lernen, wenn einem das Böse begegnet, mit Gutem und nicht mit Bösem zu antworten. Wenn du auf die eine Wange geschlagen wirst, halte die andere hin. Dann wird der Teufel zu Fall gebracht …“, antwortete ich langsam, wobei ich meine Worte bedachtsam wählte.

Dasda schwieg nachdenklich.
– „Das ist der kürzeste Weg, von dem ich gehört habe, um Ahriman zu besiegen … ein schwerer Weg…“, sagte er nach einigen Augenblicken des Schweigens. – „Auferstehung von den Toten … Die geschriebene Tora gibt keine Antwort, die Sadduzäer erkennen eine Auferstehung von den Toten nicht an. Das Avesta nennt die heutige Zeit das Zeitalter der Vermischung von Gut und Böse. Eine Zeit der Fortentwicklung der Welt durch das Böse. Wenn der Mensch das Böse besiegt und nur noch LICHT und GUTES erschafft, dann wird der HERRSCHER der WEISHEIT ihm einen ewigen Körper geben. Das wird die Auferstehung von den Toten sein – ein Mensch im verkörperten Zustand wird auf ewig Gutes tun … Hat der LEHRER über die Auferstehung gesprochen?“

– „Auferstehung bedeutet, vor dem VATER lebendig zu werden, und nicht in den Augen der heutigen Welt. Der VATER ist der HERR der Lebenden, nicht der Toten. Und lebendig zu werden heißt, SEIN WORT zu erfüllen. Wenn wir lernen, lebendig zu sein, dann wird das REICH GOTTES auf der ERDE anbrechen. Ich erinnere mich an einen Satz, den Johannes gerne wiederholte: ´Suchet den Lebendigen zu erkennen, solange ihr lebt, damit ihr nicht sterbet.´ Und weiter: ´Wenn ihr das Gute in euch hervorbringt, wird das, was ihr habt, euch retten. Wenn ihr es nicht in euch habt, wird das, was ihr nicht habt, euch töten.´“

Großvater Johannes erzählte folgende Geschichte. Einmal kamen Sadduzäer, die im Gegensatz zu den Pharisäern eine Auferstehung von den Toten nicht anerkannten, zum LEHRER. Sie sagten zu RABBI: „Mose hat im Gesetz geschrieben: ‚Wenn der verheiratete Bruder eines Mannes kinderlos stirbt, soll er dessen Frau nehmen und seinem Bruder Nachkommen schenken.´ Wie kann man dann folgendes Problem lösen? Es waren sieben Brüder. Der erste Bruder heiratete, starb aber kinderlos. Ebenso der zweite und der dritte Bruder … Alle sieben nahmen diese Frau zur Frau. Und sie alle starben und keiner von ihnen hinterließ Nachkommen. Und auch die Frau starb. Wessen Frau wird sie nach der Auferstehung sein?“

Der LEHRER sagte, dass die Menschen des gegenwärtigen Zeitalters heiraten und sich scheiden lassen, aber die Menschen des zukünftigen REICHES, die durch die Reinheit ihres Herzens des ewigen Lebens würdig sind, werden weder heiraten noch sich trennen, wie sie es jetzt tun. Sie werden wie die Engel leben und den Tod nicht kennen und hier auf der ERDE im REICH GOTTES leben, wenn der Teufel besiegt sein wird.

– „Was sagst du zur Wiedergeburt? In meiner Familie wissen wir, dass Menschen die Möglichkeit haben, mehr als einmal auf die Welt zu kommen, um sich zu läutern. So kann man die Folgen falscher Entscheidungen aus der Vergangenheit ändern“ – war eine weitere Frage dieses langen Abends.
– „Jeder ist für seine Sünden verantwortlich. Abhängig davon, was er in diesem Leben getan hat, bekommt er einen Körper und Prüfungen in einem neuen Leben. So erklärte es der LEHRER. Die Jünger hatten keine Zeit, RABBI viel zu fragen; ER war weniger als vier Jahre bei ihnen … Bruder Dasda“, fuhr ich fort – „erzähl mir von Sarma. Gestern habe ich darüber wieder etwas von Pars gehört, dem Anführer der Karawanenräuber. Er führte mich zu dir.“
– „Pars … Ich half ihm durch die KRAFT des ALLGUTEN, durch die Kraft der Gebete, vom Teufel loszukommen, er wollte es. Er möchte sein Sarma ändern, zu dem Pfad zurückkehren, für den er in die Welt gekommen ist … ´Jeder ist für seine eigenen Sünden verantwortlich´ ist eine treffende Formulierung, das ist Sarma. Sünde ist die falsche Wahl zwischen Gut und Böse. Sarma ist die Folge einer falschen Wahl. Die Freiheit, Gutes oder Böses zu tun, und der Preis für die getroffene Wahl bestimmen das eigene Schicksal. Die Wahl zwischen Gut und Böse schafft Sarma und verändert dessen Wirkung … Dieses sind die Herren über mein Schicksal in dieser körperlichen Welt: Die Freiheit der Wahl und das Gesetz der Vergeltung.´

In den Überlieferungen des Avesta heißt es, dass wir diese Wahl – die Art und Weise, das Böse in der körperlichen Welt zu bekämpfen – zu Beginn der Erschaffung der Welt selbst getroffen haben. AHURA MAZDA forderte dazu auf: ´Wählt für euch selbst, was euch zur Harmonie der Ganzheit führt: Entweder ihr werdet in einem unverkörperten Zustand ständig MEINEN Schutz vor dem GEIST der ZERSTÖRUNG benötigen, oder ihr bekommt eine körperliche Gestalt und tretet in der materiellen Welt gegen den Dämonenfürsten an. Und irgendwann einmal wird Ahriman besiegt, und ihr werdet am Ende der Epoche der Trennung von Gut und Böse vollkommen und unsterblich werden – der Kreis der Zeit wird aufhören zu existieren …´ Wir haben uns entschieden, gegen Ahriman in der materiellen Welt anzutreten, die durch einen zeitlichen Ring begrenzt ist.

– „Bruder Dasda, ich möchte dich gern etwas zu Ahriman fragen. Aber dann reden wir bis morgen früh, und außerdem haben wir vereinbart, dass du zuerst die Fragen stellst“ – Ich schaute dem Hüter lächelnd in die freundlichen Augen. – „Lass mich dir eine kurze Frage stellen. Was sagt das Avesta darüber, ob ein Mensch die Vorbestimmung ändern kann?“
– „Strahlender Bruder Euseus“, lächelte Dasda. – „Durch deine freie Wahl in den gegebenen Momenten bestimmst du immer etwas für dich selbst. Indem wir in den Lektionen des Lebens gute Werke vollbringen, bestimmen wir den Lohn, und das wirkt sich auf das aus, was durch die Geburt vorherbestimmt ist. Aber es gibt Ereignisse … die stehen fest, man kann sie nicht umgehen, sie sind durch schicksalhafte Entscheidungen festgelegt, die in der vergangenen Inkarnation getroffen wurden. Ein Avestaner glaubt: Wenn er bewusst den Pfad der Rechtschaffenheit betritt und bei den gegebenen Lektionen eine gute Handlung, ein gutes Wort oder einen guten Gedanken wählt, hat er eine Chance, sich dem Einfluss des Sarma zu entziehen. Wir leben in einem Zeitalter der Vermischung von Gut und Böse, in einer Welt, die durch das Raster der Zeit begrenzt ist. Dies ist eine gute Gelegenheit, sich zu reinigen und dazu beizutragen, diese Welt vom Bösen zu befreien.“
– „Weiser Dasda! Deine Ansicht ist mir sehr nahe. Gelobt sei der Herr! Ich bin dankbar für diese Begegnung. Du bist wieder an der Reihe. Deine Frage.“

– „Der Allmächtige Chormasd hat durch Sartoscht ein Gebet gegeben, Ahunwar. Es enthält einundzwanzig Wörter. In ihm ist die KRAFT und der RHYTHMUS des ALLGÜTIGEN, der RHYTHMUS der GANZHEIT. Dämonen können seinen Klang nicht ertragen. Dort, wo es erklingt, kann Ahriman nicht sein … Hat der LEHRER ein Gebet gegeben? Und kannst du es mir aufsagen?“
Ich nickte, schloss meine Augen, und stellte mir vor, wie das Licht des Vaters von allen Seiten auf mich herabströmt und in mich eindringt, so dass ich ein Teil dieses Lichts werde … und sprach dann das Gebet auf Griechisch.
Als ich die Augen öffnete, hatte Dasda immer noch die Augen geschlossenen und lächelte.
– „Ein gutes Gebet … und kraftvoll“, sagte er ohne seine Augen zu öffnen. – „In ihm ist ein sanftes, goldenes Licht … ‚DEIN WILLE geschehe, o HERR, auf ERDEN wie im HIMMEL‘, DEIN ALLGÜTIGER WILLE! So sei es! In der geistigen Welt GOTTES gibt es nur LICHT. Wo es nur LICHT gibt, kann es keine Dunkelheit geben. Möge SEIN REICH auf ERDEN sich erfüllen! ´Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern´… Wer auf dem Weg des Guten wandelt und denen vergibt, die Böses tun, verändert sein Sarma.“

In diesem Augenblick wurden wir von der Melodie einer Mädchenstimme unterbrochen:
– „Papa, sag! Wir machen uns alle schon Sorgen um dich. Mama hat mich geschickt, um nachzusehen, ob du vergessen hast, dass es Nacht ist …“
– „Das ist Jasna, meineTochter“, lächelte der Hüter in der sternenklaren Nacht. – „Ich bin hier, mein Schatz“, fügte er etwas lauter hinzu. – „Ich habe gar nicht bemerkt, dass es schon Nacht ist. Schön, warm, sternenklar, mit einem jungen Mond …“
Das Mädchen kam näher. Es blieb in einiger Entfernung stehen, weil sie es nicht wagte, ihren Vater in meiner Gegenwart zu umarmen.
– „Das ist Euseus, ein kluger Reisender aus einer fernen römischen Provinz. Wir haben nicht bemerkt, wie der Tag verging und die Nacht hereinbrach … Danke, Jasna. Sag deiner Mutter, dass wir bald kommen.“
Das Mädchen verbeugte sich leicht in meine Richtung und hielt dabei ihre Hand unter ihr Herz. Sie winkte ihrem Vater zu: „Papa, wir warten auf dich,“ und verschwand zwischen den Pfirsichbäumen. Ich konnte ihr dunkles, gelocktes Haar sehen, aber ihre Augen konnte ich in der sternenklaren Dämmerung nicht erkennen. Ich konnte allerdings ihre Stimme deutlich wahrnehmen: Sie hinterließ ein angenehmes Echo in mir, und das reichte aus, um zu erkennen, dass Jasna ein schönes Mädchen war.
Gleichzeitig mit dem Lächeln schoss mir ein Gedanke durch den Kopf: „Ich habe schon lange kein Mädchen mehr gesehen – ich konnte die Schönheit in der Dunkelheit an ihrer Stimme erkennen …“.

Der Sternenhimmel ist die ewige Kuppel des TEMPELS des UNIVERSUMS. Eine lange Sternschnuppe zog unsere Aufmerksamkeit auf sich.
– „Ein weiteres Zeichen unserer Begegnung“, lächelte der Hüter. – „Verzeih mir, heller Bote, ich habe dir, der du von der Reise müde sein musst, viele Fragen gestellt. Das LICHT, das in dir leuchtet, ist ein deutliches Zeichen eines GESANDTEN des ERLÖSERS.“

Es war Zeit für das Mitternachtsgebet. Dasda nahm die Waschungen vor und lud mich ein, ebenfalls das Sakrament zu empfangen. Nach den Waschungen lächelte ich Dasda zu:
– „Was die Häufigkeit der Waschungen anbetrifft, bin ich beinahe schon Avestaner.“
– „Das ist eine uralte Tradition. Verantwortung für den gegebenen Körper und den ihn umgebenden Raum … Innere und äußere Reinheit sind untrennbar. In einem zerfallenen Körpertempel hat es die Seele nicht leicht. Hat der LEHRER etwas über äußere Reinheit gesagt?“
– „Johannes hat einen Satz an die Jünger aufgezeichnet: ´Der eine reinigt das Innere der Schüssel, der Andere das Äußere. Versteht ihr denn nicht, dass der, der das Innere verrichtet hat, auch das Äußere verrichtet hat?´“

… Der Eingang zum Tempel erstrahlte in der Nacht vom Schein des Altarfeuers, das seit Jahrhunderten in diesem Heiligtum gehütet wurde. Ein behaglicher, von Gebeten erfüllter Raum, ein großzügiger Eingang ohne Türen. Ein ewig brennendes Feuer auf einem kleinen Altar. Keine ablenkenden Bilder im Inneren des Tempels, nur das LICHT des Feuers des ALLGÜTIGEN SCHÖPFERS.

Gebet. Das Gesicht eines Avestaners ist dem LICHT zugewandt, der Gabe des SCHÖPFERS. Die Verehrung des FEUERS bedeutet die Verherrlichung des GESETZES des ALLGÜTIGEN.
Ich kniete nieder und betete mit dem Gesicht zum Feuer – mit dem Geist zum Vater. Dasda stand in der Nähe des Feuers und verrichtete das heilige Gebet Ahunwar. Sein Mund war mit dem weißen Padan bedeckt.
Zwei aufrichtige Gebete zum HERRN, in verschiedenen Sprachen, aus reinem Herzen, das nur eine Sprache kennt. Ich dachte an die Worte RABBIS: „Wer MIR nahe ist, ist dem Feuer nahe, wer MIR fern ist, ist dem REICH GOTTES fern“ …
Der Hüter brachte das Opfer dar: Mit einer leichten, gewohnten Bewegung streute er Weihrauch über das Feuer. Das Feuer nahm ihn auf: der Tempel war erfüllt von einem süßlichen Duft von Blumen und Sandelholz – mit einem kaum wahrnehmbaren Hauch von Pinien …

Wieder unter der Kuppel des Sternenhimmels sagte Dasda:
– „Bei den Griechen und Juden sind die Sühneopfer Tiere und Vögel. Der Avestaner weiß: das sind gute Schöpfungen von Hormazd, sie können nicht für die Sühne verwendet werden … Weihrauchopfer für das Feuer sind wie ein Sühneopfer der Seele im LICHTE des ALLGÜTIGEN. Dieses Sakrament gibt demjenigen Kraft und Hoffnung, der es aufrichtig und aus reinem Herzen vollzieht und dabei an das erfüllende LICHT des ALLGÜTIGEN denkt.“
– „Ein Gebet, das nicht aus einem reinen Herzen kommt, ist ein nicht erhörtes Gebet“, antwortete ich.

Das Haus der Familie des Hüters grenzte an den Tempelgarten. Ein großes Anwesen hinter einem hellen steinernen Zaun. Über uns der junge Mond.
Dasda brachte das Feuer in das kleine Haus, das bis zu meiner Ankunft leer gestanden hatte. Ich holte aus meiner Umhängetasche die BOTSCHAFT von Johannes, die ich auf Großvaters Wunsch hin fertiggestellt hatte. Ich übergab das Buch dem Hüter mit folgenden Worten:
– „Hier steht fast alles drin. Lies, weiser und guter Bruder, solange wir zusammen sind.“

Beim Einschlafen stellte ich mir den Großvater vor. Johannes lächelte. Ich sagte zu ihm:
– „Großvater, mein Lieber, jetzt sind wir in Persien. Ehre sei dem Vater! Unser Traum deckte sich mit SEINEM WILLEN.
Ich schlief ein – und Großvater lächelte …

Die Geschichte von Euseus – Teil 2 – Kapitel 18

Der Tempel ist das herausragende Bauwerk in der Stadt Midia. Ich erreichte ihn problemlos. Die wenigen Einwohner – es war ein heißer Nachmittag – begrüßten mich mit einer halben Verbeugung, wobei sie ihre Hand aufs Herz legten. Ich antwortete ihnen auf die gleiche Weise, mit dem Lächeln eines müden Reisenden. Ich hatte den Eindruck, dass sie bemerkten, dass ich ein Fremder war.

Ich ging die gerade, sonnendurchflutete Straße entlang, die zum Heiligtum führte. Der Tempel hatte eine rechteckige Form, die Wände waren mit Lehm verputzt. Der obere Teil ähnelte einer flachen Kuppel. Der Eingang war wie ein doppelwandiger Iwan, der Raum war immer offen, von weitem meinte man den Schein des Altarfeuers in den Tiefen des geräumigen Eingangs zu sehen.

Die Straße ist weiß von der Sonne, dem bleichen heißen Himmel und den hellen Häuserwänden. Ein hochgewachsener Mann in weißem Gewand kam aus der Öffnung des Tempels: ein langes umgürtetes Hemd, weite Hosen, eine weiße Mütze auf dem Kopf. Er war von kräftiger Statur, hatte mittellanges schwarzes Haar und einen dichten Bart, der nur wenig ergraut war. Er hatte auf mich gewartet. Ich hatte seine Augen noch nicht gesehen, aber ich spürte bereits eine Woge der Zuneigung.

– „Friede sei mit dir, Reisender. Möge das Licht des ALLGUTEN mit dir sein“ – er verbeugte sich zuerst vor mir.
– „Friede sei mit dir, Mobed, Abkömmling eines Schülers des Propheten“, grüßte ich den Priester mit einer halben Verbeugung und hielt meine Hand auf mein Herz.
Der Priester sprach reines und korrektes Griechisch. Er sah mich mit großen, freundlichen, gelb-grünen Augen an und lächelte offen:
– „Ja, so ist es, Wanderer, der eine gute Botschaft bringt. Ich stamme aus einem alten Geschlecht von HÜTERN des FEUERS. Mein Name ist Dasda“ – er verbeugte sich erneut und legte seine Hand auf sein Herz.
– „Ehrenwerter, tugendhafter Dasda, mein Name ist Euseus, ich komme in dein Land mit der FROHEN BOTSCHAFT des GESANDTEN des HERRN“ – ich konnte nicht anders als lächelnd antworten. – „Heller Dasda“, fuhr ich mit einer halben Verbeugung fort, „ich schlage vor, dass wir uns nicht so oft voreinander verbeugen, denn unser gegenseitiger Respekt ist in unseren Augen deutlich sichtbar.“

Der Priester lachte und umarmte mich. Wir waren sofort und für immer Freunde in unserer damaligen Inkarnation. Dasda war gütig, weise, schön, strahlend von einem unendlichen inneren Licht. Es war, als hätte ich einen fürsorglichen älteren Bruder gefunden. Er war damals fünfzig Winter alt, wie man in dieser Gegend zu sagen pflegte. Aber eine solche Anzahl von Frühlingen war in Dasdas von Stärke und Gutmütigkeit geprägter Erscheinung schwerlich zu finden.

Die Bedeutung seines Namens war Geben, Großzügigkeit. Es ist ein seltener Fall, dass die Bedeutung dem Charakter einer Person entspricht. Um sich der Bedeutung des Namens anzunähern, bedarf es meistens einer ganzen Inkarnation.

Bei unserem ersten Treffen fiel mir die weiße Binde, ein Padan, auf, die locker um den Hals des Priesters hing. Das Padan ähnelte einer Schutzmaske der modernen Ärzte.

Der Priester lud mich in den Tempelhof ein, der sich rechts vom Eingang befand. Es war eine kleine Pfirsichplantage mit dichtem Gras, dem süßen Duft verschiedener Blüten und frisch gemähtem Heu. Im hinteren Teil befand sich neben einer mannshohen Mauer aus weißem Stein ein Waschplatz, der von dicht gepflanzten Weinstöcken umgeben war. Das Becken selbst war mit verzierten Terrakottafliesen bedeckt und hüfthoch umrandet. Auf zwei Holzregalen standen große Krüge mit breitem Hals. In den Krügen war gesegnetes oder geweihtes Wasser mit weißen Blütenblättern und grünen Blättern irgendeiner Pflanze an der Oberfläche.
Vom Boden des Brunnens bis zu den Bäumen verliefen mehrere feste Rinnen aus Ton, die jeweils mit einem Stopfen versehen waren, um das Abfließen des Wassers regulieren zu können.

Ich wusch mich von oben bis unten und sprach ein kurzes Dankgebet. Dasda bot mir saubere weiße Kleidung an, die seiner Kleidung ähnelte: Mütze, Hemd, Gürtel, eine Hose mit einem eigentümlichen Geruch; nur der Padan, eine Binde für den unteren Teil des Gesichts, fehlte. Den besaß nur der Mobed (Priester), der das Recht und die Pflicht hatte, sich in der Nähe des heiligen Feuers aufzuhalten, um rituelle Handlungen vorzunehmen.

In einer mit Weinstöcken berankten Gartenlaube redeten wir bis in die Nacht hinein. Wir nahmen süß-säuerliche Getränke zu uns, die mit Wasser verdünnt waren, oder Früchte, die Dasda direkt von den Zweigen pflückte. Unter den Füßen konnte man einen warmen dichten parthischen Teppich von leuchtenden Farben angenehm spüren.

Zu Beginn des Gesprächs erzählte ich, so kurz wie möglich, von meinem Leben, von meiner Erziehung, von Großvater Johannes, einem direkten Schüler des GESANDTEN des HERRN, vom Leben des LEHRERS, der eine außergewöhnliche und verständliche LEHRE über die LIEBE brachte, die zum REICH GOTTES auf Erden führt, von SEINER Hinrichtung, die von den Priestern und Schriftgelehrten angestiftet worden war, vom Leben in Gemeinschaft, was der LEHRER geboten hatte , vom Aufbau einer freundlichen Gemeinschaft in meiner Heimatstadt durch Johannes, von dessen langer Reise nach Persien, von meinen wunderbaren Freunden und der Gemeinschaft am Ufer des Euphrat – und natürlich von Ani, die immer darauf wartete, dass ich zurückkehrte …

Es stellte sich heraus, dass Dasda auf mich gewartet hatte … Er war nicht nur der Hüter des Feuers und des Wissens des AVESTA, der ERSTEN BOTSCHAFT, sondern auch ein Priester-Astrologe, Hüter des astronomischen und astrologischen Wissens und sehr alter Sterntabellen. Dieses uralte Wissen wurde durch priesterliche Linien weitergegeben, die auf die direkten Schüler des einzigen Propheten des ALLGUTEN SCHÖPFERS Ahura Masda, des HERRN der WEISHEIT, zurückgehen. Der Name des Propheten war Spitama Sarathusсhtra, Ascha Sartoscht, wie ihn die Parser nannten. Nach Auffassung des Dasda-Geschlechts wurde Sarathusсhtra etwa 1900 Jahre vor meiner Begegnung mit Dasda geboren.

Die Priesterfamilie von Dasda gab das uralte Wissen und die Berechnungen über die Wechselwirkung der Phänomene im Universum vom Vater an den Sohn weiter. Ein zeitloses Prinzip: Was unten ist, gleicht dem, was oben ist, und was oben ist, gleicht dem, was unten ist. Im Universum gibt es keine großen oder kleinen Dinge, die unabhängig voneinander existieren. Die Positionen der Planeten des Sonnensystems und der Sterne der Galaxie zum Zeitpunkt der Geburt eines Menschen bestimmen die Kontur seines Schicksals und seiner Charaktereigenschaften, und das Leben eines Menschen mit seiner freien Wahl zwischen Gut und Böse, die in jedem Augenblick besteht, und den daraus resultierenden Handlungen, Worten und Gedanken, hat Auswirkungen auf die Weltordnung …

Dasdas entfernter Urgroßvater ging vor sechs Jahrhunderten nach Babylon zu den Priester-Astrologen, um Wissen auszutauschen und Neues zu lernen. Babylonien war damals Teil des großen persischen Reiches. Der Prophet Dasdas wurde in die geheime Kaste der babylonischen Priester aufgenommen, die den Sternenhimmel beobachteten und die Wechselwirkungen im Universum studierten und Tabellen erstellten, in denen die Beziehungen zwischen den Phänomenen oben und unten festgehalten wurden. Er wurde in diese geschlossene Gesellschaft der chaldäischen Priester (wie sie genannt wurden) aufgenommen, als Gegenleistung für die Kenntnis des Avesta, das mündlich von Hüter zu Hüter weitergegeben wurde.

Als Ergebnis dieser Reise erweiterte die Priesterfamilie Dasdas ihr Wissen über Astronomie und Astrologie und wurde zum Besitzer Jahrtausende alter Tabellen mit Beobachtungen der Positionen der Himmelskörper in Bezug auf natürliche, historische Ereignisse und Ereignisse in menschlichen Schicksalen. Diese Tabellen waren unvorstellbar alten Ursprungs. Es ist schwer vorstellbar, aber die Quellen der Aufzeichnungen der babylonischen Priester über die Beobachtungen datieren mehrere zehn Jahrtausende zurück …

Ich kürze diese Erläuterung über die Geschichte des Hüters ab – Dasda war sowohl ein Hüter des alten Wissens über das Universum als auch ein astrologischer Wissenschaftler. Er wartete auf die Ankunft eines Fremden mit einer besonderen Botschaft am kommenden Tag, basierend auf seinen astrologischen Tabellen und einer Offenbarung im Traum am Vortag. In diesem Traum sagte der Prophet Sartoscht, der vor fast zwei Jahrtausenden das Wort des Allmächtigen empfangen hatte, zu Dazda: „Mobed, eine BOTSCHAFT über das Verheißene erwartet dich.“ Und jetzt sitzen wir uns auf einem parthischen Teppich in einem Pavillon neben dem Tempel gegenüber, es ist ein samtener Abend, und wir können nicht alles ausführlich diskutieren.

Den Berechnungen seines Großvaters zufolge, eines berühmten Weisen in Midia, eines Zeitgenossen des RABBI, deutete die Stellung der Planeten einst auf eine besondere Geburt in den Ländern zwischen Phönizien und Judäa hin. Und diese Geburt sollte 109 Jahre vor meiner Begegnung mit Dasda an einem samtig orientalischen, leicht süßlichen Abend stattfinden …

Vom Priester der Synagoge seiner Heimatstadt erfuhr Dasda von einem jüdischen Propheten-Prediger, der von den Römern in Jerusalem hingerichtet und von den Schriftgelehrten der Tora abgelehnt wurde. Einige Juden nahmen ihn als den erwarteten GESALBTEN des ALLERHÖCHSTEN an. Sein Leichnam soll aus dem Grab verschwunden sein: Einige behaupteten, der Prophet sei in einem Körper aufgestiegen (wofür es angeblich Zeugen gab), andere sagten aus, seine Jünger hätten den Leichnam heimlich an einem versteckten Ort begraben …

– „Jeder Hüter des Avesta weiß, dass vor der Wiedererstehung der vollkommenen Welt drei Erlöser, die Saoschjanta, kommen müssen. Zwei von ihnen werden die LEHRE des Avesta wiederherstellen. Der Erlöser kommt und wird kommen zum Wechsel der Sternenepochen. Das Zeitalter der Fische ist bereits angebrochen“, sagte Dazda und lächelte mit seinen klugen Augen. – „Erlaube mir, guter Bote, ich werde dich zuerst nach dem LEHRER fragen, denn ich habe lange auf jemanden gewartet, der die NEUE LEHRE kennt. Danach kannst du von mir all das erfahren, was ich weiß.“
– „Ich stimme zu, ehrwürdiger und weiser Hüter“, lächelte ich in einer sitzenden halben Verbeugung.

– „Ich habe erfahren, dass ein enger Schüler des hingerichteten Propheten, dein Meister Johannes, in seinem langen Leben die Nachricht des Propheten in den Osten, weit entfernt von Rom, nach Kilikien gebracht hatte. Ich träumte davon, ihn zu treffen. Alles nach dem WILLEN des ALLGUTEN … Ich bin ein Mobed, ein Hüter des Feuers. Das Feuer zu bewahren und zu schützen, das ist der Sinn meines Lebens. Ich wartete darauf, dass mein Sohn Hüter wird, um ihm das Feuer zu übergeben und selbst eine lange Reise anzutreten … Und so fand das schicksalhafte Treffen auf die Weise statt, wie es geschehen sollte – und nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte … Sag mir, guter Freund, in welchem Alter erhielt der Lehrer die Offenbarung und begann zu predigen?“
– „Im Alter von etwa dreißig Jahren wurde er durch den HEILIGEN GEIST erweckt und begann, das WORT des VATERS zu predigen.“

Dasda ist tiefgründig und einfühlsam. Er stellte seine Fragen so, dass mir verständlich war, warum er sie stellte. Und wenn die Erklärung nicht in der Frage enthalten war, gab er die Erklärung, nachdem er die Antwort bekommen hatte. In der Art und Weise, wie er mich nach der LEHRE fragte, machte er mich ebenfalls mit den Besonderheiten des Avesta bekannt. Außerdem kannte der Hüter des Feuers die Tora und die Propheten gut – so gut, dass er die Tora sowohl auf Griechisch als auch auf Aramäisch zitieren konnte …

Dasda nickte auf meine Antwort hin mit dem Kopf:
– „Sartoscht erhielt die OFFENBARUNG des ALLGUTEN ebenfalls im Alter von dreißig Jahren. Und er predigte das WORT des GUTEN SCHÖPFERS, bis er zweiundsiebzig Jahre alt war. Er starb im Tempel, von einem Schwert erschlagen …“

– „Ein guter Bote“, fuhr Dasda fort. – „Der HERRSCHER der WEISHEIT, der das AVESTA gegeben hat, ist der ALLGUTE. Er ist der SCHÖPFER der GUTEN Welt, die nicht vom Bösen besudelt ist. Der ALLGUTE kann nicht der Schöpfer des GEISTES des BÖSEN sein … Der GOTT Israels ist der Vergeltende und der Versuchende, er ist der Schöpfer der Welten und der Engel, unter denen sich auch Satan befindet – der Herrscher über die Dämonen. Der Schöpfer der Welten ruft durch Mose sein auserwähltes Volk auf, den Monotheismus einzuführen, und die Völker zu vernichten, die andere Götter verehren …

Wer ist der HERR, dessen WORT der GESANDTE, euer LEHRER, überbrachte?“

– „Sein WESEN ist LIEBE und LICHT. Und ER gießt sein SEGENSREICHES LICHT, den HEILIGEN GEIST, gleichermaßen über Gerechte und Sünder aus. Er führt nicht in Versuchung, die LIEBE kennt keine Versuchung. ER liebt.“- „Lass mich dich umarmen, Bote“, lächelte Dasda.Wir umarmten uns – lange – und unter Tränen. Der samtig heiße Sonnenuntergang ging in die Dämmerung über.

Die Geschichte von Euseus – Teil 2 – Kapitel 17

Die sechs Banditen teilten sich in drei Gruppen auf. Die beiden Männer in der Mitte kamen auf uns zu, die beiden anderen Paare umgingen uns seitwärts. Hinter unserem Rücken rauschte unbeirrbar der große Fluss.
– „Nun, Propheten?! Ich hätte auch sagen können: ´Friede sei mit euch´, aber in unserer Bande machen wir keine solchen Witze. Ob es Frieden gibt, hängt von euch ab. Gebt mir alles, was ihr habt: Schwerter, Silber, Kleider. Und geht wohin ihr wollt“, sagte der breitschultrige bärtige Mann leise auf Griechisch. Er war zweifelsohne der Anführer der Bande.
Ich nahm das Schwertmesser, das ich geschmiedet hatte, aus meinem Gürtel und reichte es dem Anführer. Er nickte seinem Partner zu, um die Waffe entgegenzunehmen. Ich hob meine Umhängetasche aus dem Ufersand, in der sich mein größter Schatz, die Botschaft von Johannes, befand, und gab sie auch dem Partner des Anführers. Ich dachte: „Wenn ich am Leben bleibe, werde ich es aus dem Gedächtnis wiederherstellen.“ Dann übergab ich den Umhang und zog auch meinen Chiton über dem Kopf, reichte ihn dem Banditen und sagte leise auf Aramäisch zu Awischai: „Gib alles“.

Der breitschultrige Mann nickte Awischai zu:
– „Du bist dran, Jude!“
Awischai schüttelte den Kopf, umklammerte mit der linken Hand unsicher den Sack und streckte die rechte Hand vor sich aus:
– „Allmächtiger! Ewiger und Einziger! Ich rufe Deine Streitmacht! Satans Sklaven, seid auf der Hut …“
Der Anführer erhob sein Schwert – und Awischai fiel mit dem Schwert in der Brust zu Boden, bevor er einen Fluch aussprechen konnte – er wurde ins Herz getroffen. Der Breitschultrige ließ sich Zeit, um Awischais Körper vom Schwert zu befreien.
– „Er hat nicht zu Ende gesprochen … Ein solcher Fluch ist kein Fluch“, sagte der Anführer stirnrunzelnd – Du hast alles weggegeben und wärst deinen Weg gegangen. Aber Gier … Gier, wie immer, Gier! Silber ist wertvoller als das Leben … Holt die Leiche aus dem Wasser“, wandte er sich an die beiden Banditen zu seiner Linken. – „Auf den Hügel … Vögel und Hunde werden sich darum kümmern. Zieht das Schwert heraus, wenn ihr die Leiche wegtragt.“

Dann drehte sich der breitschultrige Mann zu mir um.
– „Warum hast du alles weggegeben?“ – fragte er.
– „Du hättest es mir sowieso weggenommen“, antwortete ich.
– „Richtig“, schmunzelte er. – „Und warum hast du die Kleidung weggegeben?“
– „Du hast darum gebeten. Vielleicht brauchst du sie.“
– „Warum hast du alles ausgezogen?“
– „So wurde es mir beigebracht. Wenn man dir die Oberbekleidung wegnimmt, gib auch die Unterkleider.“
– „Was haben sie dir noch beigebracht?“
– „Wenn man dir auf die Wange schlägt, halte die andere hin.“
– „Einfach ausgedrückt!“
– „Ich muss nicht Schlag mit Schlag, Bosheit mit Bosheit beantworten.“
– „Klug“, nickte der breitschultrige Mann und zog mein Halbschwert aus der Scheide. Er untersuchte die Klinge und fuhr mit seiner großen Hand darüber. Er probierte die Schärfe an seinem Bart aus und kürzte ihn ein wenig. – „Guter Stahl!“ – Dann hielt er das Schwert an seine Nase und zog die Luft ein. – „Es hat nicht getötet,“ sagte er. „Hast du es gemacht?“
Ich nickte.
– „Ich werde dir dein Schwert nicht zurückgeben“, sagte der breitschultrige Mann.
– „In Ordnung,“ antwortete ich.
– „Nimm deine Kleidung und deine Tasche … Ich habe deine Augen gesehen, als du mir deine Tasche gegeben hast. Es geht nicht um Silber, sondern um das, was auf dem Papyrus steht … Wer ist euer Meister?“
– „Ein GESANDTER GOTTES.“
– „Welchen GOTTES?“
– „Es gibt nur einen VATER.“
Der Anführer nickte und schwieg eine Weile.
– „Ich bin kein Grieche. Ich bin Perser, wie die Griechen uns nennen. Mein Heimatland ist das Königreich Pars. Ja … Es gibt nur einen SCHÖPFER – aber zwei Wege. Ich habe nicht den Weg des Guten gewählt …“

Die Banditen machten ein Lagerfeuer. Der Breitschultrige wandte sich an seine Mannschaft:
– „Wenn die Hunde und Vögel ihr Werk getan haben und die Sonne die Überreste getrocknet hat, legt sie in ein Tongefäß und übergebt es der Erde.“
Ich ging zum Wasser, wusch mein Gesicht und betete …
– „Worum geht es in deinem Gebet?“ – fragte der Perser, als ich zum Feuer zurückkehrte.
– „Dass Awischais Weg leicht sein möge und seine guten Taten seine Verirrungen überwiegen mögen. Er war auf dem Weg des Guten und versuchte, die Gesetze seines Glaubens zu befolgen.“
– „Ich habe seinen Prozess unterbrochen … Töten ist schlecht für mein Sarma (Karma).“
– „Was ist Sarma?“ – fragte ich.
– „Die Folge des Tötens in meinem Leben, in diesem oder im nächsten Leben. Für alle … für alle Morde ist ein Preis zu zahlen. Der ermordete Prophet hat einen besseren Weg als ich. Er wird niemanden mehr töten oder betrügen. Die Liste seiner bösen Taten wird sich nicht mehr verlängern. Am Morgen des dritten Tages wird seine Seele an der Tschinwad-Brücke sein. Und Mitra wird seine guten Taten hervorheben …“
– „Glaubst du, dass es ein weiteres Leben gibt?“
– „Ich glaube, der ALLMÄCHTIGE wird mir noch eine Chance geben mich zu bessern. Noch ist nicht alles verloren, ich habe die Hölle noch nicht verdient.“
– „Warum sich nicht jetzt bessern?“
– „Du hast wieder recht, rechtschaffener Mann … Ich wollte ihn nicht töten. Ahur – ewiges Lob sei Ihm – ist Zeuge. Ich habe nicht zugelassen, dass der Prophet uns verflucht. Die Juden haben einen strengen Gott … Dieser Jude ist kein Gerechter. Wer auf dem Weg des Guten wandelt, verflucht niemanden. Ich habe keinen gerechten Mann auf die Brücke der Entscheidungen geschickt. Aber ich habe das Böse getan. Ich hätte diesen Mann nicht töten sollen … Ich hörte deine Worte zu ihm auf Aramäisch: ´Gib alles weg.´ Warum hat er es nicht gegeben? Warum brauchte der Prophet Silber? Aber ich sollte nicht wieder töten, zerstören, was ich nicht geschaffen habe. Ahriman hat mich wieder überlistet …“

Der Perser atmete tief durch und senkte den Kopf. Das Feuer zeigte sein düsteres Profil in der Dunkelheit. Er stand auf, nahm einen großen Lederbehälter für Wein, ging zum Fluss und füllte den Behälter, wobei er etwas flüsterte. Dann ging er vom Feuer weg, um sich zu waschen. Stille Worte des Gebets in einer unbekannten Sprache. Er betete lange und wiederholte das Gebet oder Mantra mehrmals.
Als der Perser zurückkehrte und seine Miene sich aufhellte, fragte ich:
– „Ist Ahriman ein Geist des Bösen?“
– „Der Herr der Dämonen, ihr Schöpfer. Der Geist der Zerstörung. Ihr Griechen nennt ihn ‚Teufel‘. Aber ´Verleumder, Betrüger´ ist zu einfach für ihn … Er ist schließlich schlauer als jeder von uns. In meinem Volk wird er Angra-Maina oder Ahriman genannt … Ich habe seinen Weg seit meiner Jugend gewählt. Du bist ein rechtschaffener Mann, deshalb spreche ich von mir. Gelobt sei der ALLMÄCHTIGE, er lässt mich nicht im Stich, er hat dich gesandt. Es gibt also noch Hoffnung …“
Der breitschultrige Mann reichte mir unerwartet mein Kurzschwert:
– „Nimm es!“
– „Nein“, schüttelte ich den Kopf. – „Es gehört dir. Es soll dich an die Hoffnung erinnern.“
– „Nimm das Silber des Propheten für deine Reise“, sagte der Perser und schob mir den Sack von Awischai zu.
– „Ich nehme kein Silber“, schüttelte ich erneut den Kopf.
Der Perser stand entschlossen auf, nahm den Sack von Awischai, ging zum Fluss und warf ihn weit vom Ufer weg. Die übrigen Räuber, die unserem Gespräch aufmerksam zuhörten, rührten sich nicht. „Vertrauen oder Angst?“ – schoss mir ein Gedanke durch den Kopf.

– „Nenn mich Pars“, stellte sich der breitschultrige Mann vor.
– „Mein Vater hat mir den Namen Euseus gegeben“, antwortete ich.
Wir haben die ganze Nacht geredet. Die übrigen Banditen hörten uns zunächst zu und nickten mit dem Kopf, dann schliefen sie ein. Mein Gespräch mit Pars wurde unter ihrem lauten Schnarchen fortgesetzt. Die Funken des Feuers lösten sich in dem mit Sternen übersäten Himmel auf. Ein großer Stern, der sich seitwärts bewegte und in seiner neuen Position erstarrte, erregt meine Aufmerksamkeit. So wie damals, als ich ein Kind war. Damals habe ich allerdings öfter in den Sternenhimmel geschaut. „Ich kann dich sehen“, antwortete ich ihm. Er bewegte sich noch einmal und verschwand …

– „Wohin gehst du, Euseus?“ – fragte Pars.
– „Ich gehe mit der BOTSCHAFT des GESANDTEN GOTTES zu deinem Volk. Ich erzähle vom WEG der LIEBE und des LICHTS, den er offenbart hat … Von den Geboten, durch deren Erfüllung der Mensch ewig leben wird.“
– „Du hast einen schlechten Zeitpunkt für eine solche Botschaft gewählt.“
– „Ich habe nicht gewählt, Pars. Der GESANDTE sagte, man solle die BOTSCHAFT des VATERS der LIEBE und des LICHTS allen Völkern bringen.“

– „Vor vier Jahren habe ich mit einer großen Truppe die Karawane von Geser überfallen, einem in Mesopotamien bekannten Händler. Ich habe ihn am Leben gelassen – soll er doch weiter für seinen Weg bezahlen. Geser ist ein Mörder wie ich, und auch ein Vergewaltiger … Solche töte ich normalerweise … Er gab uns seine jungen Sklavinnen zum Vergnügen, aber ich befahl den meinen, die Mädchen nicht zu berühren … Dieser Geser versprach mir viel Geld und Seide für den Kopf eines griechischen Predigers, schwarzhaarig, mit hellen Augen. Das warst du, nicht wahr?“
– „Ja“, antwortete ich.
– „Ich werde ihm eine Menge Geld abnehmen, viel Silber und Gold … Ich werde ihm dein Schwert zeigen und ihm sagen, dass ich dich getötet habe …“, sprach Pars langsam und wählte seine Worte.
Ich zuckte mit den Schultern:
– „Aber ich lebe noch.“
– Das wird auch für ihn gelten. Er ist ein Bastard, eine Bestie. Es ist nicht die Aufgabe eines Mannes, Frauen zu vergewaltigen … Weißt du, rechtschaffener Mann, ich wurde geboren … als Sohn des gleichen Typs von Vergewaltigern und Mördern. Aber meine Mutter liebte mich trotzdem. Und ich erinnere mich gut daran … Mir ist Weniges kostbar, aber ihre Liebe ist mir kostbar. Von da an fürchtete Mutter alle Männer. Nach diesen beiden Mistkerlen …
Die Geschichte war so. Sie wurde mit einem reichen und jungen Kaufmann verheiratet. Er nahm sie auf eine kurze Handelsreise mit. Die Karawane wurde von guten Wachen begleitet. Als Geschenk nach der Hochzeit wollte er seinen Reichtum zeigen … Aber eine erfahrene Räuberbande metzelte nachts die Wachen nieder, schüttelte alles aus dem Kaufmann heraus – auch sein Gewissen. Der Anführer der Bande vergewaltigte meine Mutter und ließ den Kaufmann am Leben … Der Kaufmann verließ seine geschändete Frau … Dann wurde ich geboren. Mit sechzehn schloss ich mich einer Bande von Karawanenräubern an. Zwei Jahre später zerschlugen wir die Karawane des Bastards, der meine Mutter im Stich gelassen hatte. Unser Anführer hat ihn am Leben gelassen – für zukünftigen Profit. Aber ich tötete den Händler, bevor ich ihm sagte, wer ich bin … und verließ die Bande. Dann habe ich meinen eigenen … Vater gepackt. Ich konnte ihn nicht töten. Er starb bei einem Kampf mit der Karawane von Geser. Man sagt, Gesers Tiger habe ihn zerrissen …“

Wir schwiegen. Die Sterne hingen noch über uns. Der Fluss rauschte oder sang auf eine einschläfernde Weise. Die Flammen des Lagerfeuers zogen unsere Aufmerksamkeit auf sich und beruhigten unsere Gedanken. Ich dachte an Awischai. Sein Leidensweg war zu Ende, er war nicht dazu bestimmt, seine Offenbarung in die Diaspora zu bringen, an die er ebenso aufrichtig glaubte, wie ich an die meine. Möge es ihm gegeben sein dort, wohin er seinem Glauben entsprechend geht … Awischai erschien mir hinter den Flammen des Feuers; er sah verwirrt aus …
– „Gerechter Mann“, unterbrach Pars meine Vision. – „Lebt deine Mutter noch?“
– „Sie ging, als ich sieben war. Sie kommt, wie sie es versprochen hat, manchmal im Traum. Ich liebe sie immer noch …“

Ich vertiefte mich nicht in Erinnerungen an meine Mutter. Das Bild von Geser tauchte in meinem Kopf auf – zusammen mit Fragen.
– „Sag mir, Pars, ist Gesers Tiger, sein Schützling, noch am Leben?“
– „Geser tötete ihn. Vielleicht ist das der Grund, warum er dich so sehr hasst. Wir haben die Karawane ausgeraubt, als der Tiger schon nicht mehr da war. Hätte die Bestie noch gelebt, hätten wir uns das schon überlegt …“
Pars blickte nachdenklich durch die Flammen des Feuers.
– „Aber ich werde Geser töten“, sagte er leise. – „Ich werde ihm eine Menge Geld für dein Leben berechnen, weil er dich töten wollte. Und dann werde ich ihn töten, in Erinnerung an meine Mutter. Er ist ein Vergewaltiger, und dazu noch ein reicher Vergewaltiger. Er ist gefährlich. Ein Diener Ahrimans weniger. Und ich werde Geser damit helfen; der ALLMÄCHTIGE wird ihm ein neues Leben schenken …“
Ich habe nichts zu Pars gesagt, weil ich nicht wusste, was ich sagen sollte. Und er hat nicht gefragt.

– „Hast du jemals Ahriman gesehen?“ – fragte ich.
– „Ich weiß nicht, ob man ihn selbst sehen kann. Er hat viele Gesichter. Ich habe seine Devas, seine Dämonen gesehen. Er kontrolliert sie. Der Meister der Schatten und der Krankheit … Und er regiert die Welt, denn es gibt viele, die seinen Weg gewählt haben – wie ich. Seine Macht ist unsere Angst … Wo es Geld und Reichtum gibt, gibt es auch Angst. Wo das Verlangen nach Reichtum ist – auch da ist die Angst. Er kontrolliert Angst und Reichtum. Ihm gehört diese Welt, ihm gehöre ich … Aber jetzt bist du hier. Gelobt sei der ALLMÄCHTIGE! Und ich höre mein Gewissen. Und ich möchte dir in irgendeiner Weise helfen. Und damit helfe ich mir selbst …
Nicht weit von hier, jenseits des Tigris, lebt ein Mobed 1) , ein Priester des Feuers, Hüter des Wissens. Er ist rein und weise; er hat die Macht des ALLMÄCHTIGEN – er weicht nicht ab vom Pfad des Guten. Er hat mir einmal sehr geholfen: Er hat mich gesund gemacht, geheilt. Morgen werde ich dich in sein Dorf bringen. Ihr werdet eine Menge zu erzählen haben.

Der Morgen brach an. Ich schlief gerade ein, als ich die Frage von Pars hörte:
– „Wovon hast du geträumt, Euseus?“
Noch im Traum antwortete ich:
– „Zusammen mit meinen Freunden und meiner Geliebten zu leben, mit gutem Gewissen, ohne Angst, in Fürsorge, ohne Eigennutz … Und viele Kinder …
Im Traum segelte ich mit Großvater auf einem Schiff mit einem großen weißen, sauberen Segel. Das Wasser war klar und tief und beherbergte alle Arten von Lebewesen: Fische von seltsamem und vertrautem Aussehen, große und kleine, einige waren nur verschwommen in der Tiefe zu erkennen. Vor uns ein unbekanntes Ufer. Ein weißer Tempel mit einem Eingang in Form eines Iwans 2) . Es gab keine Türen, man konnte sehen, dass im Tempel ein goldenes Feuer brannte. Ein großer, kräftiger Mann in weißem Gewand trat aus dem Tempel heraus. Ich fühlte ein dickes, gewundenes Anlegetau in meinen Händen. Ich werfe das Seil dem Mann in den weißen Gewändern zu, sehe seine sehr vertrauten warmen Augen. Er fängt das Seil und zieht das Schiff bis zum Iwan des Tempels. Ich sehe das Feuer in der Nähe, das ruhig auf dem Altar brennt. Ich spüre den süßen, angenehmen Geruch … Und ich wache auf.“

Auf glühenden Kohlen wurde ein Fisch gebraten. Der Tag brach an. Ich hörte die Worte eines Gebetes mit einer vertrauten Intonation …
Wir haben zu dritt gefrühstückt. Einer der Männer blieb bei Pars. Der Rest ging zum Lager – es stellte sich heraus, dass Pars nicht nur eine Bande, sondern eine kleine Armee hatte.
– „Euseus, ich werde dich auf die andere Seite bringen. Ich bringe dich in ein großes Dorf. Dort lebt ein Mobed der von den Devas gefürchtet wird. Ahur liebt ihn, so wie er dich liebt.“

Einige Stunden vor dem Mittag wanderten wir entlang des Tigris nach Süden. Wir kamen vom Ufer hinunter ins Schilf. Im Schilf lag ein Boot.
– „Ich bin ein großer Sünder“, lächelte Pars. – „Mit einem Boot auf einer heiligen Schöpfung zu segeln, ist die geringste meiner Sünden … Du kommst gerade zur rechten Zeit, rechtschaffener Mann. Ahur erscheint immer zur rechten Zeit und streckt seine Hand aus. Gepriesen sei der ALLMÄCHTIGE! Ich schwöre nicht, im Schwur ist nicht GOTT … Möge Geser der letzte sein, der durch meine Hand getötet wird. In Erinnerung an meine Mutter.“
– „Ich glaube nicht, dass sie es braucht“, wandte ich ein.
– „Du hast wieder Recht. Sie braucht es nicht. Ich brauche es!“

Wir bestiegen einen kleinen Hügel am Ostufer. In dem Tal lag ein Dorf. Pars verabschiedete sich:
– „Wenn du Hilfe brauchst, komm mit einer Laterne her. Die Wache wird dich sehen. Ich oder einer meiner Jungs werde kommen … Sag ein paar Worte zu mir, Bruder! Für den Fall, dass ich dich nicht wiedersehe.“
– „Mein LEHRER sagte einmal: ´Sucht den Schatz, der nicht vergeht, der dort ist, wo keine Motte eindringen kann, um ihn zu fressen, und wo kein Wurm ihn zerstören kann.´“
Pars umarmte mich.

Als ich auf das Dorf zuging, erschien Awischai neben mir. Er sah immer noch verwirrt aus.
– „Was nun – bin ich tot?“ – hörte ich die Frage.
– „Noch nicht ganz“, antwortete ich. – „Du siehst mich, ich sehe dich.“
– „Ich war überall, wo ich hinwollte, in der Diaspora. Niemand sah mich. Fast niemand. Ein Junge hatte Angst vor mir … Ich sah, wie Hunde meinen Körper fraßen. Aber das war mir egal … Wie geht es weiter?“
– „Ich weiß es nicht, Awischai. In dieser Gegend sagt man, dass du morgen vor der Brücke der Entscheidungen stehen wirst …“
– „Das geschieht bereits … Ich habe mein Leben gesehen und ich sehe es immer wieder … Das ist kein Vergnügen …“
– „Lebt deine Mutter noch?“ – fragte ich.
– „Ja, sie lebt in Galiläa.“
– „Ich würde jetzt zu ihr gehen.“
Awischai verschwand. Dieses Mal hat er meinen Rat befolgt.

1)  Zoroastrischer Priester. Siehe auch https://de.wikipedia.org/wiki/Mobed

2)  Frontseite eines parthischen Palastes. Siehe auch https://de.wikipedia.org/wiki/Iwan_(Architektur)

 

Die Geschichte von Euseus – Teil 2 – Kapitel 16

Erinnerungen sickern durch einen Schleier von Bildern aus den Gefühlen hindurch. Es gibt keine Gewissheit bezogen auf Zeit, Entfernungen oder Bezeichnungen. Selbst Namen tauchen nicht sofort aus den Gefühlen auf – und nicht alle.

Ich habe drei oder vier Frühlinge am Ufer des Euphrat gelebt. Aus jetziger Sicht eher vier. Es war eine fröhliche, lebendige Zeit im Kreise von Freunden. Interessant stellt sich die Erinnerung dar: Ich erinnere mich nicht an alle Namen, erinnere mich aber daran, dass Anfang Februar die Mandelbäume blühten, danach die Aprikosen und Pfirsiche, und ich kann sogar den Geruch wahrnehmen …

Im zweiten Frühling bauten wir eine neue Schmiede. Im Hochsommer roch der Ofen nach frischem Kalk und glühendem Metall. Lukas und ich haben die Hälfte des Tages in der Schmiede verbracht, und in der zweiten Hälfte, vor Sonnenuntergang, haben wir immer noch an irgendetwas gebaut. Die Schüler in unserer Werkstatt waren der schwarzhaarige Agur und der dunkelblonde Julius, der Sohn eines Armeniers und einer Griechin.

Zur gleichen Zeit wurde eine Zimmerei unter der Leitung von Nazir eröffnet. Alan wurde in die im Dorf bereits vorhandene Töpferei aufgenommen. Haran baute zusammen mit Adonia die Gerberei aus. Nathan war der Bauleiter, und mit ihm arbeiteten, wie üblich, alle Jugendlichen des Dorfes. Dreimal in der Woche, abends und bei jedem Wetter, unterrichteten Nathan und Adonia alle Männer, die mitmachen wollten, im Ringen. Alle Männer des Dorfes im Alter von vier bis fünfzig Jahren (manchmal sogar noch älter) kamen zu diesem Training. Dort lernten sie auch den Umgang mit den von Nazir gefertigten Schwertern. Bei der Schwertausbildung wurden auch Nahkampftechniken angewendet…

Wenn man lange Zeit kein Gesandter mehr ist, das Leben sesshaft wird und alle Freunde Familien haben, wo häufig schöne Kinder geboren werden, entsteht unweigerlich und häufig im Inneren der Wunsch, in der Nähe des geliebten Menschen zu sein. Tagsüber ist man mit einer Fülle von Dingen und mit Kommunizieren beschäftigt, aber wenn es Abend wird und man sich in die Waagerechte begeben hat, erfüllt einen der Gedanke an die Geliebte, und das Verlangen nach Intimität überlagert sämtliche Überlegungen.

Ich gehörte in jenen alten Zeiten nicht zu der seltenen Sorte von Männern, die ohne eine Frau leben konnten, die ohne ihre Anwesenheit auskamen. Nicht nur das, ich träumte auch von einer unmöglichen, vielleicht unvereinbaren Aufgabe: mit der Botschaft der Lehre der LIEBE um die Welt zu gehen und gleichzeitig zur Einheit von Mann und Frau zu gelangen. Ich wollte sowohl das eine, als auch das andere erreichen, aber ich musste zugeben, dass es einige Dinge gab, die ich nicht erreichen könnte, und dass ich sie während der nächsten Wiedergeburt abschließen müsste, wo ich gerne mit dem Meister und dem Großvater zusammentreffen möchte.

Hier, am Ufer des Euphrat, lernte ich, wie ich meine Abende und Nächte ohne Ani verbringen konnte. Ich fühlte mich stark zu ihr hingezogen. Außerdem spürte ich oft ihre Gedanken, und manchmal, so schien es mir, war sie ganz in der Nähe.

Gewöhnlich arbeitete mein Geist nach dem Abendgebet, bevor ich zu Bett ging, nacheinander in drei Richtungen. Ich ging meine Worte, Handlungen und Gedanken zu den Ereignissen des vergangenen Tages durch und verglich sie mit dem Verständnis dessen, was richtig war, um beim nächsten Mal in ähnlichen Situationen anders handeln zu können. Dann untersuchte ich in Gedanken die Möglichkeiten, Stähle für verschiedene Zwecke zu härten, und ich grübelte über Ideen, die mir gefielen, um sie später zu verwirklichen.

Und bevor ich einschlief, begab ich mich zu Ani: Ich rief mir unser Haus ins Gedächtnis, die Anordnung einiger Sachen, die Art, wie Ani sie gerne anordnete … Und Ani selbst, ihr Blick, ihr Lächeln, ihr Atem, ihre Zärtlichkeit … Und dann begann das Schwierigste, aber sehr Erstrebenswerte: Ich lernte, mich mit Ani zu vereinen, zu einer Einheit zu verschmelzen.

Zu Beginn dieser Übung war ich entweder überreizt oder schlief vor Müdigkeit ein. Letzteres war der bessere Weg, denn manchmal setzte ich im Schlaf fort, was ich mir beim Einschlafen ausgemalt hatte – dann kam meine Vereinigung mit Ani zu einem strahlenden, natürlichen Abschluss. Aber wenn ich überreizt war, was anfangs oft der Fall war, wusste ich nicht, was ich mit dieser geballten Kraft anfangen sollte; nachts in die Schmiede zu gehen war nicht die beste Lösung. Und ich war vom Großvater nach den alten Regeln erzogen worden – ich habe mir nicht erlaubt, den Samen der Selbstbefriedigung ausströmen zu lassen …

Aber im dritten Frühling lernte ich, mich so mit Ani zu vereinigen, dass die saftige Naturkraft wie magischer Nektar durch meinen ganzen Körper bis hinauf zu meinem Kopf strömte, und das war kein Ereignis von kurzer Dauer. Und ich hoffte, dass Ani in diesen Momenten etwas nicht weniger Wunderbares erlebte, denn die größte Befriedigung entstand daraus, dass ich ihre Freude über eine solche Begegnung spürte.

Diese Fähigkeit, die sich letztendlich in meinem Leben zeigte, hat den Wunsch, zu gegebener Zeit zu Ani zurückzukehren, an die Küste des Ägäischen Meeres, nicht gemindert, sondern vielmehr neu entfacht. Mit Beginn des vierten Frühlings sagte ich mir, dass unsere Gemeinde bereits stark genug sei, was bedeutete, dass der Auftrag meines Großvaters erfüllt war und wir über eine Reise nach Parthien nachdenken sollten. Das Reich der Parther war nicht weit entfernt, eine halbe Mondreise, wo der große Fluss Tigris seine Wasser führte.

Und nun wartete ich auf ein Zeichen, ein Ereignis, um den Weg des Boten fortzusetzen …

In meiner Geschichte über die Fülle der Empfindungen der immateriellen Verschmelzung mit Ani kann man nach der Frage suchen: War es unmöglich, im Dorf eine Frau zu finden, die mit Verständnis und Bereitschaft einen Schritt in Richtung Intimität mit mir machen würde?

Kurz gesagt … Es gab keine solche freie Frau mit gegenseitiger sinnlicher Anziehung in unserem kleinen Dorf. Vor allem aber wusste ich, dass meine Geliebte sofort die Anwesenheit einer anderen Frau in meinem Leben spüren würde, und dass dies Ani Sorgen und Schmerzen bereiten würde, obwohl sie mutig zugestimmt hatte, dass ich mit einer anderen Frau zurückkehre. Ani kann mich fühlen, sie macht sich schon genug Sorgen um mich, ohne dass eine andere Frau im Bereich meiner Gefühle auftaucht …

Vielleicht hätten all diese klugen Überlegungen erschüttert werden können, wenn tatsächlich eine Frau erschienen wäre, die meine Gefühle berührt hätte. Aber ich hatte damals Glück – das ist nicht passiert…

Spätsommer. Die Spinnweben glitzerten bereits. Die Jungen bringen einen einsamen Reisenden von der anderen Seite des Flusses herüber. Es war ein Prophet – ein Prediger aus Judäa, Awischai. Er war unterwegs mit der Botschaft vom Ende der Zeiten und dem Kommen des Messias.

Die Regel der frühen Gemeinden war, den Propheten zu empfangen, ihm Unterkunft und Nahrung zu geben, ihm Gelegenheit zu geben, seine Offenbarung vor der Gemeinde zu verkünden, aber nicht die Wahrhaftigkeit des Propheten nach dem zu beurteilen, was man von ihm gehört hatte. Der Prophet konnte einen zweiten Tag bleiben, aber die Gemeinde musste entscheiden, ob er noch einmal sprechen würde.

Wenn der Prophet auch am dritten Tag dablieb und nicht die Arbeit annahm, die ihm die Gemeinde anbot, wurde er als falscher Prophet betrachtet.

Normalerweise wurde ein Prophet aufgrund seines Wesens beurteilt. Man war der Ansicht, dass man während der zwei Tage, die man ihm als Prophet gab, solange er unter den Menschen war, sehen konnte, ob der Prophet selbst dem entsprach, was er sagte und was er forderte.

Wenn die Menschen eine Unstimmigkeit bemerkten, sollten sie ihn auf die Reise schicken, ihm etwas zu essen geben und die Nachbardörfer durch Boten informieren, dass ein falscher Prophet durch ihr Land reiste. In einer solchen Situation hatte der ehemalige Prophet immer noch die Möglichkeit, vor allen Menschen Buße zu tun und die Arbeit anzunehmen, die der Ältestenrat der Gemeinde (der Diakonenrat) ihm anbieten würde, vorausgesetzt, die Gemeindeversammlung beschloss, ihm diese Chance zu geben. Und eine solche Gelegenheit – durch Arbeit und Demut seine Glaubwürdigkeit wiederzuerlangen – wurde in der Regel gewährt …

Wir hörten Awischai im Haus des Gebets zu. Er kam aus dem von den Römern versklavten Judäa, wo jeder Versuch, den Tempel in Jerusalem, Israels Heiligtum, das dem Erdboden gleichgemacht worden war, wieder aufzubauen, bei Todesstrafe verboten war. Sein Ziel waren die Städte Mesopotamiens: Nisibin, Aschur, Ktesiphon, Seleucia, Babylon – wo es starke, wohlhabende jüdische Diasporen gab. Er verkündete das Ende der Zeiten und die Rückkehr des Messias, des Königs, der das von GOTT auserwählte Volk wieder vereinen, es aus der Sklaverei befreien und den Tempel wieder aufrichten würde. Er rief die Juden auf, Buße zu tun und sich durch vollständiges Untertauchen im Wasser reinigen zu lassen. Hundert Jahre zuvor war bereits etwas Ähnliches geschehen: Johannes (der Täufer) hatte sie zur Umkehr aufgerufen, sie im Jordan getauft und das Kommen des Propheten verkündet, der alle Propheten überragt. Johannes verkündete nicht nur, sondern hatte auch den Mut, die Juden auf den GESALBTEN hinzuweisen. Und bald verlor er sowohl seinen Kopf als auch seinen Titel als Prophet…

Als Awischai seine Rede beendet hatte, lobte Lukas den ALLMÄCHTIGEN und dankte dem Gast für das, was er gesagt hatte. Er sagte ihm kurz, dass wir diejenigen sind, die bereits auf den GESALBTEN gewartet haben. Er lud Awischai ein, an den morgendlichen Waschungen im Fluss teilzunehmen, denen eine Buße vor dem Vater vorausging.

Awischai wurde vom Rat der Diakone eingeladen, sich nach der langen Reise auszuruhen und nach Belieben am Leben der Gemeinschaft teilzunehmen und seine Reise nach drei Tagen fortzusetzen. Awischai nahm das Angebot dankend an und bat um die Möglichkeit, zum Wohle der Gemeinschaft zu arbeiten.

Avishais Erscheinen war für mich ein Zeichen, dass es an der Zeit war. Ich beschloss, mit ihm nach Parthien zu gehen; dann bräuchte ich keinen meiner Freunde als Reisebegleiter mitzunehmen; sie wurden hier in unserer jungen Gemeinschaft sehr gebraucht. Agur und Julius wollten mit mir gehen, aber ich sagte ihnen entschieden ab – Sollen sie in der Nähe ihrer Freunde und Verwandten aufwachsen, ihre Stunde wird kommen …

Wir brachen am frühen Morgen auf – nach den Waschungen und Gebeten. Es dauerte nicht lange, bis wir uns für unsere Reise bereitgemacht hatten. Ein Chiton-Gewand, weite Hosen mit tiefem Schritt, ein Mantel aus grobem Leinen, von Haran genähte Sandalen, eine Umhängetasche mit Schriften und Wegzehrung.

Ich wanderte ohne Silbermünzen, wie es sich für einen Apostel gehört. Awischai hatte Silbermünzen in Denaren bei sich, mit denen er von der Diaspora in Antiochien in Syrien versorgt worden war.

Die ganze Gemeinde hat sich von mir verabschiedet. Vertraute Blicke treuer Freunde. Niemand hat mich zum Bleiben überredet, jeder wusste, dass ich gehen musste. Und sie wussten, dass ich zurückkehren wollte.

Wir gingen in südöstliche Richtung, vermutlich nicht weniger als zwei Wochen. Wir wollten das Tigrisufer zwischen Nisibin und Aschur erreichen, wo sich unsere Wege trennen würden. Awischai wollte weiter südlich am Tigris entlang nach Aschur gehen. Ich wollte des Tigris zum Ostufer überqueren und in die nächstgelegene parthische Stadt gehen.

Es ist nicht beschwerlich, durch Mesopotamien zu gehen: Es gibt Wasser und Früchte. Es gibt auch süße Wurzeln, deren Namen ich mir nicht gemerkt habe. Das Schilf hat einen schmackhaften, saftigen unteren Teil. Wenn man es nicht eilig hat, kann man auch Fisch auf dem Feuer zubereiten. Wenn man keine Zeit hat, reichen auch Grashüpfer.

Unsere Unterhaltungen liefen nicht gut. Ich schlug Awischai vor, unsere unterschiedlichen Weltanschauungen zum Ausdruck zu bringen, ohne uns gegenseitig etwas beweisen zu müssen. Einer von uns hielt sich an diese Vereinbarung, so dass Awischai niemanden hatte, mit dem er sich streiten konnte. Natürlich versuchte er immer wieder, mir seine Offenbarung zu vermitteln. In solchen Momenten hörte ich auf, ihm zuzuhören, lächelte zurück und vertiefte mich einfach in die Erinnerungen an meine Freunde unter den Menschen und unter den Hütern.

Manchmal wiederholte ich Awischai gegenüber den einen oder anderen Gedanken: „Nur die Zeit kann unsere Sicht auf die Welt und unsere Überlegungen zusammenführen. Ich glaube von ganzem Herzen, dass Jeschua der GESANDTE des VATERS ist, dass ER den Weg der LIEBE gebracht hat, dessen Erfüllung uns aus der Knechtschaft des Satans befreien wird.“

Awischais Fazit lautete kurz gesagt: „Jeschua ist ein gerechter Mann und ein Prediger, der vom ALLERHÖCHSTEN dafür bestraft wurde, dass er seine eigene Last nicht getragen hat. Er kann nicht der MESSIAS, der GESALBTE des ALLERHÖCHSTEN, sein, weil er kein König aus dem Geschlecht Davids ist, das auserwählte Volk nicht aus der Knechtschaft Roms gerettet, Israel nicht wiedervereinigt und das HEILIGTUM nicht wiederhergestellt hat.“

Eines Tages, als Awischai mir wieder einmal von seinen Offenbarungen erzählte und ich mich an meine Kommunikation mit der wahrhaften Göttin Heva erinnerte, geschah es, dass Heva nicht aus meiner Erinnerung verschwand, sondern zu mir sagte: „Sei morgen vorsichtig. Werde dir nicht untreu. Greife nicht zum Schwert.“

Den ganzen nächsten Tag war ich sehr achtsam während der Reise; wir haben sogar ein kleines Dorf umgangen …

Allmählich wurde es Abend. Endlich erreichten wir den großen Tigris. Wir beschlossen, uns zu waschen und Gebete zu sprechen. Ich schaute mich um – es war niemand in Sichtweite. Wir kamen von einer kleinen Klippe hinunter zum Fluss. Ein Vogel flog aus dem Schilf. Als er über uns hinwegflog, schrie er etwas … Wir beteten, jeder von uns ging in eine andere Richtung. Ich wusch mich im Fluss und drehte mich um. Sechs bärtige, in Felle gekleidete Männer standen auf der Klippe. Woher waren sie gekommen? „Karawanenräuber“, schoss es mir durch den Kopf.

Die Geschichte von Euseus – Teil 2 – Kapitel 15

Unterwegs dachte ich über die Ereignisse nach, die sich in der Karawane ereignet hatten, und natürlich über das Verhalten des Tigers. Ich konnte mich kaum geirrt haben – in ihm steckte ein Mensch. Oder besser gesagt, nicht der Mensch selbst, oder nicht der ganze Mensch, sondern ein Teil von ihm, sein Wille. Und wo war der Mensch selbst? In der Karawane? Wer war er? Warum hatte er uns plötzlich geholfen? Die Frage „Warum hat er geholfen?“ war jedoch nicht die wichtigste Frage. Wie hat er das gemacht? Und ist ein Mensch zu so etwas fähig? Könnte es ein Engel gewesen sein? Hat Gott einen Engel geschickt, um uns zu helfen? Alles ist möglich. Aber ich habe noch nie einen Engel gesehen. Es wäre also falsch, so etwas zu behaupten …
Der Fremde mit den durchdringenden Augen, der mich einst in einer Vision vor einer Gefahr warnte und mich zur Gemeinde Sacharias führte? Ja, er war etwas Besonderes. Aber der Blick, der in dem Tiger lauerte, war anders. Sogar der Schnitt der Augen, so schien es mir, war orientalisch.
Und außerdem. Es gibt, wie ich gelernt habe, verschiedenartige Dämonen. Einige haben die Eigenart eines Tieres. Und ein Mensch kann mittels seines Willen und seiner reinen Kraft einen solchen Dämon beherrschen. Nehmen wir außerdem an, dass man die Bestie kontrollieren kann, ohne in ihrer Nähe zu sein. Aber dann müsste man sich zweiteilen können oder so ähnlich. Wie ist das möglich?
Und was geschieht mit dem Tiger, wenn er von unserem unbekannten Retter verlassen wird? Wird Geser ihn verschonen? Schließlich vertraute der Händler nur der Bestie, seinem Haustier. Und dann geschah etwas mit dem Tier: Es verriet seinen Herrn, hätte ihn fast sogar zerfleischt. Es ist unwahrscheinlich, dass Geser erkennen könnte, dass derjenige, der in dem Tiger saß, nicht die Absicht hatte, ihn zu töten. Werde ich jemals herausfinden, wie diese Geschichte endete …?

Wie unterschiedlich wir Menschen doch sind! Einige von uns haben Vergnügen und Freude daran, zu nehmen – unentwegt zu nehmen, Reichtum, Frauen, was immer sie wollen. Und Andere haben Freude am Geben. Auch wenn es nicht leicht ist, die Frau, die man liebt, wegzugeben … Warum sie weggeben, wenn sie dich liebt und mit dir zusammen sein will?
Ja … Je mehr du deinen Wünschen nachgibst, desto mehr Schwierigkeiten erschaffst du dir selbst. Die indischen Mönche, von denen der Kaufmann sprach, haben in mancher Hinsicht Recht: Sie haben beschlossen, ihre Wünsche aufzugeben, um den Schmerz und das Unglück dieses Lebens nicht zu spüren. Sie weigerten sich sogar, ihr Geschlecht fortzuführen. Was wird mit den Straßenjungen, die immer wieder neu geboren werden wollen, unabhängig von ihrer Kaste, wenn alle Menschen beschlössen, ihre Wünsche aufzugeben und zu Gott zurückzukehren? Woher kämen dann die neuen Körper? Ist es vielleicht so, dass die Mönche aus Angst vor Leiden denen, die davon träumen, kein Leben schenken wollen? Obwohl, sie denken vielleicht, dass jemand, der nicht geboren wird, auch nicht leidet … Solche Überlegungen stehen im Widerspruch zur Lehre RABBIS: Für das REICH GOTTES auf Erden müssen Männer und Frauen eins werden. Aber wir sind noch weit vom REICH GOTTES entfernt …

Agur ging neben mir, auch er war nachdenklich.
– „Bruder Agur, welche Schlussfolgerungen ziehst du aus diesem Abenteuer?“ – fragte ich.
– „Töte nicht den, der dich töten wollte. Man muss lernen, sich selbst zu kontrollieren. Dann wirst du männlich … und nicht bösartig. Ich will nicht so bösartig sein wie Geser. Solche wie Geser haben keine Freunde. Ich brauche kein Geld, ich brauche Freunde und ein reines Gewissen … Meister, du hast Alan zugerufen: „Verunreinige dich nicht!“ Ich verstehe dich. Ich will mich nicht mit dem Bösen verunreinigen.“
– „Sehr gut, Agur! Ich weiß nicht, ob ich in deinem Alter jemals über so etwas nachgedacht habe.“ Ich legte Agur den Arm um die Schultern.
– „Ich habe eine Frage, Meister.“
Ich nickte zustimmend.
– „Gestern, und nicht nur gestern, habe ich gesehen, wie du das Schlechteste vom Essen genommen und das Beste mir, Asana, Alan und den anderen überlassen hast. Ich werde versuchen, dasselbe zu tun. Das hat mir gefallen. Es stärkt die Willenskraft. Hat dich das jemand gelehrt?“
– „Ja, Agur, das hat mich Johannes gelehrt, und RABBI hat es ihn gelehrt“, sagte ich. Und nach kurzem Nachdenken fügte ich hinzu: „Hier ist eine weitere Aufgabe für dich: Versuche, dich in Gedanken nicht an Geser zu rächen, ihm nicht böse zu sein. Wenn du wütend bist, bete kurz, erinnere dich an die ersten Zeilen des Gebets. Lerne, Agur, einen Menschen nicht nur durch eine Handlung oder ein Wort nicht zu beleidigen, sondern auch nicht durch das, was hier drin ist!“ – Ich zeigte mit einem Finger auf meinen Kopf. – „Schlägt jemand auf die eine Wange, halte die andere hin. Erinnerst du dich? Denke in Ruhe, ohne Zorn, selbst wenn der Händler daran gedacht hat, uns zu töten – aber er hat doch nicht getötet! Wahrscheinlich suchte er durch sein Feilschen nur die Liebe Asanas zu gewinnen. Asana ist ein wunderschönes Mädchen! Sieh es mal so. Die Wahrheit werden wir sowieso nicht erfahren. Aber es ist besser, so zu denken …

In der Mitte des zweiten Tages erreichten wir den Euphrat an einer Stelle, an der unsere Vorhut bereits gewesen war. Auf der anderen Seite des Flusses lag ein kleines Dorf mit etwa dreißig Häusern. Einige Jungen, die am Ufer warteten, bemerkten uns. Nathan winkte ihnen zu, und sie grüßten ebenfalls.
Im Schilf war ein Boot versteckt. Die Jungen schoben es zu dritt hinaus und einer von ihnen, ein älterer, sprang hinein und machte das Ruder bereit. In fünf schnellen Fahrten brachte Julius – so hieß der Bootsmann – uns alle auf die andere Seite.

Dieses Dorf wurde unser Zuhause. Es war an der Zeit, Halt zu machen und Großvaters Traum zu verwirklichen. Alles war so, wie er es sich gewünscht hatte: ein großer Fluss, Freunde, einige sogar mit Frauen, die untereinander befreundet waren und von einem eigenen Haus träumten.
Wie sich herausstellte, trugen Salameja und Junia bereits neues Leben in sich. Das Schicksal hatte uns einen fruchtbaren Winkel an einer malerischen Flussbiegung beschert.
In dem Dorf lebten etwa achtzig Menschen: Phrygier, Griechen, Syrer, Armenier, Parsen, Midianer und Chaldäer. Sie lebten abseits der Handelswege, einfach und ärmlich, und folglich in gegenseitiger Unterstützung. Und ohne Sklaven. Woher sollten die Sklaven auch kommen, wenn die Dorfbewohner kein Geld hatten, um sie zu kaufen, vor allem, wenn der nächste Sklavenmarkt zehn Tage entfernt war? Hier halfen sie sich gegenseitig im Austausch für ein gutes Wort und Essen. Diejenigen, denen es nicht gefiel, blieben nicht im Dorf, sondern zogen weiter, um ihre Wünsche zu befriedigen – und um weise zu werden.

Am Abend nach meiner Ankunft erzählte ich den Dorfbewohnern, wie unsere Gruppe zustande gekommen war, und stellte alle vor. Ich erzählte ihnen vom ERSCHEINEN des GESANDTEN im Land Israel, davon, wie der LEHRER Wunder tat, Dämonen austrieb und sogar Tote auferweckte; dass die Jünger IHN nach seiner Hinrichtung lebendig sahen, mit ihm kommunizierten und ER versprach, zur ZEIT DES GERICHTS wiederzukommen.
Das Dorf hatte seinen eigenen „Zeugen“ für das, was ich ihnen erzählt habe. Er hatte in Ktesiphones, auf dem Markt der Karawanen, von JESUS, dem SOHN GOTTES, gehört, der von den Toten auferstanden war, seine Henker mit himmlischen Blitzen bestraft hatte und in einem Körper zu den Wolken aufgestiegen war, wo Zeus auf ihn wartete. Dieses „Zeugnis“ machte einen starken Eindruck auf die Dorfbewohner.

Die Krönung aber war ein wahres Wunder, dass das Vertrauen der Einheimischen uns gegenüber stärkte. Im Dorf gab es nur einen Schmied, einen älteren Mann, der, wie sich herausstellte, von einem griesgrämigen Dämon besessen war. In den letzten Jahren war es schwierig geworden, sich mit dem alten Mann über die Schmiedearbeit zu einigen. Der Schmied wurde reizbar, murrte als Antwort auf Anfragen von Dorfbewohnern und war oft krank. „Unser Schmied ist alt geworden“, schlussfolgerten die Leute.
Am ersten Abend unseres Treffens mit den Einheimischen zeigte sich der Dämon. Und das richtig! Der Schmied wurde durch die unerwartete Begegnung mit der KRAFT sofort erschüttert, und der Dämon begann, Unsinn zu reden. Wir haben uns schnell um ihn gekümmert. Wir riefen Lukas und brachten den Schmied in den Gebetskreis. Dem Dämon ging es natürlich nicht gut. Er heulte auf und begann sogleich, wie jeder junge Dämon, zu drohen und zu fluchen. Ältere, erfahrenere Dämonen fangen in der Regel an zu feilschen und bieten Vorschläge zur Zusammenarbeit an, d. h. sie versuchen, die Aufmerksamkeit derjenigen zu zerstreuen, die sie austreiben wollen. Sie fluchen und drohen hinterher, wenn sie schon begriffen haben, dass ihre List nicht gewirkt hat und sie ihr Domizil verlassen müssen.
Natürlich war ich innerlich froh, dass der alte Mann kein seltener tausendjähriger Dämon war, der dunkle Kraft für eine unbekannte Welt sammeln wollte. Obwohl, ein solcher Sammler-Dämonen hätte in diesem Mann oder in diesem Dorf nichts zu suchen.
Also sprang der junge Dämon, der für uns bestimmt war, sofort aus dem Schmied heraus. Es gelang mir, den Unreinen in einem goldenen Kreuz zu fangen, so dass er nicht zurückkehren konnte. Der Geruch von verbrannter Wolle wehte über die Felder …
Dieser Vorfall überzeugte die Dorfbewohner sofort davon, dass eine göttliche Kraft in uns steckt. Ein Wunder ist ein Wunder, es wirkt überzeugend, aber es hält nicht ewig an – es bedarf der Bestätigung. Zufriedene Dorfbewohner boten uns an, zwei leerstehende Häuser zu übernehmen und versprachen, uns beim Bau neuer Häuser zu helfen.
Mit diesen beiden Häusern begann die Gemeinschaft, die wir die Johannes-Gemeinde nannten.

Der glückliche alte Schmied, der fortan den Spitznamen ´Nicht-Meckerer´ trug, stellte uns eine baufällige Schmiede und die Eisenvorräte zur Verfügung, die er während seiner mürrischen Zeit angesammelt hatte. Er wies auch auf die nächstgelegenen Orte hin, an denen gute Erze zu finden waren.
Es war ein heißer Frühling. Wir haben uns sofort daran gemacht, zwei Lehmhäuser zu bauen. Stein wurde hier nur selten verbaut, da der Steinbruch weit entfernt war.
Ein Dutzend einheimischer Männer und Dorfjungen kamen sofort zu Hilfe. Bald baten diese Männer, die fast alle Familienväter waren, um Aufnahme in unsere Gemeinschaft. Wir haben keine Probezeit festgelegt, sondern beschlossen, dass die Wassertaufe der Eintritt in die Gemeinde sein sollte. Vor dem Sakrament der Taufe musste man drei Tage lang fasten, die Evangelien lesen und das Gebet lernen. Lukas las den Menschen die Evangelien vor, mit Erklärungen und Unterbrechungen. Er half ihnen auch dabei, das Gebet zu lernen – nur wenige konnten im Dorf lesen.

Mit dem Bau eines Gebetshauses wurde etwa zur gleichen Zeit begonnen wie mit dem Bau der Wohnungen, denn man brauchte einen Raum, um die SCHRIFTEN zu lesen und zu besprechen, und für Gebete, Versammlungen und gemeinsame Mahlzeiten mit dem Brechen des Brotes und der Kommunion.
Die Männer begannen ihren Tag in der Regel so: Frühmorgens wuschen sie sich unter Danksagung an Gott und die irdischen Mächte im Fluss (die Frauen wuschen sich hinter dem Fluss), beteten und begannen mit dem Bau des Tempels; sie machten eine Frühstückspause – die Frauen brachten das Essen – und arbeiteten bis zur Mittagszeit weiter am Bau des Tempels. Nach der Mittagsmahlzeit wurde bis zum Einbruch der Dunkelheit an zwei Wohnhäusern gebaut. Einen Monat später war ein drittes Haus im Bau: Die Jugendlichen, angeführt von Agur, entwickelten sich zu einer wirkungsvollen Kraft.
Ein Platz für den Tempel wurde auf einem niedrigen, flachen Hügel am Fluss ausgewählt, dort, wo sich die Pferde gerne auf dem saftigen Gras ausruhten. Hier war eine unsichtbare Säule der Kraft zu erkennen, die aus dem Boden kam.

Olivia machte mich mit einer Hüterin dieser Orte bekannt, vielleicht war sie auch die Hüterin des Flusses. Ihr Name war Heva. Sie war von leuchtender, weiblicher Gestalt, nicht mädchenhaft, eben weiblich, reif, alles an ihr strahlte edle Stärke aus: ihre Augen, die Form ihrer Augenbrauen, ihr Lächeln, ihre Brüste, ihre Hüften, ihr dichtes, lockiges, dunkelbraunes Haar. Heva war freundlich und streng, fröhlich und ernst und in besonderer Weise offenherzig. Das brachte eine bedingungslose Offenheit mit sich auch seitens derer, die mit ihr kommunizierten. Die aufmerksame Hüterin las meine Gedanken, kaum dass sie in mir aufkamen.
– „Ich grüße dich, Freund der Hüter. Ich freue mich, dass du hier bist. Dies ist ein reiner Ort, mit viel guter Energie – keine Kriegsroute. An solchen Orten sollte man verschenken, und nicht für sich selbst horten. Andernfalls wird der Lauf der Kraft dich zwingen, von hier wegzugehen. Oder es kommt eine Krankheit … Viele von denen, die euch hier begegnet sind, werden sich euch anschließen können. Dieses Land hat sie gelehrt, rein zu sein, und ihr habt ihnen einen Sinngehalt mitgebracht.“
– „Friede deinem Heim, Heva! Vielen Dank, dass du uns dein Land geöffnet hast. Du bist eine Hüterin von außergewöhnlicher Kraft, die aus deinem Blick strömt. Du siehst jede Bewegung meiner Gedanken, du umhüllst mich mit deiner Aufmerksamkeit. Ich muss nicht mit dir reden oder auch nur denken“, sagte ich mit einem aufrichtigen, offenen Lächeln. – Ich begrüße dich einfach von ganzem Herzen.“
– „Ich bin eine alte Göttin, sehr alt“, lächelte Heva. – „Ich weiß, wie man Aufmerksamkeit erregt. Ich benötige keine Opfergaben. Ich kenne die Menschen schon sehr lange … Es gibt nur wenige solcher Orte auf der Erde, die Heimat der ersten Hüter. Diese Flüsse fließen hier seit Urzeiten, die Menschen leben hier seit Urzeiten. Als ich kam, gab es noch Menschen mit Wissen – Restwissen. Und ihr Leben dauerte sehr lange. Dann blieben nur noch die übrig, die jetzt da sind: halbblind, unausgeglichen, mit starken widersprüchlichen Emotionen. Die Halbblinden brauchen das alte Wissen nicht – sie würden es nicht sehen. Und selbst ihre Priester haben wenig Wissen – auch sie sind halbblind …
Du und deine Männer werden hier gebraucht, Freund der Hüter. Für das Gleichgewicht der Kräfte. Auch wenn es unerreichbar ist. Ich werde euch immer zu Diensten sein. Meine MUTTER braucht das. Von euch benötige ich nichts von dem, was die Menschen sich gewöhnlich gegenseitig schenken, und was für sie wertvoll ist. Eure Reinheit ist genug. Und Dankbarkeit gegenüber dem Leben für das, was euch gegeben wurde …“
Heva schwieg und schaute durch mich hindurch, dann fuhr sie mit einem Lächeln fort:
– „Unsere Kommunikation wird jetzt von einer einheimischen Frau, einer Phrygierin, beobachtet. Ich habe es geschehen lassen – zu Gunsten eurer Sache. Bei Sonnenuntergang wird jedes Haus wissen, dass ihr mit der großen Göttin kommuniziert habt. Das bedeutet, du bist ein mächtiger Priester, weil die Götter selbst zu dir kommen …“
Nach diesem Ereignis beteiligte sich das ganze Dorf an der Errichtung des Gotteshauses. Und der Bau unserer Häuser verlief in fröhlicher Atmosphäre.

Im Herbst trugen alle Frauen neues Leben in sich, auch Asana. Alan und Asana wurden schließlich eine Familie. Das war Anlass für ein großes Fest, das mit dem Beginn der Ernte zusammenfiel. Und bei Junia und Salameja konnte man schon sehen, dass bald die ersten Kinder in unserer Johannes-Gemeinde geboren werden.

Das Gebetshaus und die Häuser für unsere Familien waren für den Winter vorbereitet. Der Winter heißt hier nur so; er währt nur eine kurze Zeit, in der sich die Mütter ausruhen.
Es gab auch ein Haus für Agur und mich. Wir lebten nun zusammen. Agur bat um die Erlaubnis, mich seinen Vater nennen zu dürfen, er wollte Gehorsam und vertraute mir voll und ganz. Das war der WILLE des HÖCHSTEN. Damals konnte niemand von uns daran denken, sich dagegen zu wehren.

Der Ort, an dem wir uns niederließen, war wunderschön. Er war in jeder Hinsicht ein so fruchtbarer Ort, wie ich es weder vorher noch nachher gesehen habe. Viel Sonnenschein, viel Feuchtigkeit, reiche Böden, ein großer Fluss mit köstlichem Wasser, und die schützende Anwesenheit von Heva … Und auch farbenfrohe Ansichten, wenn die untergehende Sonne die fernen Berge im Osten und Norden beleuchtete. Hier gab es keine Notwendigkeit, Tieren das Leben zu nehmen, um sie später zu verspeisen. Der Fluss gab so viel Fisch, wie benötigt wurde.
Ein Meer von saftigem Gras, von dem die Tiere satt wurden, gab süße Milch; Ziegen, Kälber und Fohlen konnten so viel nicht trinken; für Kinder und Erwachsene blieb noch genug übrig. Die Milch wurde erwärmt, vergoren, Butter und Weichkäse wurden hergestellt.
Und was für Trauben es dort gab! Welch kräftiger, süß-säuerlicher Wein aus Sonne und wohlschmeckendem Wasser!
Es gab alles, was in dieser Zeit als lebensnotwendig erachtet wurde. Nur Ani fehlte. Aber das war unser Schicksal. Wir hatten unsere eigene Art von Glück gewählt …

 

Die Geschichte von Euseus – Teil 2 – Kapitel 14

Wir gingen in Richtung Osten und folgten den Markierungen des Vorauskommandos von Nathan, Nasir und Haran. Am Abend des zweiten Tages sahen wir in der Ferne eine Karawane, die in gemächlichem Tempo nach Nordwesten zog. Wir hielten kurz an und beschlossen, die Karawane vorbeiziehen zu lassen. Es war keine große Karawane: etwa vierzig Kamele und Maultiere, die mit großen Ballen beladen waren, und fünf bis sechs Reiter zu Pferd … Kurze Zeit später hielt die Karawane an, um ihr Nachtlager aufzuschlagen. Drei Reiter lösten sich von der Karawane und kamen auf uns zu. Ich dachte: „Wenn wir keine Frauen bei uns hätten, hätten wir kein Interesse geweckt.“
Die Reiter stiegen ab, und einer von ihnen verbeugte sich respektvoll. Es waren der Anführer der Karawane und zwei seiner Diener. Der schwarzhaarige und schwarzbärtige Händler mit einem unbeirrbaren Blick und tiefliegenden Augen war etwa so alt wie ich. Stämmige Figur, wendig, mit einem leichten ständigen Lächeln. Er trug ein karmesinrotes Seidenhemd, das ihm bis zu den Knien reichte, und eine Hose in derselben Farbe. Auf dem Kopf trug er ein weißes Seidentuch mit Fransen, das nach der Tradition dieser Gegend gebunden war. Der Anführer stellte sich vor. Sein Name war Geser, und er führte diese Karawane von Ktesiphon1, der Hauptstadt des Partherreiches, nach Antiochia, der Hauptstadt Syriens – eine etwa dreiwöchige, gemächliche Reise. Während er dies sagte, schaute er mit gleichbleibendem Lächeln über unsere Gruppe, richtete seinen Blick auf Asana, identifizierte mich als Leiter und lud uns zum Abendessen ein:
– „Weiser Wanderer, Friede sei mit dir und deinen Freunden! Unsere Wege haben sich nach dem WILLEN des ALLERHÖCHSTEN gekreuzt, gelobt sei ER. Es gibt viele Frauen unter euch, ihr braucht Ruhe. Seid meine Gäste. Guter Wein, seltene Süßigkeiten, interessante Gespräche – ich habe euch viel zu erzählen und, wie ich sehe, auch viel zu hören. Ein Abendessen und Erholung warten auf euch“, verneigte sich der Händler. Wir nahmen die Einladung an. Es war nicht möglich, die Karawane einfach vorbeiziehen zu lassen. „Es muss für irgendetwas gut sein“, dachte ich.

Das geräumiges Zelt bestand aus gut gefertigten hellen Fellen. Im Inneren wurde statt eines Tisches ein bunter Teppich ausgerollt. Rechts am Kopfende des Teppichtisches saß der Anführer der Karawane, Geser, zu seiner Rechten ein großer junger Tiger, ein Zögling und Freund von Geser, der ihm aus Indien als kleiner Tiger mitgebracht worden war; der Tiger fraß nur aus der Hand des Händlers. Weiter rechts von ihm standen zwei Wachen und zwei junge Händler, Teilhaber der Karawane.
Es war offensichtlich, dass zwischen dem Tiger und dem Gastgeber eine besondere Beziehung herrschte: Das Tier würde niemals zulassen, dass jemand Geser etwas antut, nicht einmal, dass er ihn schief anschaut.
Essen und Wein wurden von zwei jungen Sklavinnen ohne Kopfbedeckung gebracht, die in Haremshosen und Hemdkleidern von beispiellosem Schnitt gekleidet waren, der die Figur betonte.

In der Karawane gab es sonst keine Frauen, nur Männer: Treiber, Ladearbeiter, Teilhaber und Diener, Wächter in leichten Lederrüstungen.
Am Teppichtisch wurde unsere Gruppe links vom Gastgeber platziert. Die Reihe begann mit Agur, der neben mir saß, dann folgten Asana, Alan, Junia, Iski, Harans Frau, Maria, Nathans Frau, Salameja und Lukas, Johanna und Adonia.
Der Wein war süßer und kräftiger als gewöhnlich, und er war nicht mit Wasser verdünnt. Die Frauen und Agur haben den Wein nicht getrunken. Agur, ein aufmerksamer und agiler Bursche, sah mich gleich fragend an.
– „Nicht“, sagte ich, und er rührte die Schale mit Wein vor sich nicht an.
Das Essen war köstlich, vor allem nach den mageren Mahlzeiten unserer Reise: in Salzlake eingelegter Schafskäse, Hirsebrei, getrocknetes Fleisch, das zu einem warmen Gericht verarbeitet wurde, getrocknete Pfirsiche, Aprikosen, Sultaninen, verschiedene Nüsse, die zu einem Honig-Milch-Sorbet verarbeitet wurden …

Das Gespräch war interessant. Geser war auf den Karawanenstraßen aufgewachsen, sein Vater war ein Großhändler in Babylon, ein Chaldäer, wie die Juden das Volk nannten, und seine Mutter eine Jüdin aus der babylonischen Diaspora. Die Heimat von Geser war Ktesiphon, die Hauptstadt von Parthien, am linken Ufer des Tigris gelegen.
Das alte Babylon lag nicht weit entfernt am linken Ufer des Euphrat. Diese beiden großen Flüsse, die Wiege der antiken Zivilisation, lagen sehr nahe beieinander. Eine Wochenreise weiter, und sie würden zu einer gemeinsamen Mündung verschmelzen.
Geser hatte drei Frauen in verschiedenen Häusern, fünf Kinder und Konkubinen. Er galt als reicher Mann. Sein Vater hinterließ ihm ein großes Vermögen, das Geser durch den Karawanenhandel beträchtlich vermehrte. Aus dem fernen Han-Reich brachte er Seide, Porzellan, Bronzespiegel, einzigartiges chinesisches Papier und Medikamente mit. All das war im Römischen Reich sehr gefragt, sowohl im Osten als auch im Westen. Damals war ein Maß Seide drei Maße Gold wert …

Geser erzählte von seiner letzten großen Handelsreise nach Nordindien und in den südlichen Teil des Han-Reiches (China). Die Karawane bestand aus vielen Händlern, etwa tausend Kamelen und Maultieren. In das Han-Reich lieferte die Karawane parthische Teppiche, militärische Ausrüstung, Gold- und Silberwaren, Glas aus Samarkand, Weinreben, asiatische Rennpferde, Kamele und kurdische Schafböcke.
In Indien, wo Geser gewöhnlich Edelsteine, Gewürze und Stoffe kaufte oder tauschte, sah er Menschen, die sich tagelang mit ausgestreckten Armen um sich selbst drehen konnten. Einer von ihnen erklärte Geser, der durch den Handel mehrere Sprachen beherrschte, dass er sich durch das Kreisen von der Welt löse und mit dem Schöpfer verschmelze.
– „Er sagte mir, wenn man sich so dreht, braucht man weder Reichtum noch Frauen“, lachte Geser. – „Und dann habe ich beschlossen, dass ich das auf keinen Fall machen werde, um nicht das Kostbarste im Leben zu verlieren …
Aber es gibt nur wenige Weise in Indien, die das Um-sich-selbst-kreisen den Wangen schöner Frauen vorziehen. Auch dort lieben sie das Leben und haben keine Angst vor dem Leben. Ein Junge aus der unteren Kaste vermag zu lächeln und sich zu freuen. Und er wird dir sagen, dass er unsterblich ist und wiedergeboren wird. Und wenn er sich jetzt gut benimmt und versucht, nichts zu stehlen, wird er beim nächsten Mal in eine höhere Kaste hineingeboren; und wenn er das Stehlen nicht lassen kann, dann kehrt er in seine Kaste zurück, wo er auch gut leben kann. Das ist die Art von Glauben, die ich mag! So viele Häuser kannst du bauen und so viele Frauen kannst du glücklich machen!“

Geser grinste, vom Wein erhitzt, und mit jedem Becher, den er trank, sah er Asana immer wieder an. Er fuhr mit seiner Geschichte fort:
– „Auf meiner letzten Wanderung traf ich einen Hindu, der in einer Berggemeinde lebte. Es gibt dort keine Frauen. Sie kennen keine Frauen und wollen sie auch nicht kennen. Ihr Geschlecht wird nicht fortbestehen, da sie keinen Kindern das Leben schenken. Der Sinn ihres Lebens besteht nach meinem Verständnis darin, keine Wünsche zu haben. Das ist ein seltsamer Glaube. Warum leben sie? Die Straßenjungen sind glücklich, denn sie werden immer wiedergeboren. Dieser Mönch will glücklich darüber sein, dass er niemals wiedergeboren wird … Er hat mir auch von seinem Lehrer erzählt, den sie Buddha nennen. Er hat, wie dieser Mönch sagte, das erreicht, wonach sie streben, dass er niemals wiedergeboren wird: Buddha ist mit dem Schöpfer verschmolzen.“
– „An welchen Gott glauben sie? – fragte Lukas.
– An den EINEN, der alles und alle anderen Götter geschaffen hat. Genauso wie die Juden an einen SCHÖPFER der Welten glauben. Aber die Juden leben nur einmal, danach kommen sie entweder in die Hölle oder in den Himmel. Und in Indien werden die Menschen viele Male geboren und gehen nicht dorthin, wo die Juden hingehen. Und jemand, wie dieser Mönch, will kein Leben mehr, weder Hölle noch Himmel, und keine Frauen, sondern will zu dem EINEN zurückkehren, von dem er gekommen ist, den er aber nie gesehen hat …“
– „Was weiß man über ihren Lehrer?“ – fragte Lukas.
– „Ihr Lehrer stammte aus einer königlichen Familie. Er hatte einen Palast, Diener, gutes Essen und schöne Frauen. Er musste nicht sechs Monate lang Karawanen führen,“ lachte der Kaufmann. – „Doch dann beschloss er, dass das Glück in etwas anderem liegt. Das höchste Vergnügen ist nicht das Leben, nicht die Frauen, nicht der Wein, sondern ist, keine Wünsche zu haben. Gott habe den Menschen nicht geschaffen, um das Leben zu genießen. Nicht dafür! Sondern um zu lernen, keine Begierden zu haben – dann kehrt er zu GOTT zurück und wird niemals wiedergeboren! Wozu?! Wenn es dort keine himmlischen Vergnügen, keine Wünsche gibt, warum sollte man dann dorthin zurückkehren?!“

Wir haben weiter getrunken. Ich dachte: „Was für ein interessantes Land Indien doch ist. Eines Tages wird einer von uns, Lukas, Alan oder Nasir, oder vielleicht Agur, mit einer Karawane dorthin reisen, um über die LEHRE der LIEBE zu sprechen, die RABBI gebracht hat. Ich aber werde zu Ani zurückkehren.“
– „Sag mir, weiser und aufmerksamer Zuhörer“, wandte sich der Händler an mich. – „Liebst du die Frauen? Ich schaue mir deine Gruppe an und sehe, dass es nicht anders sein kann.“
– „Ja“, antwortete ich.
– „Du hast also Begierden?“
Ich nickte:
– „Sowohl Gefühle als auch Begierden.“
– „Aber du bist nicht so einer wie ich. Du bist anders. Wie unterscheidest du dich von mir?“
– „Ich glaube nicht, dass es zwischen uns einen großen Unterschied gibt. Ich liebe das Leben auch“, lächelte ich.
Der Händler lachte:
– „Und wie gehst du mit deinen Begierden um? Du läufst doch nicht vor ihnen weg, oder?“
– „Wie kann man vor ihnen weglaufen? Sie werden dich wiederfinden. Aber wenn du deinen Begierden nicht erliegst, dann wird dein Herz gereinigt. So denke ich.“
– „Irgendwie kompliziert. Du erfüllst doch deine Begierden?“ – Er lächelte mich weiter an.
– „Das ist eine zu allgemeine Frage“, lächelte ich zurück. – „Ich antworte dir folgendermaßen: Wenn es jemandem Schmerz, Kummer oder großes Leid bringt, werde ich mich bemühen, nichts zu tun.“
– „Du liebst das Leben, weiser Mann. Welches Vergnügen suchst du darin?“
– „Darin liegt wahrscheinlich der Unterschied zwischen uns, Händler … Freude kann man auch haben, wenn man die Versuchung überwindet, anstatt ihr nachzugeben. Jeder hat das Recht, für sich selbst zu entscheiden, welches Vergnügen er sucht … Ich werde dich nicht überreden, denselben Weg wie ich zu gehen, genauso wenig wie du mich überreden wirst. Manche Menschen haben Freude daran, Reichtum zu schaffen, einen Palast zu besitzen, eine schöne Frau zu haben, auch wenn sie nicht seine Frau ist. Andere Menschen haben Freude daran, ihr Herz zu reinigen. Wie auch immer man sich entscheidet, so ist der Preis, den man bezahlt. Jeder geht auf seine eigene Weise zu Gott.“
– „Ja. Es gibt doch einen Unterschied“, lachte der Händler. – „Du hast schöne Frauen um dich herum, die nichts haben. Und du gehst ins Ungewisse. Ich habe schöne Frauen mit viel Gold. Und ich gehe zu noch größerem Reichtum. Neben mir wird immer eine Frau nach meinem Wunsch sein. Und sie wird alles haben und sich niemals benachteiligt fühlen … Das ist mir ein Rätsel: Eine schöne Frau wird niemals dort sein, wo es nichts gibt – aber aus irgendeinem Grund sind sie doch bei dir!“
– „Es gibt verschiedenartige Frauen, wie auch Männer. Die Eine sucht Reichtum und Vergnügen und nicht die Liebe. Eine Andere liebt, als eine schöne Frau, einen einzigen Mann und will nur Kinder von ihm haben, obwohl er weder einen Palast noch Gold hat. Auch das gibt es.“
– „Das gibt es nicht!“ – sagte Geser bestimmt und ein wenig lauter als sonst. Der Tiger knurrte mich leicht an und unterstützte seinen Herrn. Der Händler streichelte ihm beruhigend den Kopf.

– „Ich habe einen Vorschlag“, fuhr der Händler fort. – „Verkauf mir diese Frau. Sie wird mit mir glücklich sein, sie wird keine Not kennen. Ich werde dir zwei schöne, junge, sehr süße Sklavinnen schenken und dir Gold für deine ganze Truppe geben … Und sie wird ihr eigenes Gold, ihr eigenes Haus, ihre eigene Dienerschaft und schöne Kinder haben. Lass sie gehen, mach sie glücklich.“
Alan wurde rot, seine Nasenlöcher blähten sich auf.
– „Hier gibt es nur verheiratete Frauen und die Verlobte meines Freundes“, antwortete ich so ruhig wie möglich. – In unserer Gemeinschaft gibt es keine Sklaven oder Sklavinnen, und wir handeln nicht mit Menschen.“
– „Fragen wir doch das Mädchen selbst, ob es glücklich sein will?“ – sagte Geser und wandte sich an Asana.
– „Jedes Mädchen will glücklich sein“, sah Asana dem Händler in die Augen und rückte näher an Alan heran. – „Ich habe einen Mann, der mir wichtig ist, für den ich Gefühle hege, und ich bin mir seiner sicher. Für dich, Kaufmann, habe ich keine Gefühle. Und du bist nicht der Mann, mit dem ich verheiratet sein möchte.“
– „Das sind alles Nebensächlichkeiten, Worte. Mit Wohlstand und einem eigenen Haus kommen auch Gefühle. Ich werde auch den Bräutigam bezahlen, ich werde viel bezahlen. Er wird sich eine schöne Frau und ein Haus kaufen, wo immer er will. Und er wird Schafe und Kamele haben …“
Alan fasste den Griff des Kurzschwertes, das an seinem Gürtel hing. Der Tiger bewegte sich auf Alan zu. Das Herrchen packte seinen Liebling mit der linken Hand geschickt am Halsband, zog die Bestie an sich heran, umschlang seinen Hals und kuschelte sich an seine Wange.
Am anderen Ende unserer Reihe ertönte der ruhige Bass von Adonia:
– „Herr, wir sollten dieses Gespräch nicht fortsetzen. Das führt zu nichts Gutem. Ich werde jedem die Kehle durchschneiden, der meine Freunde beleidigt, oder sie gar anrührt. Und bedenke, dass es deinem Tiger genauso ergehen wird, wenn du ihn loslässt …“
Adonia stand da in voller Größe, neben ihm erhob sich der ebenso recht große Lukas, und das machte zusammen mit den Worten einen entsprechenden Eindruck.
Der Tiger knurrte und richtete sich auf, wobei sich auch sein Nackenfell sträubte.
– „Beruhige dich, mein Lieber“, appellierte der Händler an den Tiger und drückte ihn an sich. – „Ich stimme zu, Freunde. Lasst uns dieses Gespräch beenden. Ich habe mich geirrt. Lasst uns einen sehr guten Wein trinken. Von einer besonderen Rebe.“
Geser blickte zu dem ihm am nächsten stehenden Wachmann:
– „Hol was für alle. Wir trinken alle.“
Der Wachmann und die Sklavinnen gingen aus dem Zelt.
– „Eure Frauen sind wunderschön. Aber eine ganz besonders. Ich habe überreagiert, ich habe meine Macht überschätzt … In meinem ganzen Leben ist es noch nie vorgekommen, dass Gold nicht gewirkt hat … Trinken wir einen guten Wein! Ruht euch bis zum Morgen aus, nehmt mit auf die Reise, was ihr wollt. Von hier aus sind es nur eineinhalb Tagesmärsche bis zum Euphrat.“

Auf der Seite des Karawanenführers, wo die Wachen und Händler saßen, wurde Wein aus einem Krug in dünne weiße Schalen gegossen. Auf unserer Seite war eine schöne Sklavin. Zwei Krüge … Ich hatte ein Gefühl, dann die Überzeugung, nicht zu trinken.
Geser hob die Schale:
– „Friede sei mit euch, Reisende, und der Segen des Höchsten. Mögen unsere Wege geebnet sein und unser Schicksal glücklich!“ – und leerte die Schale in einem Zug.
Ich hob die Schale an. Asana und Alan sahen mich an, und ich schüttelte den Kopf: „Nein“. Alan hob die Schale ebenfalls an. Die Frauen haben den Wein nicht angerührt …
Leta erschien vor mir, die Tasse wackelte von ihrem Lächeln und fiel mir aus der Hand auf den Teppich. Der Gastgeber lachte:
– „Auf das Glück. Bringt noch mehr.“
– „Es ist genug“, sagte ich. – „Ich möchte diesen Abend beenden.“
– „Ja, in Ordnung“, nickte Geser. – „Dieses Zelt steht euch zum Ausruhen zur Verfügung …“

Wir standen auf. Adonia und Lukas blieben mit gesenktem Kopf sitzen. Johanna und Salameja versuchten, sie zur Besinnung zu bringen. Ein paar weitere Männer der Karawanenwache betraten das Zelt.
– „Werden sie leben?“ – fragte ich.
– „Ja, sie werden tief und lange schlafen. Und diese Frau wird mit mir kommen.“
– „Warum willst du sie, wenn sie nicht mit dir zusammen sein will?“
– „Sie will … Ich habe euch einen Preis angeboten, ein sehr guten Preis. Ihr habt abgelehnt. Jetzt entscheide ich, ob du leben wirst, weiser Mann, oder ob du in die nächste Inkarnation gehst.“
– „Alles nach GOTTES WILLE“, nickte ich.
Die Frauen gingen hinter unserem Rücken. Alan und der zwölfjährige Agur zogen ihre Schwerter. Alan trat einen Schritt vor, er war bereit, dem Tod ins Auge zu sehen. Der Tiger spürte die Spannung und schlug unruhig mit dem Schwanz, als wolle er entscheiden, auf wen er sich stürzen will. Der Händler bändigte sein Tier, weil er wusste, dass der Tiger jeden für ihn zerreißen würde, wenn er ihn freiließe. In einem Halbkreis vor uns standen Wachmänner mit gezogenen Schwertern und zwei Karawanenhändler …
– „Bleibt stehen. Wenn jemand meinem Tiger etwas antut, töte ich eine eurer Frauen.“
Unerwartet kam Asana hinter Alan hervor und sagte zu uns, wobei sie versuchte zu lächeln:
– „Ich liebe euch mehr als mein Leben … Ich werde mit ihm gehen. Ich muss mit ihm reden.“ – Dann wandte sie sich an den Kaufmann: „Ich gehe in dein Zelt, aber ihnen darf nichts geschehen.“
Wir wurden an Händen und Füßen gefesselt. Adonia und Lukas waren mit dem Rücken zueinander gefesselt. Sie lebten und atmeten ruhig im Tiefschlaf.

Nach zwei, vielleicht drei Stunden hörte ich eine Bewegung in der Nähe des Zeltes, den Atem eines Tieres. Dann ein kurzes Knurren, und plötzlich stürzt ein Wachmann ins Zelt herein und fällt um wie ein Sack. Über seinem Gesicht das offene knurrende Maul des Tigers. Der Mann ist wie gelähmt vor Angst. Der Schwanz des Tigers schlägt wie eine Peitsche durch die Luft als Bekräftigung dessen, dass die Bestie keinen Spaß macht.
Ich hatte große Angst und in meinem Kopf schwirrte der Gedanke herum: „Ich bin der Nächste.“ Ich dachte, Geser hätte das Tier geschickt, um uns zu vernaschen. Das Tier schlug das Schwert des Wachmanns mit seiner Pranke in meine Richtung, zerrte den Wachmann zu mir und zerfetzte mit seinen Zähnen dessen Brustpanzer …
Dann zerbiss der Tiger die Seile an meinen Handgelenken (in diesem Moment schloss ich die Augen). Dann ging alles ebenso schnell – ich schnitt die Seile an meinen Beinen durch, befreite Alan von den Seilen, Alan befreite die anderen. Alan und ich fesselten den Wachmann, Agur knebelte ihn mit einem Stück groben Leders, das die Bestie vom Brustpanzer abgerissen hatte …

Was ist mit dem Tiger passiert? Warum hat er sich so verhalten? Ich dachte: „Vielleicht hat der Hüter dieses Landes auf die Bestie eingewirkt?“ Ich schaute mich rasch im Raum um, sah aber niemanden.
Und auf einmal sah ich alles … Aber nicht außerhalb, sondern in dem Tiger. Das kann doch nicht sein. Habe ich mir das eingebildet? Schien es mir nur so aus Angst? Der Tiger sah mich mit den Augen eines Menschen an. Es war, als ob der Tiger von einem Menschen besessen war! Der Wille eines Menschen hat sich des Willens der Bestie bemächtigt. Mir schien es so, als habe der Mensch, der jetzt den Tiger befehligt, lange Haare und eine Augenform wie ein orientalischer Nomade …
Lukas und Adonia rührten sich allmählich. Der Tiger näherte sich ihrem Genick und gab ein kurzes Knurren von sich. Dadurch wurde das Erwachen beschleunigt. Alan eilte zu Asana. Die Bestie führte uns zum Zelt des Händlers, Agur ging mit uns. Adonia und Lukas, die sich nun erholt hatten, ließen wir bei den Frauen.
Der Tiger zerrte den Wachmann des Händlers ebenfalls in das Zelt und riss ihm den ledernen Brustpanzer von der Brust. Alan schlug den armen Kerl mit der Spitze seines Schwertes bewusstlos, obwohl er das gar nicht hätte versuchen müssen, denn der Tiger hatte ihn bereits bewusstlos gemacht. In dem Zelt brannte eine Fackel. Asana stand im hinteren Teil des Zeltes und begrüßte uns mit einem Lächeln, sie war unversehrt.
– „Verunreinige dich nicht“. – konnte ich Alan zurufen.
Geser war einen Moment lang verwirrt – sein Lieblingstiger war bei uns. Alan ging auf den Händler zu … Es rettete den Händler, dass der flinke Agur hinter ihn lief und sich auf alle Viere stellte. Der Händler wich zurück und fiel rücklings um. Der Tiger beugte sich über seinen Herrn und knurrte so, dass dieser die Augen schloss … Aus Gesers Augen flossen Tränen …
– „Trink alles, was da ist.“ Alan hob den Händler am Kragen seines Hemdes hoch.
Geser trank …

Es wurde schon hell. Ich hörte Nathans Bass:
– „Euseus, wir sind es!“
Ich fühlte mich sofort wohler in meinem Herzen.
Nathan, Nasir und Haran gingen entschlossen in das Zelt. Draußen versammelten sich schon die Leute, aber sie trauten sich nicht hineinzuschauen. Sie wussten, dass mit dem Tiger etwas Seltsames passiert war; er hatte sein Herrchen angegriffen.
Diejenigen, die hereinkamen, sahen das Tier mit Vorsicht an, merkten aber schnell, dass es nun auch ein Mitglied unserer Gruppe war.
– „Was sollen wir tun, Euseus? Gib ein Kommando,“ sagte Nathan.
– „Trompete die Karawane zusammen, lass sie ihren Weg gehen, wir werden unseren gehen. Binde den schlafenden Händler an ein Kamel. Soll er an der Spitze der Karawane schlafen.“
Nathan brauchte keine Trompete, er blies das Signalhorn mit seinem Bass.
Die Sklavenhändler und die Wachen packten uns Essen für die Reise ein. Es war unmöglich, es nicht zu tun – der Tiger blieb auf unserer Seite. Und meine Meinung hatte sich nicht geändert: In der Bestie steckte ein Mensch. Eine Vorahnung sagte mir, dass der Mensch bald gehen würde.
Der Tiger begleitete uns zu einem kleinen Hügel und kehrte zu dem Kamel zurück, an das Nathan den Karawanenführer gebunden hatte. Die Zelte waren bereits abgebaut. Die Karawane machte sich auf den Weg.

Asana hatte die vorangegangene Nacht in langen Verhandlungen mit dem Händler verbracht, in deren Verlauf sie Seidenstoffe und das seltenste Porzellan aus dem damaligen Han-Reich geschenkt bekommen hatte. Gegenstand der Verhandlungen war unser Leben und ihr Einverständnis, Gesers Frau zu werden. Die Verhandlungen waren nicht dazu bestimmt, zu enden …
Doch Asana beschloss, die Geschenke mitzunehmen. Damals wäre es für jede Frau eine unmögliche Entscheidung gewesen, keine Seide und solche Gegenstände mitzunehmen. Und Alan nahm gerne eine neue Aufgabe auf sich – das Tragen einer leichten, aber besonders wertvollen Mitgift.

1In der Nähe des heutigen Bagdad

Die Geschichte von Euseus – Teil 2 – Kapitel 13

Unsere Gruppe wanderte durch das nördliche Mesopotamien, das im Laufe der Jahrtausende viele Kriege erlebt hatte. Die junge menschliche Zivilisation war gerade dabei, sich selbst kennenzulernen. Mehr oder weniger verwandte Völker, Nachkommen Noahs, kämpften um das fruchtbare, natürlich bewässerte Land des Zwischenstromlandes und entwickelten nebenbei Handwerk, Landwirtschaft, Kultur, Kunst und Waren-Geld-Beziehungen. Sie stritten sich bis hin zu Bruderkriegen um ihre Götter und Göttinnen und verbreiteten ihre Kulte in benachbarten Gebieten, was zur Verehrung der gleichen oder ähnlicher Götter führte.
Damals wie heute beruhte die Einheit einzelner Völker eher auf Macht und dem Vorteil der Zusammenarbeit auf fruchtbarem, reichem Land, als auf dem Wunsch, einander zu respektieren und selbstlos zu helfen.
Und wenn ringsherum Krieg herrscht, will man noch mehr kämpfen. Das waren die Erfordernisse der damaligen Zeit. Selten gelang es jemandem, über die in der jeweiligen Zeit etablierte Ethik des Zusammenwirkens der Völker hinauszugehen …

Zur Zeit unserer Wanderung lag Mesopotamien am Rande des großen Römischen Reichs. Doch einst gab es hier das große Assyrien und das große Babylon, das mächtige persische Reich und das glorreiche Reich Alexanders des Großen … Während der letzten Jahrhunderte kämpfte Parthien mit wechselndem Erfolg mit Rom um dieses Land.
Das Volk Israel träumte seit der Zeit seiner Erwählung vom Zwischenstromland. Assyrien und Babylonien nahmen in ihren Bestrebungen keine Rücksicht auf die Träume der Israeliten und wurden deren historische Feinde. Dennoch blieben gerade dank der babylonischen Gefangenschaft die jüdischen Weisen und die mündliche TORA erhalten, und in Mesopotamien entwickelten sich jüdische Diasporen, die über die Jahrhunderte hinweg dort Fuß fassten.

An einem der Rastplätze bat mich Alan nach dem Essen um ein Gespräch. Es war ein warmer Abend. Wir zogen uns entlang des Baches flussabwärts zurück.
Meine Freunde sprachen mich manchmal als „Meister“ oder „Lehrer“ an. Das war die damalige Tradition: Jeder hatte einen Lehrer, aber derjenige, der als erfahren und sachkundig angesehen wurde, wurde als „Lehrer“, „Meister“ oder „Rabbi“ bezeichnet. Meine Freunde definierten mich als solchen, vor allem Lukas, mit dem ich ein Jahr zuvor von zu Hause fortgegangen war. Ich selbst sah mich als Bote, als Apostel, als jemand, der von Johannes, dem Jünger CHRISTI, mit der Botschaft CHRISTI gesandt wurde.

– „Meister, ich brauche deine Hilfe“, begann Alan. – „Du weist alles Geschriebene und Ungeschriebene über RABBI, du kennst seine Worte … Du hast Erfahrung in Beziehungen … Frauen lieben und respektieren dich …“
– „Bruder, das reicht, du brauchst zu lange, um anzufangen. Sag mir das Wichtigste.“
– „Ich habe ein Problem mit Asana … Ich liebe sie sehr, ich bin eifersüchtig … Die Männer mögen sie, sie schauen sie an, sogar in der Gemeinde von Sacharia schauten sie sie an, als wollten sie sie verschlingen.“
– „Asana ist ein wunderschönes Mädchen. Auch ich bewundere sie manchmal“, sagte ich mit einem Lächeln und forderte meinen Kameraden auf, offen über das nicht einfache Thema zu sprechen.
– „Dann bin auch eifersüchtig auf dich, Euseus!“
– „Was soll ich nun tun?“
– „Ich weiß es nicht … Aber wie kann man die Frau eines anderen Mannes so ansehen?“
– „Und für wen ist Asana hier eine Fremde? Männer schauen immer auf Frauen und Frauen schauen immer auf Männer. So hat es der SCHÖPFER eingerichtet. Das kann man nicht ändern. Wie soll ich dir helfen? Willst du, dass ich sie nicht ansehe? Selbst wenn ich es versuchen würde, glaube ich nicht, dass es funktionieren würde. Und auch andere werden sie weiterhin anschauen.“
– „Das verstehe ich … Aber man darf sie nicht begierig anschauen.“
– „Du darfst es, andere aber nicht?“
– „Sie ist meine Freundin, also darf ich das.“
– „Gut, sie ist deine Freundin. Und was stört dich?“
– „Das ist es, was mich stört. Dass andere sie so ansehen, begierig.“
– „Kannst du es ohne Begierde?“
– „Nun … ohne – es geht … Alle Menschen sehen einander an.“
– „Richtig. Und wie kann man anderen verbieten, ein schönes Mädchen mit Begierde anzuschauen?“
– „Ich weiß es nicht.“
– „Ich weiß es auch nicht.“
– „Das Gebot verbietet doch, die Frau eines anderen Mannes anzuschauen“, lebte Alan ein wenig auf.
– „Alan, mein Freund. Sie ist noch nicht deine Frau. Und wenn du so eifersüchtig bist, wird sie es niemals sein … Das Gebot ist dazu da, dich davon abzuhalten, die Frau eines anderen Mannes zu begehren, nicht um zu sehen, ob deine Freunde das Gebot einhalten … Und wie kamst du darauf, dass sie jemand begierig ansieht?“
– „Mir scheint es so“.
– „Es scheint so, als scheine es nur so. Wenn du damit selbst nicht klarkommst, frag deine Freunde, wie sie Asana ansehen … Frag mich. Ich werde ehrlich antworten: ´Ich bewundere sie manchmal, aber aus der Bewunderung entsteht bei mir nicht der Wunsch, sie zu besitzen´. Hat dir diese Antwort geholfen?“
Alan zuckte mit den Schultern:
– „Nun … es hat ein wenig geholfen.“
– „Du denkst wahrscheinlich, dass ich nicht der Einzige bin, der sie mit Begierde ansieht?“
– „Ja“, nickte Alan.
– „Nun, frag alle deine Freunde … Sie werden antworten wie ich. Und dann? Wirst du dann weiter so denken?“
Alan zuckte wieder mit den Schultern.
– „Mein Freund. Wenn du dich entschließt, deine Freunde zu fragen, und sie antworten wie ich, oder ähnlich, und du denkst immer noch so … Was wird es dann sein? Los – versuche jetzt zu antworten. Denke nach und antworte.“
– „Ich verstehe, Meister“, fuhr Alan nach einem kurzen Schweigen fort. – „Wenn ich nach deiner Antwort immer noch so denke, bedeutet das, dass ich meinen Freunden nicht vertraue …“
– „Ja, Alan. Und wie sollen wir eine Gemeinschaft aufbauen, ohne unseren Freunden zu vertrauen?“
– „Ich will vertrauen!“ – Alan schüttelte den Kopf, als wäre er aus einem Traum erwacht. – „Das war’s! Ich hab’s schon vergessen, alles aus meinem Kopf geworfen, was ich vermutete – und zwar in diesem Moment!“
– „Das kann einige Zeit dauern. Schmeiß deine Verdächtigungen jeden Tag aufs Neue aus deinem Kopf. Und bete öfter, vergiss das nicht in schwierigen Momenten. Du weißt, wie man das macht, vergiss nicht zu beten, wenn eine schwere Situation auf dich zukommt!
Aber wir sind noch nicht bei deinem Splitter angekommen. Wenn du weiterhin gegenüber allen Männern eifersüchtig auf Asana bist und Asana selbst verdächtigst, hinderst du schließlich das Mädchen, das du liebst, daran zu atmen, die Welt kennenzulernen. Sie wird es schwer haben mit dir. Sie ist ein Mensch wie du … Nun, nicht derselbe, aber ein Mensch, der intensiver und stärker fühlt als du. Sie hat andere Gefühle, andere Ziele, weibliche … Sie muss keine Länder erobern, keine Gemeinschaften aufbauen – sie braucht einen zuverlässigen, freundlichen, starken Mann, der sie selbst und ihre Kinder beschützt.“
– „Und was soll ich tun? Ich liebe sie.“

– „Okay, wir fangen noch einmal von vorne an. Du scheinst nicht nur den Männern zu misstrauen, sondern auch ihr … Was macht sie falsch? Worüber bist du unglücklich?“ Sag es geradeheraus.
– „Sie sieht andere Männer mit Aufmerksamkeit an!“ – platzte Alan heraus.
– „Das hatten wir schon. Frauen werden Männer anschauen und Männer werden Frauen anschauen. Das kann man nicht ändern. Um sich zu verbinden muss man hinschauen, sich kennenlernen, muss man kommunizieren um zu sehen, ob das ein Mensch für dich ist … Wenn sie immer noch andere Männer mit Aufmerksamkeit ansieht, ist sie sich vielleicht nicht sicher mit dir. Vielleicht sieht sie deine Zweifel, deine Unentschlossenheit und fühlt sich unsicher … Hast du Asana gesagt, dass du sie liebst?“
– „Ja, das habe ich. Und sie hat gelächelt: ´Du gefällst mir auch, Alan.´ Aber sie spricht weiter mit anderen Leuten.“

– „Du weißt doch, einer der Männer in ihrem Heimatdorf hat ihr schwere Schmerzen zugefügt und sie auch gedemütigt. Sie liebte ihn, vertraute ihm. Jetzt ist sie den Männern gegenüber misstrauisch, sie traut den Worten der Liebe nicht. Sie will sicher gehen, dass es keine leeren Worte sind, wie es schon einmal war …“
– „Was kann ich tun, um sie zu überzeugen?“
– Sei ihr ein zuverlässiger Freund, egal was sie tut. Sie muss sich irgendwie vergewissern, dass sie sich auf dich verlassen kann … Und lerne, zurück zu lächeln, gutherzig zu scherzen. Wenn du lernen willst, Witze zu machen, mach Witze über dich selbst, nicht über sie. Ein Mann sollte einer Frau nichts verübeln … Merke dir das, mein Freund, und mach es so. Das hat Johannes mir immer gesagt, und er hat viel Zeit mit RABBI verbracht … Übrigens, Alan, hast du ihr nach deiner Liebeserklärung gesagt, dass du sie zur Frau nehmen willst?“
– „Nein, habe ich nicht.“
– „Warum hast du das nicht getan?“
– „Ich weiß es nicht.“
– „Dann weiß ich auch nicht weiter … Warum verschwenden wir hier unsere Zeit, wenn wir nicht aufrichtig und offen sprechen?“
– „Nun, weil … ich sie liebe. Aber sie wurde von einem unreinen Mann beschmutzt …“
– „Und was weiter?“
– „Wie kann ich eine unreine Frau heiraten?“
– „Warum hast du dann ihr gegenüber von Liebe gesprochen? Sie spürt deine … Unzuverlässigkeit. Sie hat doch Recht, wenn sie das nicht ernst nimmt.
. Alle Achtung, Asana! Wozu braucht sie einen solchen Mann?“
– „Wieso wozu?“
– „Ein Mädchen, eine Frau will immer Mutter sein, das liegt in ihrer Natur … Asana wird einen zuverlässigen Mann suchen, mit dem sie ein Kind haben kann, besonders nach dem, was ihr passiert ist … Entschuldige dich bei ihr, Alan. Sag ihr, was für ein Feigling du bist und warum du sie nicht heiraten kannst. Sag ihr, sie soll sich einen anderen Mann suchen, einen besseren Mann. Und du bist weiter eifersüchtig, bis du geläutert bist …“
– „Wie das, Meister?!“
– „Du hast gefragt, ich habe dir geantwortet … Unbefleckt, rein erhalten! Menschen, die für ein Stück Brot töten?!“
– „Ich habe niemanden umgebracht!“
– „Du hast anderen geholfen, Menschen für Essen zu töten. Du hast dich selbst verunreinigt, Perser, durch deine Handlungen und Gedanken. Welches Recht hast du, über Asana zu richten? Gib dir selbst die Schuld. Sie ist ein reines menschliches Wesen. Sie ist auf der Suche nach einem anständigen Mann. Wie kannst du sie für die Sünde eines Mannes verurteilen? Er hat sie betrogen, der Mann. Und nicht sie ihn …“
Alan verstummte. Er senkte den Kopf, er weinte.
– „Du hast Recht, Euseus … Was soll ich jetzt tun?“
– „Willst du sie zur Frau nehmen?“
– „Ja, ich liebe sie sehr.“
– „Gewinne ihre Liebe. Entschuldige dich für deine Bedenken. Sag ihr, dass du sie liebst und dass du sie zu deiner Frau machen willst. Und wenn sie nicht sofort antwortet – was sie wahrscheinlich tun wird – nimm es ihr nicht übel. Lächle und sage: „Ich werde versuchen, deiner würdig zu sein“. Und sei ihr weiterhin ein Freund, biete ihr deine Schulter zum Anlehnen und schütze sie vor Gefahren …
Sobald Eifersucht in dir aufsteigt, zieh dich zurück und bete. Wenn du dich nicht zurückziehen kannst, bete im Stillen. Mein Freund, du hast jetzt keine andere Möglichkeit mehr. Versuche, das zu tun, was ich dir gesagt habe. Wenn du nochmal mit mir sprechen willst, ich bin in der Nähe …“

Wir umarmten uns fest und gingen zurück zum Feuer.
Es war die zweite Woche der Reise, und es wurde beschlossen (Nathan schlug es vor), dass Nathan, Nasir und Haran frühmorgens mit leichtem Gepäck abreisen sollen. Sie sollen den Weg erkunden, ihn markieren, und einen für unsere Gruppe bequemen Ausgang zum Euphrat finden, wo man ihn überqueren kann, und danach umkehren und uns entgegengehen. Die Richtung, in die wir uns bewegten, bestimmten wir nach der Sonne und dem weit entfernten Gipfel im Osten. Wir einigten uns darauf, dass die Markierung auf dem Weg ein in den Boden geritzter Keil sein sollte, dessen Spitze in die Bewegungsrichtung zeigt …
Der Voraustrupp würde schnell vorankommen, mit einem kurzen Nickerchen (es war wolkenloser Vollmond), die Hauptgruppe würde gemächlicher vorankommen, mit der üblichen Nachtruhe.

Die Geschichte von Euseus – Teil 2 – Kapitel 12

Am Morgen wussten es alle: Der Apostel hatte sich mit dem mächtigen Wasserdämon geeinigt – er schwor, nicht mehr in die Gemeinde zurückzukommen.
– „Mein Sohn, was hast du zu ihm gesagt, dass er schwören musste?“ – Sacharia lächelte. – „Und warum ist er ein Wassermann?“
– „Ach, Sacharia, wenn es nur so wäre! Der Dämon hat gestern mit mir ein aufschlussreiches Gespräch geführt. So wie ich es verstanden habe, ist er nicht an uns hier interessiert, also ist er dorthin gegangen, wo normale Menschen leben.“
– „Nun, erzähle, Bezwinger der Dämonen,“ – umarmte mich der alte Mann.
„Wir hatten ein langes Gespräch. Es war von Anfang an klar, dass der Geist uns nichts vormachen wollte. Nach der Kommunikation mit ihm zu urteilen, hatte er nicht die vorherrschende menschliche Eigenschaft – die Überheblichkeit. Es machte also für ihn keinen Sinn, des persönlichen Vorteils wegen Unwahrheiten zu erzählen.
Und das Bild, das sich dabei ergab, war folgendes. Wir hatten es mit einem Geist zu tun, der von einem menschenähnlichen Wesen geschaffen wurde, das in der Lage war, seinen Verstand zu beherrschen und keinen Zorn zu zeigen. Und dieser Mensch lebte, wie auch der Geist, den er erschuf, nicht allzu weit entfernt, an der Mündung des Flusses, vor vielen Jahrtausenden, bevor sich die Gestalt der Erde veränderte.
Und außerdem hatte eine unbekannte Welt diesen Geist gefunden, ihn erweckt und ihm eine Aufgabe übertragen: unter den Menschen eine schwere Kraft (Angst, Wut, Bosheit) zu finden und sie dieser unbekannten Welt zu übergeben, die sich irgendwo außerhalb der Erde befindet.“
– „Nun, Euseus, das ist ein Beweis dafür, dass der Mensch Geister erschaffen kann. Wenn er Ordnung in seinem Kopf hat.“
– „Ein intelligenter Mensch hat einen intelligenten Geist. Das stimmt, man muss nur noch wissen, wie man das macht … Das, woran der Mensch denkt, kann eigenständig leben …“, sinnierte ich.
– „Und wenn ein Mensch nicht weiß, wie er es machen soll, aber oft an dasselbe denkt, wird es vielleicht auch lebendig. Ob er es weiß oder nicht, sein Gedanke lebt weiter“, sagte Sacharia ruhig.
– „Und wenn er Angst hat und sich etwas im Dunkeln vorstellt … Und dann hat er noch mehr Angst und stellt sich das Gleiche noch einmal vor … Ich hatte das als Kind. Dann scheint wirklich etwas da zu sein, in der Dunkelheit. Du fängst an, daran zu glauben, und du erzählst es deinen Freunden, anderen Jungen, und sie fangen auch an, etwas zu sehen, sich zu fürchten,“ – lächelte der alte Mann. – „Und in einer dunklen Ecke wird ein Ungeheuer lebendig.“
– „Bleibt noch, das Ungeheuer zu kontrollieren, um jemand anderen zu erschrecken.“
– „Und dann muss man Euseus anrufen, um sich von einem solchen Monster befreien zu lassen,“ – fuhr Sacharia lächelnd fort.
– „Und wenn die Bestie nicht von einem Jungen erdacht wurde, sondern von jemandem, der seriöser, älter und weiser ist, der diese schwere Kraft braucht … Zum Beispiel ein Engel namens Satan, der die Menschen verführt. Dann könnte Euseus nicht in der Lage sein, mit einem solchen Dämon fertigzuwerden. Es ist nicht so, als hätte man es mit dem Abbild eines Tieres zu tun …“
– „Euseus kann damit fertig werden, weil er glaubt. Aber ob deine Hilfe demjenigen nützt, der einen solchen Dämon in sich hineingelassen hat, das ist die Frage. Die Angst, die Wut, die Schwere im Inneren bleiben. Das bedeutet, dass der Dämon etwas hat, wofür er zurückkommen kann. Vor allem der, von dem du mir erzählt hast.“
– „Das ist verwirrend, du Weiser. In meinem Kopf herrscht Verwirrung … Die UNBEKANNTE Welt, die viel klüger ist als wir, braucht aus irgendeinem Grund viel Energie von uns. Keine leichte, sondern schwere. Das heißt, die intelligente Welt braucht Kummer und Angst, die es im Überfluss gibt … Und alle Welten wurden von einem unbegreiflichen SCHÖPFER der Welten erschaffen. ER lehrt uns also, zu lieben und Licht auszustrahlen, und ER hat auch eine Welt geschaffen, die das Gegenteil braucht …“
– „Der ALLMÄCHTIGE – IHM gebührt unendlicher Lobpreis – ist immer unbegreiflich und zielgerichtet“, sagte Sacharia nach einer kurzen Stille. – „Aber wir können uns selbst verstehen, uns gegenseitig verstehen, und die Welt wird klarer … Du hast mich aufgerüttelt, mein Sohn, danke dem VATER! Der junge Kopf hat den Großvater beflügelt …
Ja, nehmen wir an, dass dieser kluge Geist – und es kann mehr als einen geben – von einer sehr klugen Welt oder einem Wesen benutzt wird, das unsere Angst und unseren Ärger für etwas braucht. Wie auch immer man ihn nennt – Satan, Teufel, Fürst der Finsternis, Beelzebub – es ändert nichts für uns beide. Er ist schlauer als wir, wir können seine Geistboten nicht auflösen und wir können ihnen keine andere Aufgabe geben.
Aber wenn dieser Dämon, der Geistbote, nichts zu fressen hat, schläft er ein. Und er hat natürlich dort nichts zu tun, wo es keine Nahrung für ihn gibt – Wut und Angst.
Und wir beide haben einen Weg, der allen Dämonen, egal zu wem sie gehören, die Nahrung entzieht. Wo GLAUBE und LIEBE sind, da gibt es keine Angst, keinen Ärger, keinen Krieg und kein Blutvergießen. Unsere Aufgabe ist einfach: diese harte Kraft nicht auszustrahlen und denjenigen, die den gleichen Weg gehen wollen, zu sagen, wie sie es tun sollen. Und sie nicht auszustrahlen ist nur unter einer Bedingung möglich – nicht auf Böses mit Bösem zu antworten, zu lernen, die andere Wange hinzuhalten und denen, die dich als Feind betrachten, mit Freundlichkeit zu begegnen.

Du weißt das, mein Sohn, auch ohne meine langen Erklärungen. Aber lass den Großvater reden … Du gehst bald auf Reisen, also beeile ich mich zu reden. Werden wir uns wiedersehen? Ihr habt der Gemeinschaft Kraft und Können gebracht und zum Geist beigetragen. Du wurdest hier geliebt … Ich weiß, du wirst nicht bleiben, du wirst weiterziehen. Aber das hier ist auch dein Zuhause!“
– „Sacharia, mein Lieber. Ja, du weißt, ich werde weitergehen. Und meine Freunde haben hier ihre Frauen gefunden und Familien gegründet, alle außer Alan und Asana. Sie sollen selbst entscheiden, ob sie weitergehen wollen.“
– „Einen Mitreisenden hast du bereits“, lächelte der Ältere. – „Agur hat seine Eltern gebeten, ihn mit euch gehen zu lassen. Er möchte lernen, wie du Dämonen zu besiegen und innerlich rein zu sein. Agur ist ein hartnäckiger Junge. Nur deine Absage wird ihn aufhalten … Ich bin nicht sicher, ob man ihm absagen sollte. Er kann fühlen, was er braucht, und ist in seinen Entscheidungen standhaft. Seine Eltern haben das schon vor langer Zeit erkannt. Er ist ein reifer Mann. Er muss bereits unter Menschen gelebt haben, unter Bedingungen, in denen es erforderlich war, Entscheidungen treffen zu können.“
– „Dann habe ich keine Wahl! Dann sind wir schon zwei“, lachte ich. – „Und über vergangene Leben … Ich habe gehört, dass man das vergangene Leben einer Person sehen kann und manchmal sagt man, was man gesehen hat. Würdest du etwas über mich sagen, weiser Mann?“
– „Da haben wir’s! Neugierde ist typisch für die Jugend. Manchmal hilft es sogar, aber nicht oft …“ – Sacharia kniff die Augen zusammen. – „Ich sehe die Vergangenheit nicht, Euseus. Und kaum jemand sieht das klar. Es ist nur so, dass ich schon sehr lange lebe. Erfahrung, Gefühle, Überlegungen …
Was ich von dir denke? Du wurdest zum ersten Mal geboren. Eine reine Seele, keine schwere irdische Erfahrung. Und dir wurde, EHRE sei dem VATER, die Inkarnation neben Johannes zuteil. Deine reine Seele hat genommen, was für sie bestimmt war. Vielleicht hattest du als Kind keine andere Wahl und hast dich für GOTT entschieden. Aber du hast es geschafft, diese Entscheidung in dir zu bewahren und sie mit deinen Schritten zu bekräftigen, als du erwachsen wurdest. Du bist ein Apostel, Euseus, der von einem der engsten Jünger CHRISTI aufgezogen wurde, der nicht anders konnte, als in dir das zu sehen, wozu du bestimmt warst.
Ich danke Gott, dass ich dich getroffen habe, mein Sohn. Ich werde auf deinem Rückweg auf dich warten. Alles nach GOTTES WILLEN! Und ob ich warten kann? Wenn du an Noah denkst, dann ist mein Alter doch erst die Jugend …“
Wir schwiegen. Sacharia streichelte meinen Kopf.
– „Als ich Noah erwähnte, fiel mir ein, was ich dir sagen wollte. Ich komme aus Alexandria, einer jungen Hauptstadt, die etwas mehr als vier Jahrhunderte alt ist. Der große Mazedonier Alexander gründete sie während der Blütezeit der hellenischen Welt. Es gibt dort viel an griechischer Philosophie, jüdischem Denkern, viel Erinnerungen an die Götter Ägyptens, und es gibt eine große Bibliothek und die größte Synagoge …
Als ich jung war, reisten meine Freunde und ich den Nil entlang nach Süden. Wir besuchten die alte Hauptstadt der großen Welt, eine sehr alte. Es war ein starker Eindruck, Euseus. Die Gebäude, die ich dort gesehen habe, sind viele tausend Jahre alt …
Warum erzähle ich dir das? Deine Neugierde und dein Wunsch, alles zu verstehen. Es ist unwahrscheinlich, dass die heutige Menschheit in der Lage wäre, solche Gebäude zu errichten, da sie noch nicht über die Mittel dazu verfügt. Aber wenn du auf dem Rückweg vorbeikommst, erzähle ich dir von einer interessanten Papyrusrolle aus dem königlichen Teil der Bibliothek …

Am Abend versammelten wir uns mit unseren Freunden in einem Zelt, und jeder, jede Familie, musste entscheiden, ob sie mit mir weiterziehen wollte. Die Entscheidung wurde von den Männern getroffen – die Frauen wussten, wen sie geheiratet hatten.
Ich sagte, es sei eine halbe Mondreise bis zum Euphrat, vielleicht auch mehr. Mit denen, die weitermachen wollten, würden wir eine Gemeinde am Fluss gründen. Die Entscheidung muss bis morgen getroffen werden, gut durchdacht, denn hier in der Gemeinde Sacharias werden diejenigen, die bleiben, sehr willkommen sein. Ich sagte auch, dass ich auf meiner Reise noch nie eine so geeinte Gemeinschaft wie diese getroffen habe.
Asana hob als Erste die Hand und sagte:
– „Ich werde mit dir gehen.“
Danach folgte Alan. Nathan brüllte in das ganze Zelt:
– „Euseus, wir werden bei dir sein, bis du sagst: ´Das reicht, Brüder. Ich kann euch nicht mehr sehen, ich werde alleine weitergehen.´ Bestimme den Tag der Abreise, wir sind bereit. Haran will mit uns gehen, seine Frau ist Isc・. Ich würde sie mitnehmen.
Lukas breitete lächelnd die Hände aus: Wir sind zusammen von zu Hause weggegangen, wir haben beide den Großvater geliebt.
– „Euseus, Agur möchte mit uns gehen“, sagte er. – Sollen wir ihn mitnehmen, wenn du nichts dagegen hast?“

Die Gemeinde veranstaltete ein Fest der Freundschaft und Dankbarkeit. Es war Frühling. Es war ein sonniger, warmer Tag, der sich dem Abend näherte. Ein gemeinsames Mahl, das Abendmahl mit dem Brechen von Broten und einem Kelch. Gesänge, schöne, ruhige Mädchentänze zu den Klängen eines Saiteninstruments und einer Flöte …
Die Jugendlichen veranstalteten einen Ringkampf. Nathan und Adonia rangen mit halber Kraft, aber mit ernsten Gesichtern und ermunterten ihre Rivalen mit Lob.
Beim Wettbewerb „Wer klettert zuerst auf die Palme“ (zwei gleich hohe Palmen, die nahe beieinander wuchsen) war Agur einer der Gewinner. Er war an diesem Tag zwölf Jahre alt. Zu unserer Gruppe kam eine willensstarke Verstärkung. Auch der neunzehnjährige Haran bewies Kraft und Geschicklichkeit.
Wir brachen am Morgen auf. Wir waren vierzehn Personen: sechs Frauen und acht Männer mit Agur. Wir verabschiedeten uns nicht von Sacharias Gemeinschaft; unser Plan war, in Kontakt zu bleiben: Sobald wir uns an einem Ort ein wenig eingelebt hatten, würden wir einen Boten schicken – vielleicht könnten wir die Hilfe von Freunden brauchen.
Sacharia und ich umarmten uns und waren den Tränen nahe.
– „Ich wünschte, ich könnte dich auf dem Rückweg sehen und dir alles erzählen.“
– „Ich werde auf dich warten, mein Sohn. Alles nach dem WILLEN des VATERS. Lob sei IHM, und Dank für unsere Begegnung. ER ist mit euch …

Nach einer fünftägigen Reise verließen wir die Berge und erreichten ein Tal an der Grenze zu Obermesopotamien. An einem sonnigen, klaren Tag konnte man im Nordosten und Osten weit entfernte schneebedeckte Gipfel sehen. Wir betraten die nördlichen Länder des „Gesegneten Halbmonds“, eine der Geburtsstätten der heutigen menschlichen Zivilisation.

Die Geschichte von Euseus – Teil 2 – Kapitel 11

Ich war auf dem Weg zu einem Jungen namens Agur, elf oder zwölf Jahre alt, den ich von seiner Besessenheit befreien sollte. Der Frühling begann – er kam schon im Februar. Der Duft der Blüten lag bereits in der Luft und regte meine Gedanken an. Die Reise würde bald vor uns liegen … Die Mutter von Agur fragte mich:
– „Soll ich lieber gehen?“
– „Ja, das wäre besser.“
Was dann geschah, war eine äußerst überraschende Begegnung. Sie veränderte mein bereits bestehendes Verständnis von Besessenheit, erweiterte den Horizont des Themas an sich erheblich und veranlasste mich, immer weitere Fragen über die Welt zu stellen, in die ich von meiner geliebten Mutter hineingeboren wurde. Ich habe vielleicht nicht die Worte und Begriffe der damaligen Zeit, um dieses Wunder zu beschreiben (was mir damals wie ein Wunder vorkam), aber ich werde es versuchen …
Ich fragte den Jungen, der als einziger in der Gemeinde einen Dämon besaß:
– „Agur, was kannst du mir sagen? Was ist anders geworden im Vergleich zu früher?“
– „Euseus, ich halte mich jetzt nicht immer zurück. Oft noch werde ich wütend, schreie meine Mutter an und mache mir dann Sorgen. Aus heiterem Himmel beginne ich mit meinem Vater zu streiten, als ob mich jemand schubsen würde: ´Sag ihm das…´ Ich halte mich nicht immer zurück, ich rede … Wenn ich von meinem Vater eine Ohrfeige bekomme, schreie ich etwas Böses zurück und kann nicht aufhören. Ich sage zu meinen Freunden Worte, die mir vorher nie in den Sinn kamen …“
– „Und wie ist es jetzt? Möchtest du mich beschimpfen?“
– „Nein, überhaupt nicht. Ich weiß, dass du mein Freund bist.“
Während Agur sprach, behielt ich den Dämon im Auge. Er hatte es nicht eilig, auf meine Anwesenheit zu reagieren, genauer gesagt, er reagierte überhaupt nicht. Er sah aus wie ein kleiner Mann, dem jemand das Haar auf dem Kopf zerzaust und dann vergessen hat, es zu kämmen …
– „Gut, Agur. Mal sehen, ob wir nicht herausfinden können, was du da hast. Hilf mir. Sprich ein Gebet. Zusammen schaffen wir es.“
Agur nickte. „Guter Junge“, dachte ich. – „Warum hat er einen Dämon? Der hätte in das nächstgelegene Dorf gehen sollen …“
Ich ging auf den Jungen zu, legte meine Hände über seinen Kopf und begann zu beten.
– „Was willst du?“ – fragte Agurs Stimme plötzlich. Es war klar, dass nicht er sprach. Agur sah mich schuldbewusst an, als ob er sagen wolle: ich kann nichts dagegen tun.
Ich versuchte zu lächeln, um ihn nicht zu beunruhigen.
– „Das Gleiche wie immer“, sagte ich, „damit du gehen kannst.“
– „In Ordnung“, antwortete dieser Jemand ruhig. – „Ich kann gehen. Und komme zurück, wenn du weg bist.“
– „Dann werde ich dich auflösen müssen“, sagte ich. Das ungewohnte Szenario verursachte allmählich ein Unbehagen.
– „Ein Kreuz aus Feuer? Es wird nicht funktionieren. Du hast mich nicht erschaffen, also kannst du auch nicht das Gegenteil tun. Ich bin kein totes Tier“, antwortete der Mann mit leiser Stimme, ohne Grunzen oder Knurren. Er trat aus dem Feld des Jungen heraus und schwebte nun über ihm.
– „Wer bist du?“, war die einzige Frage in meinem Kopf, auf dem sich die Haare sträubten.
– „Ich habe keinen Namen. Ich bin ein Geist. Ich war einmal eine Botschaft“, antwortete er in seiner schwebenden Position.
Er konnte Agurs Körper, Agurs Sprache benutzen, ohne in ihm zu sein! Auch das trug nicht zur gewohnten, erarbeiteten Zuversicht bei.
– „Versuchst du, mich zu beruhigen, mich abzulenken?“ – fragte ich.
– „Und warum? Du fragst, ich antworte. Wenn wir mit der Kommunikation fertig sind, kann ich gehen. Ich brauche nicht die Kraft, die du hast, die Kraft, die du benutzt. Ich bin wegen einer anderen Kraft gekommen … Davon gibt es hier nicht genug.“
– „Und wer hat dich geschickt?“
– „Ich kann nicht feststellen, wer mich geschickt hat – es ist eine fremde Welt. Ich habe geschlafen. Man hat mich geweckt, gab mir einen Auftrag. Durch mich soll eine Kraft fließen, ich suche sie. Wenn es die Kraft nicht gibt, gehe ich wieder schlafen.“
– „Welche Art von Kraft brauchst du?“
– „Nicht die Art, die du anwendest. Deine Kraft ist leicht, ich brauche eine schwere.“
– „Können wir etwas vereinbaren?“ – Ich verstand, dass ich eine unnötige Frage gestellt hatte. Daraufhin sagte ich: „Machen wir es so: Du gehst weg und kommst nicht mehr hierher, in die Gemeinschaft.“
– „Einverstanden. Für mich gibt es hier fast keine Nahrung mehr. Nach dem Aufwachen brauchte ich Kraft. Ich habe sie hier gefunden. Jetzt kann ich weitergehen. Dieser junge Mann kann nicht die dringend benötigte Energie liefern, er hat andere Pläne. Die Gemeinschaft ist ein Ort der leichten Kraft.“
– „Wenn du geschlafen hast, bedeutet das, dass dich jemand erschaffen hat?“ – Meine Neugierde ließ diesen unbegreiflichen Dämon, oder besser gesagt, diese unbegreifliche Kreatur, nicht los.
Eine ungewöhnliche Geschichte: Ich wollte einen Dämon exorzieren und war fasziniert von der Kommunikation mit ihm.
– „Ich wurde von einem geschaffen, der euch Menschen ähnelt. Aber er war anders, er wusste seinen Verstand zu benutzen. Es ist schon lange her – ich kann die Zeit nicht genau beziffern. Ich war eine Botschaft – er erschuf mich mit seinen Gedanken. Und schickte mich zu einem wie ihn mit einer Nachricht: ´Es ist an der Zeit. Der Planet hat sich in Bewegung gesetzt.´ Ich kehrte zu demjenigen zurück, der mich geschaffen hatte, und übermittelte ihm die Antwort: ´Verstanden. Beginn der Bewegung´. Es gab keine weiteren Aufgaben.“
– „Und was ist dann passiert?“
– „Ich weiß es nicht. Ich habe geschlafen. Ich war nicht da. Als ich erwachte, war ich von einer unbekannten Welt umgeben. Eine Menge Wasser. Mein Schöpfer hat nicht im Wasser gelebt.“
– „Und wo bist du aufgewacht?“
– „Am Meer. Wo dieser Fluss ins Meer mündet. Wo das Haus des Meisters war.“
– „Und wie wurdest du geweckt?“
– „Es gab einen Kräfteschub. Mir wurde die Energie zum Handeln gegeben. Es wurde eine neue Aufgabe gestellt – die Suche nach einer schweren Kraft. Ich kann die Quelle dieser Kraft unfehlbar finden.“
– „Und wenn du diese Kraft findest, was machst du dann mit ihr?“
– „Ich fülle mich mit ihr, ich verdichte sie. Sie fließt durch mich zu dem, der mich geweckt hat.“
– „Und wo ist derjenige, der dich geweckt hat?“
– „Er ist nicht hier.“
– „Wie kann ich deinen Auftrag ändern? Oder wie bringe ich dich zum Schlafen?“
– „Du hast nicht die Macht, meinen Auftrag zu ändern. Nur derjenige, der mich erschaffen hat, und derjenige, der mich geweckt hat, kann das tun. Ich kann nur einschlafen, wenn ich keine Kraft habe, wenn ich keine Nahrung bekomme.“
– „Wer war dein Schöpfer? War er ein Mensch?“
– „Er ist intelligent. Er weiß, wofür sein Verstand da ist. Seine Gedanken sind geordnet. Er ist wie du, aber es gibt keine schwere Kraft in ihm. Euch kann man einer Spezies zuordnen, aber ihr seid nicht organisiert, euer Verstand befindet sich im Stadium der Entwicklung … Ich kann keinen genauen Vergleich anstellen …“
Meine Fragen waren festgefahren, sie konnten sich nur noch im Kreis drehen, obwohl es viele in mir gab …
– „Mehr habe ich nicht zu fragen…“, sagte ich und spürte, wie in mir Unmut aufstieg. Ich habe diese Aufregung gerade noch rechtzeitig bemerkt, habe gelächelt, an den VATER gedacht, an das LICHT, das sich immer auf mich ergießt, und die Aufregung löste sich …
– „Ich gehe fort und komme nie wieder hierher zurück. Das steht nicht im Widerspruch zu meinem Auftrag“, sagte der Geist und huschte davon.

– „Lasst uns beten, Agur.“ – Wir haben gebetet. Ich fragte ihn: „Was denkst du darüber, Bruder?“
Agur wischte sich die Tränen weg:
– „Danke, Prophet. Ich werde öfter beten … Ich werde wirklich beten. Ich will mich nicht mehr mit Vater streiten und Mutter anschreien … Und ich will nicht, dass dieser Geist wiederkommt, er ist immer noch stärker als ich …“
Man kann sich vorstellen, wie verblüffend es für mich war, mit diesem … Geschöpf zu sprechen. Es wäre einfacher, das Geschehen in der Sprache der gegenwärtigen Inkarnation auszudrücken.
Ich bin vor fast zweitausend Jahren mit einem Wesen zusammengetroffen, das durch Gedankenbilder eines humanoiden Geistes geschaffen wurde, der eine viel höhere Entwicklungsstufe als die unsrige hatte.
Dieser intelligente Mensch existierte in einer unbekannten Epoche auf der ERDE, es ist schwer zu sagen, wann, aber definitiv vor der Sintflut. Außerdem wurde die von ihm geschaffene Kreatur von einer Welt außerhalb der Erde so umprogrammiert, dass sie ein bestimmtes Spektrum der vom Menschen ausgehenden Energie sucht und verbraucht. Es stellt sich heraus, dass derjenige, der dieses Wesen, dieses lebende Programm (irgendwie möchte ich es nicht als ‚Dämon‘ bezeichnen), umprogrammiert hat, nicht weniger geistige Kraft besaß als derjenige, der dieses Wesen durch die Kraft der Gedanken erschaffen hat…

Von Agur aus ging ich zum Fluss, ich brauchte Olivia dringend. Mir schwirrte der Kopf vor Überanstrengung. Ich musste mit Olivia kommunizieren und sie einfach sehen: Ich vermisste sie, Olivia war meine Heimat, also Ani.
Der Fluss lebte im Frühling. Ein Aufblühen, das den Herbst und das Fallen des Laubes nicht kennt, immergrünes Leben, der üppige Duft der leuchtenden Blumen, der dichte Atem der Palmen … All das mischte sich in das herb-süße Aroma und lenkte mit angenehmer Sehnsucht von den Gedanken ab, die nicht mehr wichtig waren … Die eigenartige Weiblichkeit des Frühlings zog über das feuchte, blühende Land und nahm den Männern die Eitelkeit des Berechnens und des Strebens nach unvernünftigen Handlungen. Ein bezauberndes Geheimnis. Man wollte sich darin auflösen und dann, nachdem man diesen sanften Rausch in sich aufgesogen hatte, sich wieder sammeln, dann aber von dieser süßen, herben, frühlingshaften Stimmung durchdrungen …

Olivia erschien nicht allein, sondern zusammen mit einer blonden Schönheit, der Hüterin des Flusses, die dunkelbraune Augen und eine geschmeidige Taille mit sanften Kurven besaß.
Olivia berührte meine Hände und Füße so vertraut, als hätten wir uns erst gestern gesehen. „Sie weiß, dass ich sie nicht vergesse, und sie kann meine Gedanken immer berühren“, dachte ich.
– „Ich bin froh, dich zu sehen, Euseus, Freund der Hüter“ – die olivfarbenen Augen lächelten aufmerksam.
Die Herrin des Flusses sah mich mit einem Lächeln an, als wäre ich ein alter Bekannter, und berührte mich auf dieselbe Weise wie Olivia.
– „Ich freue mich sehr, euch zu sehen, meine Freunde.“ Ich verbeugte mich.
– „Olivia, du kannst dir kaum vorstellen, wie froh ich bin. Ich habe dich vermisst, ich habe mein Zuhause vermisst, ich habe Ani vermisst.“
– „Ich schaue manchmal in deine Gedanken, Euseus … Ich sehe dich mit Ani, ich liebe dich, ich schätze unsere Freundschaft … Alle meine Freunde und Bekannten sind deine Helfer – sie kennen deine Wege … Ich möchte dir Leta vorstellen, Hüterin dieses sanften, blühenden Flusses.“

Leta drehte sich spielerisch, hüpfte ein wenig und schwebte einen halben Meter über dem Boden in der Luft, wobei sie im Sonnenlicht funkelnde duftende Wassertropfen über mich ausstreute.
– „Gibt es etwas, was du mich fragen wolltest?“ – Olivia lächelte.
– „Etwas“, lächelte ich. – Aber es schien nicht mehr dringend zu sein …
Olivia begann mit ihren Glocken eine frühlingshafte, sinnliche Melodie zu spielen und tanzte geschmeidig.
– „Vergiss nicht, Ani ist bei uns“, lächelte sie, während sie weiter tanzte.
Leta tanzte sofort mit, die Mädchen hatten ein erstaunliches Gespür füreinander. Der Tanz des jubelnden Frühlings – ein anderer Name fiel mir nicht ein. Die Mädchen wirbelten um mich herum, Leta begleitete mit den Glocken, wobei sie die Intonation der sanften Melodie exakt wiederholte …
In meinem Kopf gab es keine Rätsel, keine verwirrenden Überlegungen, keine Probleme, nur den freudig-schmachtenden Atem des Frühlings …
– „Es bleibt eine Frage offen. Warum sind alle Hüterinnen so schön?“
– „Wir können die Aufmerksamkeit genießen, sie schätzen, ohne sie zu verlangen“, sang Olivia und tanzte weiter. – „Und dankbar sein.“
– „Wir kennen keine brennenden Emotionen – Wut, Missgunst, Beleidigung „, fügte Leta hinzu.
– „Wir müssen nichts besitzen, wir haben alles. Wir müssen einfach nur leben,“ schwärmte Olivia.
Der Tanz wurde allmählich langsamer.
– „Ani ist außergewöhnlich schön, sie kennt unsere Geheimnisse und ist voller Leben“, sagte Olivia. – „Sie hat eine seltene Gabe für einen Menschen – zu lieben und nichts im Gegenzug von dem, den sie liebt, zu erwarten, und glücklich zu sein mit dem, was ihr gegeben wird … Sie ist nicht in der Lage, dich nicht zu lieben … Sei standhaft in deiner Arbeit, du wirst immer willkommen sein … Und sie kann auch, was wir können, was aber selten irdische Mädchen können – nämlich sich mit dir zu verbinden, egal wie weit weg du bist. . Sie fühlt die Ewigkeit … Euseus, wir sind bei dir … Jetzt ist es Zeit für mich zu gehen. Leta wird dir helfen.“
Olivia berührte mich, hinterließ ein Glockenspiel im Raum und flog davon …

– „Schöne Leta“, sammelte ich mich in der frühlingshaften Realität, lächelte und drehte mich um. – „Eine Frage. Gibt es in deiner Flussmündung am Meer etwas Uraltes? Antike Behausungen?“
– „Ja, Euseus. Tief unter dem Felsen verbirgt sich eine antike Welt – so nenne ich diesen Ort. Dort gibt es Spuren von altem Leben. Überreste einer anderen Zeit. Heutzutage ist der Mensch nicht mehr in der Lage, sein Leben auf diese Weise zu .gestalten.“
– „Was ist das? Und wann gab es dort Leben?“
– „Als ich kam, waren die Ruinen bereits da. Eine intelligente vormenschliche Welt. Man kann ihre Intelligenz an den Überresten der Behausungen erkennen, an ihrer Erhabenheit … Die alten Hüter sind mit dieser Welt verschwunden. So ist es immer, sie verschwanden, so wie die Welt verschwand. Auch die Menschen verschwanden. Wohin sie gegangen sind – ich weiß es nicht, es hängt von ihrem Verstand ab… Die MUTTER verändert sich, wie alles Lebendige …“

Die Geschichte von Euseus – Teil 2 – Kapitel 10

Der Probemonat verflog unauffällig. Wir haben uns in der Probezeit bewährt und nahmen sofort am Leben der Gemeinschaft teil, wurden ein Teil von ihr. Und das Ergebnis unseres getrennten Wohnens von den Frauen unserer freundschaftlichen Gruppe war das Entstehen einer neuen Familie: Nasir und Junia konnten das Getrenntsein nicht aushalten, vereinigten sich schnell, und die Gemeinschaft stellte ihnen ein eigenes Zelt aus denselben dunklen Fellen zur Verfügung. Es war eine Werkstatt, in der Wolle gekämmt und gesponnen wurde. Auf Beschluss des Ältestenrates wurde es vorübergehend zu einem Wohnhaus für die junge Familie umgebaut.
Das Beispiel von Nasir und Junia steckte nicht nur Asana und Alan mit einem unheilbaren natürlichen Virus an, sondern auch Nathan und Adonia – sie freundeten sich mit den Zwillingsschwestern, Urenkelinnen oder Ururenkelinnen von Sacharia an. Dies geschah vor den Augen der ganzen Gemeinde, hier war immer alles zu sehen, und die Größe der Brüder und ihr Handeln machten es ihnen unmöglich, unbemerkt zu bleiben, so dass es kein Zurück mehr gab. Sie dachten auch kaum an einen Rückzieher, sie konnten nur noch in die Offensive gehen.
Die Brüder hatten Zeit für alles: bauen, sich um ihre schönen Schwestern kümmern und abends auf der Lichtung am Fluss mit den Jugendlichen ringen. Diese Übungen wurden zu einem beeindruckenden Vergnügen in der Gemeinde – die Jungen rangen fleißig, und die Mädchen nahmen geröstete Pistazien mit, um sich das anzusehen.
Lukas wurde ein echter Schmied, ein Meister seines Fachs. Ich war auch jeden Tag in der Schmiede, habe aber nicht so viel Zeit dort verbracht wie Lukas. Ich habe an den Versammlungen des Ältestenrates teilgenommen, zu denen ich von Sacharia eingeladen wurde, zwei- oder dreimal in der Woche an allgemeinen Versammlungen, sowie an Gesprächen mit dem Priester der Gemeinde, der vom Ältestenrat aus den Reihen der Gläubigen ausgewählt wurde, wobei Sacharia die entscheidende Stimme hatte.
Während unseres dreimonatigen Aufenthalts in der Gemeinde hatten Lukas und ich Zeit, einen örtlichen Meister und einen zwölfjährigen Lehrling in die Geheimnisse des Schmiedehandwerks einzuweihen: Wir lehrten, wie man Qualitätsstahl herstellt, und erzählten Details über das Härten von Stählen für verschiedene Zwecke.
Lukas, der sich der allgemeinen Stimmung anpasste oder vielleicht befürchtete, dass die Vorsehung eine solche Auswahl an Mädchen nicht mehr bieten würde, freundete sich mit einem grünäugigen Mädchen an. Und natürlich konnte es für ihn kein leichtfertiger Schritt sein (wie es in der heutigen Zeit oft der Fall ist). Lukas war ein verantwortungsbewusster, reifer Mann, trotz seiner achtzehn Jahre. Obschon ein Mann in diesem Alter für gewöhnlich daran dachte, eine Familie zu gründen, und die Mädchen sogar noch früher – das waren die Bedingungen des Lebens.

Ich hingegen schloss enge Freundschaft mit dem weisen alten Mann Sacharia und beschäftigte mich mit Erörterungen und Betrachtungen. Der Teil meines Herzens, der bei einem Mann einer Frau gehört (bei dem einem mehr, dem anderen weniger), war weit entfernt, in einer kleinen hellenischen Stadt in der südlichen Ägäis. Und dieser Teil war in mir sehr groß – ich fühlte mich sehr zu Ani hingezogen. Und es verging kein Tag, vor allem kein Abend, an dem ich nicht an sie dachte – an ihre Augen, ihre Hände, ihre Zärtlichkeit … Offenbar habe ich deshalb oft die Abende den Gesprächen mit Sacharia gewidmet, wenn die Freunde mit Mädchen plauderten – oder gleichzeitig rangen und mit Mädchen plauderten …
Ich werde einiges Interessantes aus den Gesprächen mit dem Weisen teilen, der mir Freund geworden ist.
– “In der Gemeinschaft wird kein Fleisch gegessen. Warum, Sacharia?“ – habe ich gefragt, weil ich diesbezügliche Worte des Lehrers nicht kannte. Und Großvater hatte nichts dergleichen gesagt.
– „Das hat nichts mit dem MESSIAS zu tun, Euseus. Als ich zwanzig Jahre alt war, ging ich von Alexandria nach Jerusalem. Ich war ein Essener, bis ich den Lehrer traf. Wir aßen kein Fleisch, wir versuchten, in Erwartung des MESSIAS rein zu sein … Die Essener warteten fast zweihundert Jahre auf ihn, aber nur wenige erkannten ihn.
Wir glaubten, dass Fleisch die Seele belastet, weil die Angst des geschlachteten Tieres in ihm lebt. Die Seele befindet sich in sterblichen Fesseln wie in einem Gefängnis, aber wenn sie davon befreit wird, freut sie sich und geht zum Himmel auf. Und je reiner die Seele ist, desto höher wird sie gehoben und desto glücklicher ist sie …
Nun, alle Essener wollten sich reinigen, aber sie nahmen einen Gesandten der Einheit an … Ein intelligenter Kopf, nicht nur ein intelligenter, ist mit vielen Schlussfolgerungen gefüllt – sowohl den eigenen als auch denen der anderen – und er will sie nicht aufgeben, denn sie sind ein Teil der Person … Das ist ein großes Problem. Jeder Mensch, ob König oder Trunkenbold, möchte alles um sich herum nach eigenem Willen verändern – aber wer will sich nach Gottes Willen verändern …“

– „O weiser Mann! Hier in der Gemeinde, in deiner Gemeinde, wird Paulus ein falscher Apostel, ein Abtrünniger, ein Prophet des Teufels genannt. Ist das deine Einschätzung?“
– „O mein Freund, Schüler eines weisen Mannes und bereits selbst ein weiser Mann, lass mich dich zuerst als der Ältere fragen“, lächelte Sacharia. – „Wie ist deine Einstellung zu Paulus und seinen Lehren?“
– „Ach“, seufzte ich, „ich werde versuchen, mich kurz zu fassen. So wie ich es heute verstehe, war Paulus kein Jünger des RABBI. Und ein Apostel ist jemand, den der LEHRER beauftragt hat, die BOTSCHAFT zu allen Völkern zu bringen. Aber Paulus kannte RABBI nicht, was bedeutet, dass ER ihm zu SEINEN Lebzeiten so etwas nicht anvertraut haben kann. Paulus war also kein Apostel im Auftrag des lebenden LEHRERS.
Paulus sah CHRISTUS in einer Vision, ohne dass es Zeugen dafür gab, was genau er in dieser Vision sah, und er erhielt den Auftrag, zu den Heiden zu gehen und die BOTSCHAFT von CHRISTUS zu verkünden, dessen WORTE er nicht gehört und den er zu Lebzeiten nicht gekannt hatte.
Und ich glaube, Paulus konnte in der Vision, die auf ihn herabkam, nicht den wahren RABBI sehen: Der LEHRER hatte sich vor der neueren ERSCHEINUNG längst von den Jüngern verabschiedet und war zum VATER gegangen …
Ich bin nicht einverstanden mit der Lehre des Paulus, mit seinen Überlegungen zu CHRISTUS. Meiner Meinung nach versuchte er, im Judentum eine eigene Schule zu gründen, und anstelle der Heiligkeit der Beschneidung, der Blutsverwandtschaft des Juden mit dem GOTT Israels, führte er eine neue heilige Idee ein – das Blut CHRISTI, der für die Sünden derer, die an IHN glaubten, büßte und uns alle zur Befreiung erlöste.
Und darauf baute er seine Lehre auf. Aber in seinen Briefen und Botschaften gibt es fast kein Wort Gottes, keine Aussagen, keine Predigten des LEHRERS, nur seine eigenen Schlussfolgerungen und Erkenntnisse, die er angeblich vom HERRN erhielt. Er selbst erwähnt dies in seinen Briefen. Er schreibt über sich selbst, dass er mit CHRISTUS gekreuzigt wurde und dass nicht mehr er selbst lebt, sondern CHRISTUS in ihm. Er erwähnt den dritten Himmel, in den er aufgestiegen ist …“
– „Ja, Paulus ist ein Mystiker“, nickte Sacharia. – „ein Prophet, dem Offenbarungen von oben gegeben wurden und der aufrichtig an das glaubte, was ihm offenbart wurde. Und wahrscheinlich war er mit der Praxis der Streitwagen-Bewegung vertraut.“
– „Sacharia! In Israel gibt es doch Propheten wohin man auch schaut. Und so ist es seit tausend Jahren. Aber warum ist nur ein kleiner Teil von ihnen im GESETZ enthalten. Wer hat diese Entscheidung getroffen? Und wie bestimmt man einen Propheten?“
– „Mein Sohn! Ich stimme im Allgemeinen mit deiner Ansicht über Paulus überein. Und die Wahrhaftigkeit eines Propheten lässt sich nur auf eine Weise feststellen: Wenn sich das, was der Prophet gesagt hat, nicht bewahrheitet und nicht in Erfüllung geht, dann hat es der HERR nicht gesagt. Wer so etwas sagt, ist ein falscher Prophet und muss sogar mit dem Tod rechnen. So hat es der HERR durch Mose bestimmt. Ein Prophet in Israel zu sein, ist tödlich gefährlich.“
– „Nun gut! Aber Paulus war davon überzeugt, dass CHRISTUS bald wiederkommen würde, und er, Paulus, lebendig im Fleisch, würde auf ihn warten. Zuerst, so prophezeite er, würden diejenigen auferstehen, die bereits wegen ihres Glaubens an CHRISTUS gestorben waren, und dann würden wir, die Lebenden, zusammen mit den Auferstandenen auf Wolken fortgetragen werden, um dem Herrn in der Luft zu begegnen … Nichts davon ist geschehen. Paulus wurde nicht lebend auf die Wolken emporgehoben. Und der HERR ist nicht in der Luft erschienen, um den Lebenden und den Toten zu begegnen … Seine Prophezeiungen haben sich nicht erfüllt. Und der HERR hat nicht durch ihn gesprochen. Also ist er ein falscher Prophet.“
– Siehst du, du hast die Schlussfolgerung gezogen, die man auch hier gezogen hast. Mose sagte schon vor langer Zeit, dass der Herr denjenigen senden würde, der in SEINEM NAMEN sprechen würde. Paulus gibt zu, dass JESUS das WORT GOTTES, der GESALBTE, ist. Aber es gibt nur einen, der der GESALBTE sein und im NAMEN des HERRN sprechen kann. Wenn es JESUS ist, dann kann Paulus auf keinen Fall im Namen des Herrn sprechen. Weder du noch ich können das“, lächelte Sacharia. – „Aber die Briefe und Botschaften von Paulus kreisen weiter durch die Gemeinden und Kirchen des Reichs, und mit den Briefen verbreitet sich die Sichtweise von Paulus auf CHRISTUS, und die Menschen bauen ihren Glauben darauf auf …
Also haben wir es einfach gehalten. Niemand hier liest die Briefe des Paulus. Das ist meine Entscheidung. Vielleicht nicht das Beste … Ich würde nicht wollen, dass unsere jungen Leute, die gerade im Glauben stark werden, so an ihn herangehen, wie Paulus es vorschlägt.
Und, mein Freund, wenn die Menschen dem nahestehen, was Paulus predigt, werden sie es aufnehmen, es verbreiten und ihren Glauben darauf aufbauen, ob Paulus nun Recht hatte oder nicht. Deshalb ist der WEG der Erfüllung der Wahrheiten der LIEBE, die der LEHRER gebracht hat, so schwierig …
Aber wessen Prophet oder Gesandter Paulus ist … ihn mit dem Teufel in Verbindung zu bringen … Ich bin nicht für derartige Überlegungen und Einschätzungen. Eine solche Frage kann jeden von uns betreffen. Wenn wir der Versuchung erliegen, die uns der Versucher anbietet, der uns besser kennt als wir selbst und klüger ist als wir, und die Versuchung zum Führer unseres Stolzes wird – wessen Bote und Helfer werden wir dann?“ – Sacharia sprach gemächlich und wiegte sich ein wenig. – „Wir werden wahrlich zu Anhängern Satans.“

Satana oder Satán, der Fürst der Finsternis, der Herr der Dämonen, der Teufel war ein weiteres Gesprächsthema beim Treffen mit Sacharia.
– „Du Weiser! Satan, der Versucher, der Fürst der Finsternis, der Teufel … das ist alles ein und dasselbe. So wie ich es aus der TORA und den Propheten verstehe, wird so ein Engel des HERRN genannt – Satan, der zu SEINER Linken im HEER des HERRN steht. Und die Dämonen, die bösen Geister, der Beelzebub, die ich aus dem Jungen austreiben soll, wessen Boten, wessen Diener sind die? Engel Gottes?“
– „Ein interessantes Thema, Euseus, kein einfaches. Endgültiges Wissen oder genaues Wissen darüber, wie über viele andere Dinge, haben wir nicht und können es offenbar auch nicht haben. Und leider haben wir die Antworten des LEHRERS zu diesem Thema nicht. Das ist HÖHERER WILLE.
Aus der mündlichen und schriftlichen TORA entstand bei mir ein solches Bild … Ich sage dir gleich, solange wir noch nicht zu weit abgewichen sind, dass ich die Definition des „Teufels“, d.h. des „Verleumders“, nicht in deine Seiten aufnehmen würde.
Ohne zu argumentieren, kommen wir zu Schlussfolgerungen, die sich aus dem alten GESETZ ergeben. Satan ist ein Engel des SCHÖPFERS, der, wie alles in der WELT, von dem unbegreiflichen SCHÖPFER geschaffen wurde. Engel wurden als Boten des SCHÖPFERS geschaffen. Satan ist also auch ein Bote des SCHÖPFERS. Sein Ziel ist es, zu verführen, zu verlocken, zur Sünde anzustiften und schließlich anzuklagen. Er prüft die Treue des Menschen zu GOTT und klagt den Übeltäter vor GOTT, vor dem HOHEN Gericht an. Eine wenig beneidenswerte Rolle. Aber jemand muss es tun. Dementsprechend sind alle Dämonen, bösen Geister und Teufel Schöpfungen des ALLMÄCHTIGEN. Und sie wurden zu demselben Zweck geschaffen – um die Menschen daran zu hindern, den WILLEN des SCHÖPFERS zu tun, um Hindernisse und Prüfungen aufzustellen, damit die Menschen die Wahl zwischen Gut und Böse haben, eine Gelegenheit für geistiges Wachstum. Allerdings besteht natürlich die Möglichkeit eines Sturzes. Aber die Wahl ist frei, sie gibt es.“
– „Oh, mein weiser Freund! Es stellt sich heraus, dass auch der Dämon in dem Jungen eine Schöpfung Gottes ist. Das ist keine Frage, das ist eine Schlussfolgerung. Aber was ist die Wahl zwischen Gut und Böse in einer solchen Situation? Wie kann der Junge eine Entscheidung treffen, wenn der Dämon in ihm sitzt?“
– „Der Junge traf also vor dem Dämon die falsche Wahl, und der Dämon kam bereits als eine Konsequenz seiner Wahl. Und jetzt wird er ihn dazu anstacheln, weiterhin die falsche Entscheidung zu treffen.“
– „Aber der Junge kennt das Gesetz noch nicht.“
– „Das Alter spielt für das Gesetz keine Rolle. Dem Gesetz ist es egal, ob der Junge es weiß oder nicht. Das Gesetz gilt.“
– „Eine Antwort habe ich bekommen, Sacharia! Aber die Frage ist noch nicht erschöpfend beantwortet.
– „So so“, lächelte der weise Mann. – „Nur zu, mein Sohn, bring mein uraltes Hirn in Bewegung. So werde ich länger leben.“
In solchen Momenten war ich derart fasziniert, dass meine Gedanken (und es war Abendzeit) nicht mit Anis Bild in Berührung kommen konnten. Fazit: Ein Mann sollte an die Sache denken, nicht an die Frau.
– „O weiser Mann! Rabbi erzählte vom VATER der LIEBE und des LICHTS, der uns auffordert, unsere Feinde und diejenigen, die uns hassen, zu lieben und ihnen trotz ihres Hasses Gutes zu tun. Dann werden wir in die EWIGKEIT eintreten und den Tod nicht mehr kennen. Es stellt sich heraus, dass derselbe SCHÖPFER uns durch seinen Engel zur Sünde provoziert, einen Dämon für einen Jungen erschafft und uns auch lehrt, diejenigen, die uns hassen, selbstlos zu lieben und ihnen die andere Wange hinzuhalten, wenn sie uns auf die eine schlagen?“
– „Ich habe auch versucht, über diese Frage nachzudenken, Euseus … Ich bin nicht weit gekommen … Es geht um verschiedene Qualitäten SEINES WESENS, verschiedene Facetten des ALLMÄCHTIGEN. Obwohl das alte GESETZ nicht vom Wesen des UNBEGREIFLICHEN spricht, sondern nur von SEINEN Taten. Diese Norm haben wir jetzt überschritten.
– „Nun, ich bin ein unbeschnittener Heide, ich kenne nicht alle Regeln. Aber du, Sacharia, bist ein Jude, der auf den MESSIAS gewartet hat. Und wir versuchen jetzt zu verstehen, was RABBI mit dem alten GESETZ zu tun hat, auf dem das NEUE Gesetz basiert, das ER gebracht hat“, lächelte ich. – „Machen wir also weiter – wir sind schon weitergekommen . Und es stellt sich heraus, dass derselbe unergründliche und unveränderliche SCHÖPFER zuerst das Gebot „Hasse deinen Feind, Auge um Auge“ gibt und dann seine Meinung ändert und das Gebot „Liebe deinen Feind“ gibt.“
– „Das eine ist SEINE, des UNERGRÜNDLICHEN, Sache. Für die neue Zeit gibt es ein NEUES Gesetz.“
– „Das ist noch nicht alles, lieber Sacharia. Der LEHRER hat uns den NAMEN des HERRN offenbart, so hat ER gesagt. Der Name des Gottes der Juden ist Jehova, das wissen alle Juden. Welchen Namen hat RABBI dann offenbart?“
– „Ja, mein Sohn. ER offenbarte den NAMEN des VATERS der LIEBE und den entsprechenden Weg.“
– „Dann ist Jehova nicht der VATER der LIEBE?“
– „Ich komme nur auf eine Antwort zurück, eine andere habe ich im Moment nicht: `Der Herr der Welten schuf alles und sah, dass alles, was er schuf, sehr gut ist.`“
– „Das gestattet, dass der HERRSCHER der WELTEN auch den VATER der LIEBE erschaffen haben könnte und gesehen hat, dass das sehr, sehr gut ist.“
– „Alles ist möglich, Euseus. Denn ER erschafft ALLES.“
– Aber dann habe ich das Recht, den WEG zu wählen. Denn die Wahl wird angeboten. Mein WEG ist der WEG des VATERS der LIEBE und des LICHTS. Und nicht der GOTT des auserwählten Volkes. Wenn der ABSOLUTE HERRSCHER der WELTEN alles erschaffen hat, dann könnte ER neben dem VATER der LIEBE auch den GOTT Israels als eine SEINER WELTEN erschaffen haben. Und das kann weder bestritten noch bestätigt werden … Aber der VATER der LIEBE kann seinem WESEN nach nicht sagen, was der GOTT Israels zu Mose sagte. Weiser Mann, ich möchte diese Worte zitieren, die zum auserwählten Volk gesprochen wurden: `Wenn der HERR, euer GOTT, euch in das Land geführt hat, das ihr in Besitz nehmen sollt, und daraus viele Völker vertrieben hat, sieben Völker, die größer und mächtiger sind als ihr, wenn der HERR, euer GOTT, sie in eure Hände gegeben hat und ihr sie besiegt habt, dann verflucht sie – vernichtet sie! Schließt kein Bündnis mit ihnen und schenkt ihnen keine Gnade. Geht mit ihnen keine verwandtschaftlichen Verhältnisse ein, gebt eure Töchter nicht ihren Söhnen zur Frau, und nehmt ihre Töchter nicht zur Frau für eure Söhne. Sonst werden sie eure Söhne Mir entreißen, und die Söhne werden anderen Göttern dienen. Dann wird der Herr über euch zornig und wird euch sofort vernichten.`
Der blutige Preis des Auserwähltseins … Ich beende, lieber Sacharia, meine Überlegungen. Für mich ist das NEUE Gesetz nicht vergleichbar und in keiner Weise mit dem ALTEN Gesetz deines Volkes vereinbar. Die NEUE Vereinigung bedeutet Absage an die Erfüllung des oben Gesagten, an die Erfüllung dessen, was zu Mose gesagt wurde, und bedeutet die Annahme des einzigen WEGES der Erlösung, des WEGES der LIEBE. Und es gibt keinen anderen Weg, um von den Toten aufzuerstehen, wie es sich die Juden seit Jahrhunderten erträumt haben!“
Wir schwiegen.
– Feurig gesprochen, mein Sohn. Aber der letztendlichen Schlussfolgerung kann ich nicht zustimmen.“ – Sacharia umarmte mich.

– „Sacharia, ich möchte etwas mit dir teilen. Aber bitte lehne nicht voreilig ab was du hörst, hör bitte zu.“
– „Es ist interessant, dir zuzuhören, mein Sohn. Es ist schön zu sehen, dass es eine nachfolgende Generation gibt. Gelobt sei der ALLMÄCHTIGE, es ist SEIN WILLE. Fahr fort, Euseus.“
– „Ich habe unsichtbare Freunde, unsichtbar für viele. Naturgeister, Hüter des Landes oder Herren. Meine enge Freundin ist seit meiner Kindheit ein schönes Mädchen, das immer schön ist, die Herrin eines Olivenhains in meiner Heimat …“
– „Du bist also doch ein Mystiker, mein Lieber. Nur ohne die zusätzlichen Praktiken und das Reinigungsfasten“, lächelte Sacharia entwaffnend.
– „Sag mir, alter Mann“, fragte ich und erinnerte mich an Großvater, „was bist du? Wie hast du den Dämon in dem Jungen gesehen? Antworte bitte ohne zu scherzen …“
– „Ich habe ihn durch den Ausdruck des Jungen erkannt,“ – lächelte Sacharia weiter.
– „Nur dadurch?“ – Ich lächelte auch.
– „Mir ist auch aufgefallen, dass ich Teufel mit solchen Konturen noch nie gesehen hatte“, – Er hob scherzhaft die Augenbrauen.
– „Da haben wir´s! Du bist ein Mystiker, Sacharia!“
Sacharia kicherte nur zurück, genau wie Großvater, und sagte:
– „Ich lausche aufmerksam der Fortsetzung der Geschichte über ein ewig schönes Mädchen.“
– „Also dann. Olivia, so ihr Name, erschien auf der ERDE zusammen mit einem Menschen, sah verschiedene Gottheiten des Altertums. Sie sagt, dass die Götter herabkamen und mit den Erdenfrauen langlebige Menschen zeugten. Aber die Hauptsache ist: Sie sieht die Götter kommen und gehen, aber sie sieht nicht, woher der Mensch kommt und wohin RABBI gegangen ist. Obwohl sie die Person vierzig Tage lang nach dem Tod des Körpers sieht und die Person dann mit einem Feuer- oder Sonnenblitz irgendwohin verschwindet … Das heißt, sie sieht nicht die WELT des VATERS, weder den Himmel, noch die Hölle, noch das Fegefeuer, falls es existiert …“
– „Die Fragen sind sehr interessant, mein Lieber. Es gibt viel zum Nachdenken und Reden … Es ist schade, dass das Alter drängt,“ – scherzte der alte Mann. – „Aber es gibt eine Frage oder eine Vermutung zu dem, was du gesagt hast. Hättest du nicht die Schönheit selbst erschaffen können, aus deiner Fantasie heraus?“
– „Das könnte man vermuten. Aber ich bin nicht der Einzige, der sie sieht. Und sie lebte und lebt unabhängig von meinen Gedanken. Und sie hat Kenntnisse, die ich nicht habe. Was wäre, Sacharia, wenn ich sie anriefe und du sie auch siehst?“
– „Warte, mein Sohn. Das wäre zu viel für einen Abend. Lasst uns das auf ein anderes Mal verschieben.“

– „Gut, Sacharia. Und was die Dämonen angeht, so muss ich dir widersprechen, du Weiser … Der VATER der LIEBE und des LICHTS, unser VATER, kann nicht der Vater von Dämonen sein. Denn der Dämon flieht vor dem LICHT wie vor dem Tod, es gibt keine gefährlichere MACHT für ihn. LICHT gebiert nur LICHT, aber keine DUNKELHEIT … Du hast mich zu diesem Gedanken geführt. Dämonen können etwas bewirken – oder wir bewirken es selbst. Wir sind doch Götter, wir sind fähig, etwas zu erschaffen, gleich dem, der uns ERSCHAFFEN hat. Nur die DUNKELHEIT ist für uns leichter zu erschaffen als das LICHT. Denn wir fangen gerade erst an zu lernen zu lieben … Es ist wie in der Kindheit – aus Angst heraus kann man alles erschaffen, obwohl in der Dunkelheit, die uns Angst macht, niemand ist …
Nun, das war’s für den Moment. Nächste Nacht werde ich präzisere Worte finden …“